Es gibt verschiedene Wege, um die spirituelle Hingabe zu entwickeln und zu stärken. Einer davon wird bildhaft als das Verlöbnis zwischen der Seele und Gott beschrieben: Gott ist der Bräutigam, und alle Seelen sind seine jungfräulichen Bräute. Auch Christus sprach von sich als einem Bräutigam (vgl. Mt 9,15), dessen Gemahlin zur Hochzeit bereit sei (vgl. Off 19,7) und verglich die Jünger mit Gästen bei einem Hochzeitsmahl (vgl. Off 19,9).
Christliche Heilige haben dieses Bild immer wieder aufgenommen und sich als „Bräute Christi“ bezeichnet. Die heilige Katharina trug zum Beispiel einen Ring am Finger zum Zeichen, dass sie mit Christus verlobt sei. Diese äußerlichen Vergleiche dienen nur dazu, um eine tiefere, spirituelle Wahrheit zu verdeutlichen. Wenn zwei Wesen sich auf geistige Weise vereinen, vergessen sie ihren Körper und alles andere. Sie gehen glücklich ineinander auf, Seele in Seele, und vergessen die Welt. Ähnlich ist es, wenn eure Seele durch regelmäßige Meditation und häufiges Zusammensein mit einem gottverwirklichten Menschen spirituelle Eindrücke sammelt und im Herzen bewahrt – bis ihr tagtäglich fühlt: „Er in mir ist und ich in Ihm.“ Das braucht natürlich seine Zeit und erfordert Ausdauer und Geduld.
Der indische Mystiker Kabir (1440-1518) fasste diesen Vorgang der Sammlung in das folgende Bild: „Schließt die Augen, legt euch am Dritten Auge zur Ruhe und schaut nur Gott an, der sich dort in Lichtgestalt zeigt. Nehmt die Ausstrahlung auf, die er euch gibt. Dann seid ihr bei ihm und er ist in euch. Schaut nur einander an und niemanden sonst.“ Das ist ein klares Bild. So gewinnt ihr die Freude und Zufriedenheit des Herrn. Wenn ihr seine Eindrücke in euch aufnehmt, wird euer Herz mit der Zeit mit überströmender Liebe und Hingabe erfüllt. Und was bedeutet dieses Geschenk für euch? Dass ihr ihn nicht mehr vergessen könnt und immerzu an ihn denkt.
Wenn ihr dann andere „Bräute“ oder Schüler trefft, werdet ihr nichts lieber tun als über euren gemeinsamen Bräutigam zu sprechen – wie frisch gebackene Ehefrauen im weltlichen Leben: wann immer sie zusammen sitzen, erzählen sie am liebsten von ihren Ehemännern. Das Gleiche geschieht bei Schülern, die auf dem Heimweg zu Gott und von Liebe zu ihm erfüllt sind. Sie haben nur Gott im Sinn, und wenn sich zwei von ihnen treffen, dann sprechen sie nicht voneinander, sondern nur von ihm. Und dann strahlt natürlich auch seine Liebe zwischen ihnen auf.
Wenn ihr so von eurem Bräuti gam sprecht, wie nahe fühlt ihr euch dann innerlich mit ihm und miteinander verbunden! Wenn spirituelle Weggefährten so von Gott sprechen, dann spüren sie, wie ihre dadurch Liebe wächst.
Diese Verbindung kann nicht zerbrechen, nicht einmal nach dem Tode. Gott vereint uns in einer Verbindung, die selbst nach dem Verlassen des Körpers weiter besteht. Unser Meister Baba Sawan Singh sagte immer: „Wenn eine größere Gruppe von Leuten mit der Fähre über einen Fluss setzt, wird ein Teil von ihnen das andere Ufer zwar früher erreichen, aber schließlich treffen sie sich alle wieder.“ Alle, die auf den Weg zu Gott gestellt wurden, sind dazu bestimmt, zu ihm heimzukehren. Aber welche von ihnen finden wohl als erste heim? Die auf diese Weise Liebe und Hingabe entwickeln. Daran könnt ihr ermessen, wo ihr selber steht.
Gotterkenntnis ist das höchste Ziel des menschlichen Lebens. Doch vorher müsst ihr erst einmal zu euch selber finden und erkennen, wer ihr wirklich seid, jenseits aller materiellen körperlichen und weltlichen Eigenschaften, mit denen ihr euch jetzt noch gleichsetzt. Dazu müsst ihr lernen, euch willentlich von allen äußeren Dingen zu lösen. Eine Seele, die keinerlei weltliche Eindrücke mehr in sich hat und wahrhaft „ledig“, das heißt frei und ungebunden ist, wird in der Sprache der Spiritualität als Jungfrau bezeichnet. Nur sie ist in dasselbe „glänzend weiße Hochzeitsgewand“ (vgl. Off 19,8) aus göttlichem Licht gehüllt wie ihr Bräutigam und zur inneren Hochzeit bereit.
Der wirksamste Weg zu diesem Ziel ist die Meditation. Hier kostet die Seele vom himmlischen Hochzeitsmahl, dem Brot des Lebens, von dem Christus sagte: „Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit“ (vgl. Jh 6,51). Eine solche „Seelen-Braut“ wird in der „Ehe“ mit Gott für immer glücklich sein. Denn während ein weltlicher Bräutigam im allerhöchsten Fall hundert Jahre lang bei uns ist, ist es der Bräutigam der Seele für immer.