MORAL OHNE ZWANG

MORAL OHNE ZWANG

Ethisches Handeln als natürliche Frucht inneren Wachstums

„Es ist nicht die Aufgabe einer Religion, bestimmte moralische Forderungen dogmatisch zu proklamieren. Das Religiöse ist vielmehr eine dem Menschen eingeborene geistige Kraft. Es gehört zu ihrem Wesen, das Individuum zum Gemeinschaftswesen und schließlich zum kosmischen Wesen zu machen. In diesem Reifungsprozess entfaltet sich der Mensch zu einer Individualität, deren sittliches Handeln natürlicher Ausdruck ihres Fühlens und Denkens ist, frei von irgendwelchen Zwängen.“

Religion als Reifungskraft

Zweifellos haben Religionen oft den Standpunkt vertreten, dass man Menschen allein durch Angst und Furcht zu einem sozial angepassten Verhalten führen könne. Das Ergebnis war, dass viele Menschen sich aus Furcht vor einer „gottgesandten“ Strafe bei Fehlverhalten „religiösadäquat“ verhielten oder weil sie sich im Falle ihres Gehorsams Belohnungen erhofften, wenn nicht in dieser Welt, so zumindest in einem Himmel nach dem Tode. Angst und Furcht aber sind keine Mittel, um echte Religiosität oder um ein wirklich ethisch-moralisches Empfinden und Handeln in einem Menschen zu erwecken.

Es ist nicht die Aufgabe einer Religion, bestimmte moralische Ansichten und sittliche Forderungen dogmatisch zu proklamieren. Das Religiöse ist vielmehr eine dem Menschen eingeborene psychische Gerichtetheit, eine Art geistige Zentripetalkraft (d.h. eine nach innen, zur Mitte strebende Kraft; Anm.d.Red.), die den zentrifugalen (d.h. nach außen, von der Mitte weg strebenden; Anm.d.Red.) Tendenzen des natürlichen Egoismus entgegen wirkt und diese weitgehend ausgleicht. Es gehört zu ihrem Wesen, das Individuum aus seiner Vereinzelung herauszuheben und es zum Gemeinschaftswesen und schließlich zum kosmischen Wesen zu machen. In diesem Reifungs- und Entwicklungsprozess entfaltet sich der Mensch zu einer Individualität, deren sittliches Handeln natürlicher Ausdruck ihres Fühlens und Denkens ist, frei von irgendwelchen Zwängen.

Das Ich als Spaltpilz

Maßstäbe wie „gut“ und „böse“ haben nichts mit der Religion als solcher zu tun. So kennt denn auch die Ethik des Buddhismus keine „Du-musst“- und „Du-sollst“-Vorschriften: Jeder wird hier als Individuum entsprechend dem Reifegrad seiner Einsicht und geistigen Entwicklung in seine volle Eigenverantwortung gestellt.

Die Ursache von „gut“ und „böse“ ist unser Ich, das im dauernden Zwiespalt mit der Wirklichkeit steht. Die Überwindung dieser Entzweiung geschieht nicht durch Bekämpfung des Willens, sondern durch die Vernichtung der Ich-Illusion.

Die buddhistische Psychologie lehrt uns, dass das Verhalten eines Individuums drei Tendenzen hat: die des Begehrens, die des Zurückweisens (Widerstrebens) und diejenige, die von beiden Extremen frei ist. Begierde wie Widerwille sind Ausdruck eines Zustandes der Gebundenheit und stehen im Gegensatz zur dritten Verhaltensart, die ein Zustand der Freiheit ist. Gebundenheit setzt aber voraus, dass eine Kraft wirksam ist und zugleich etwas, das diese Kraft hemmt, wodurch ein Spannungsverhältnis zwischen zwei sich polar gegenüber stehenden Systemen entsteht: dem „Ich- Komplex“ und der Komplexität der „Welt“.

Der Versuch, diese sich als Begierde manifestierende Spannung auszugleichen, besteht einerseits in dem Versuch, sie zu befriedigen, und andererseits in dem Bemühen, die der Befriedigung entgegen stehenden Kräfte zu vernichten. Doch solche Versuche sind in beiden Phasen von vorn herein zum Misslingen verurteilt: Jeder Widerwille erzeugt wieder einen Willen, und jeder Befriedigungsakt ist der Keim (das heißt die fortwirkende Ursache) zu neuer Begierde. Diese Begierde aber ist wie die saugende Kraft eines Vakuums und kann durch nichts aufgehoben werden als durch die Aufhebung ihrer Ursache. Durch Hemmung jedoch entstehen im saugenden Strom „Wirbel“, die um so stärker und hemmender sind, je intensiver die Saugkraft ist.

So ist jeder Ausgleich von vorn herein unmöglich. Die Unmöglichkeit des Spannungsausgleichs, die völlige Diskrepanz zwischen subjektivem Willen und objektiven Gegebenheiten ist das, was wir „Leiden“ nennen. Die Überwindung dieser Disharmonie bzw. die Lösung der oben erwähnten Bindung, kurz: die Erlösung in den Zustand der inneren Freiheit, geschieht nicht durch Bekämpfung des Willens, sondern durch Aufhebung des Vakuums, das heißt durch die Vernichtung der Illusion von einem ewigen, unveränderlichen Ich oder Selbst. Mit anderen Worten: Alles Leid in dieser Welt entsteht aus einer falschen Einstellung. Die Welt ist weder gut noch böse. Erst das Verhältnis unseres Ich zu ihr lässt sie uns als das eine oder das andere erscheinen.

