Ohne Freude glücklich sein?

Ohne Freude glücklich sein?

Die glücklichsten Menschen, die es je gegeben hat, waren vollkommen glücklich, weil sie frei von Freude waren. Freude ergibt sich aus der Berührung der Sinne mit der materiellen Welt. Wer Freude sucht, findet immer auch Leid. Glück ist eine Erfahrung der Seele. Es steht über dem Leid und schenkt ihr einen Frieden, der nirgendwo auf der Welt zu finden ist.

Freude ist nicht Glück

Die glücklichsten Menschen, die es in der gesamten Geschichte der Menschheit gegeben hat, waren zweifellos Gottessöhne wie Jesus. Sie waren vollkommen glücklich, weil sie von jeglicher Ichhaftigkeit frei waren – von Bindung und allen sich daraus ableitenden Gemütsregungen wie Freude, Gier, Ärger, Stolz, Verhaftetsein und so weiter. Jesus war glücklich, weil er sich Gott vollkommen ergeben hatte und Seinem Willen in jeder Lebenslage folgte. Wie ist es aber möglich, dass ein Mensch den höchsten Grad an Glück erreicht hat und gleichzeitig frei von Freude ist? Liegt hier nicht ein Widerspruch vor? Ich habe bewusst zwei verschiedene Begriffe gebraucht – Freude und Glück. Freude ergibt sich aus der Berührung der Sinne mit der materiellen Welt. Die Quellendieser Freude sind vielfältig und reichen von bloßem Sinnesgenuss bis hin zur subtilen, allgemein als geistig empfundenen Freude an Musik, Literatur oder anderen kulturellen Schöpfungen. Natürlich gibt es eine Stufenfolge im Wert dieser Freuden. Sie sind jedoch aus spiritueller Sicht in einem entscheidenden Punkt gleichzusetzen: alle diese Arten von Freude beruhen auf Sinneswahrnehmungen. Selbst die aus intellektueller Aktivität hervorgehende Freude ist durch die Sinneswahrnehmung bedingt, da auch der Verstand nicht über die Grenze hinaus reicht, welche die sinnlich wahrnehmbare Welt ihm setzt.

Ein wesentlicher Unterschied

Freude aufgrund von Sinneswahrnehmung hat nun einen entscheidenden Nachteil: sie ist sehr kurzlebig. Zum einen unterliegen die Sinnesgegenstände fortgesetztem Wandel; zum anderen verändern sich die Sinne selbst und schließlich ebenso die von ihnen abhängigen Gedanken und Gefühle. Schließlich ist die gesamte physische Existenz des Menschen ständigem Wandel unterworfen und von äußerst begrenzter Dauer. Glück ist im Unterschied zur Freude von ewiger Dauer, da es von den Sinnen, von der materiellen Welt und letztlich vom eigenen Körper und seinem Verfall unberührt bleibt. Glück ist eine Erfahrung der Seele. Die Seele ist unsterblich und ihrem Wesen nach unveränderlich. Ebenfalls ewig und unwandelbar istder Gegenstand des von der Seele erlebten Glücks: die göttlichen Offenbarungen, die der Seele im Zustand der Meditation zuteil werden. Diese Offenbarungen sind genauso unwandelbar und von äußeren Einflüssen unabhängig wie Gott selbst. Hier liegt der Ursprung von Jesu Glück. Durch seine ständige Verbindung mit dem Strom göttlicher Offenbarungen im Innern war er von äußeren Quellen der Freude zu jeder Zeit vollkommen unabhängig. Wer von Freude frei ist, steht auch über dem Leid, und so hebt sich der Widerspruch auf, der darin zu liegen scheint, dass jemand umso glücklicher ist, je mehr er frei von Freude ist.