Wandel durch Einsicht

Während die Religionen der Vergangenheit weitgehend von ihren Anhängern die gläubige Annahme von unbewiesenen Glaubenssätzen verlangten, wollte der Buddha auf seinem Wege keine blinden Nachfolger, die unbesehen seine Anweisungen ausführen, ohne ihren Grund oder ihre Notwendigkeit zu erkennen. Für ihn lag der Wert des menschlichen Handelns nicht in der erzielten äußeren Wirkung, sondern allein in dem Beweggrund der Tat, das heißt in der Gerichtetheit und Haltung des Bewusstseins, aus dem der entsprechende Impuls entsprang.

Der einzige Glaube, den er von seinen Schülern erwartete, war der Glaube an ihre eigenen inneren Kräfte. Deshalb setzte er die vollkommene Anschauung und Einsicht (bzw. das Erlebnis der Vier Edlen Wahrheiten) an den Beginn seines Edlen Achtfachen Pfades. Erst die aus diesem Erleben erwachsende Geisteshaltung kann dann den vollkommenen, den ganzen Menschen erfassenden Entschluss reifen lassen, durch den unsere gesamte menschliche Persönlichkeit einen Wandel in Gedanken, Worten und Taten erfährt. Dieser Wandel führt im weiteren Verlauf durch vollkommene Verinnerlichung und Vertiefung zur völligen Erleuchtung.

Stationen des Wandels

Ist ein Mensch aufgrund seines inneren Erlebens so weit gereift, so wird das, was ihn auf seinem Wege hemmen könnte und für ihn nicht heilsam wäre, kaum noch in seinem Geiste entstehen. Wo es aufgrund alter Gewohnheiten vielleicht noch einmal auftaucht, wird er es zurückweisen und die positiven heilsamen Kräfte, die ihn mit sich selbst und der Umwelt in Harmonie bringen, bewusst hervor bringen und pflegen.

Die ständige Arbeit an sich selbst und die Kultivierung der sieben Erleuchtungsfaktoren (Vergegenwärtigung in klarer Bewusstheit, Wahrheitserforschung, heldischer Einsatz und Tatkraft, Inspiration und Begeisterung, innere Gelöstheit und heitere Ruhe, Verinnerlichung und Integration, freie Zuwendung zu allen Wesen bei gleichzeitigem Gleichmut allem gegenüber, was uns selbst betrifft) führt schließlich zu einer Transformation des Bewusstseins, in dem die Spannung zwischen Subjekt und Objekt, die durch begriffliche Unterscheidung geschaffen wird, durch die integrierende Kraft reinen Erlebens aufgehoben ist.

„Rein“ nennen wir dieses Erleben deshalb, weil es weder durch das Medium des Denkens noch durch irgendwelche vorgefassten Ideen reflektiert oder gefärbt wird und somit frei ist von Verblendung und ihren Begleiterscheinungen, nämlich Begehren und Aversion, Angezogensein und Sich-Abgestoßenfühlen. Wenn dieses Erleben nun tief genug ist, um unser ganzes Bewusstsein bis in unsere tiefsten Wurzeln zu durchdringen unter Aufdeckung unserer ursprünglichsten Motive, dann wird Nirvana verwirklicht.

Das Ende der Spaltung

Der Weise, der Heilige und mehr noch der Erleuchtete ist ein Mensch, der sich aller Beschränkungen entledigt hat und so zum schöpferischen Bereich durchgebrochen ist. Er ist „jenseits von Gut und Böse“. Alle die Eigenschaften, die man gewöhnlich als „gut“ bezeichnen würde, sind für den Vollendeten die einzig möglichen. Er hat nicht etwa die „bösen“ menschlichen Eigenschaften in sich ausgerottet, so dass nur die „guten“ übrig geblieben wären. Vielmehr ist seine Einstellung eine andere geworden, weil die gewohnten Vorurteile, geboren aus dem Nichtwissen, gefallen sind und damit auch jene Hemmungen, die im buddhistischen Sinne als „unheilsam“ gelten, nicht mehr existieren. So ist er im wahrsten Sinne „heil“, „ganz“, „vollständig“, in sich eins, das heißt „gesund“ geworden. Er hat die Krankheit jener durch Ich- Illusion verursachten Entzweiung überwunden, die im dauernden Zwiespalt mit der Wirklichkeit steht und welche die Ursache von „gut“ und „böse“ ist.

Und eben deshalb geht es nicht darum, irgendeiner vitalen Eigenschaft zu entsagen, sondern vielmehr um die Behebung einer Gleichgewichtsstörung bestehender Kräfte, durch deren Wiederausbalancierung nichts vernichtet und nichts hinzu geschaffen wird. So wie man bei einer unbelasteten Waage, deren Schalen nicht ausbalanciert sind, diesen Fehler dadurch behebt, dass man den Schwerpunkt des Waagebalkens verschiebt und nicht als Ausgleich die höher stehende Schale mehr belastet, so muss auch die Disharmonie der menschlichen Psyche durch Verlegung des Schwerpunktes aus dem „Ich“ in das „Nicht- Ich“ behoben werden.

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