Von der Freude zum Glück

Gottes Offenbarungen vermitteln der Seele eine solche Erfahrung von Glück und Frieden, wie sie nirgendwo sonst in der Welt zu finden ist. Wer dieses innere Glück erfahren hat, findet ganz von selbst keinen Geschmack mehr an äußeren Freuden – genauso wie ein kleines Kind, das einen Lehmklumpen in den Mund stecken will: wenn man versucht ihm den Klumpen wegzunehmen, schreit und wehrt es sich; gibt man ihm jedoch statt dessen eine Süßigkeit zu kosten, wirft es den Lehm freiwilligfort. In genau diesem Verhältnis stehen die Seligkeit der Meditation und die Freuden der äußeren Welt zueinander. In den Lebensbeschreibungen der Propheten oder Heiligen können wir übereinstimmend eine Phase der inneren Einkehr erkennen, in der sie sich ganz dieser inneren Seligkeit und Erleuchtung hingeben und nichts anderes wollen, als vom Rest der Welt in Frieden gelassen zu werden. Von Buddha wissen wir beispielsweise, dass er sich viele Jahre lang in die Wildnis zurückzog und unter dem so genannten Bodhi-Baum in Meditation versunken saß. Jesus soll vierzig Tage und Nächte in der Wüste verbracht haben, ohne den Versuchungen des Teufels nachzugeben, der ihn mit der Herrschaft über die ganze Welt lockte. In China gehört dieser Rückzug als fester Bestandteil zur geistlichen Heranbildung eines Menschen, und auch vom Propheten Mohammed, der insgesamt ein sehr aktives Leben rührte, ist überliefert, dass er die ersten im Koran niedergelegten Offenbarungen von Gott empfing, als er sich über einen längeren Zeitraum hinweg in einer Höhle bei Mekka zur Meditation zurückgezogen hatte. Wenn die Propheten im Innern die Quelle des wahren Glücks gefunden haben und danach in die Welt zurückkehren, offenbart ihr ganzer Lebenswandel, dass sie keine Bindung an die äußere Welt mehr kennen.

Glück – (k)ein Segen für andere?

Muss ein Mensch dieses vollkommene Glück, das er für sich selbst im Innern gefunden hat, nicht aber auch anderen Menschen wünschen? Muss er nicht sogar sein eigenes Glück hintanstellen, um zum Wohle anderer beizutragen? Wie kann er, auch wenn er innerlich erwacht ist, für sich selbst dauerhaftes Glück erfahren, wenn er sich gleichzeitig des Leids in seinem Umfeld, ja in der ganzen Schöpfung, bewusst ist? Dies entspricht in etwa der Argumentation kritischer Stimmen aus dem Christentum. Sie sehen in der geistigen Einkehr die Gefahr, dass sich ein Mensch den Anforderungen der Gemeinschaft, in die er gestellt ist, entzieht, dass Selbstsuche leicht zur Selbstsucht werden könnte. Die Vorstellung, jemand sollte sein eigenes Glück, also auch das der inneren Verbindung mit Gott, dem Glück seines Nächsten opfern, teile ich keinesfalls. Diese Vorstellungen entspringen nicht der Praxis, sondern dem Intellekt und besagen für die Lebenspraxis der Menschen gar nichts. Zum einen ist es ein Zeichen von Selbstüberschätzung, wenn jemand glaubt, andere durch seine Anstrengungen glücklich machen zu können. Wie sehr er sich auch anstrengen mag – er kann bestenfalls immer nur einen bescheidenen Beitrag zum Glück und Wohlergehen seiner Mitmenschen und seiner anderen Mitgeschöpfe leisten. Um auch nur dieses wenige vollbringen zu können, ist es jedoch gerade nötig, sein eigenes inneres Glück nicht preiszugeben, da hier die Quelle für die Kraft liegt, die er anderen gibt. Entsagt er seinem eigenen Glück, fügt er der Menschheit lediglich einen weiteren unglücklichen Menschen hinzu.

Sein inneres Glück bewahren

Die Einkehr oder Meditation, bei der ei Suchender Offenbarungen von Gott empfängt, hat nichts mit Selbstsucht zu tun. Dieser Vorwurf entspricht der Demagogie der Kirchen, die mit Besorgnis erkennen, dass ihre Anhänger sich zu östlichen Religionsformen hingezogen fühlen, weil sie selbst das Bedürfnis nach Meditation – vielleicht abgesehen von der Praxis in einigen wenigen Klöstern – sträflich vernachlässigen und niemals befriedigt haben. Wer die innere Verbindung besitzt, erfüllt seine Pflichten in der Welt sogar besser als zuvor, da sein Handeln von Gottes Inspiration begleitet und gelenkt wird. Jesus sagte, wenn der Mensch Gutes verrichte, solle die eine Hand nicht wissen, was die andere tue. Wer nicht aus eigenem Antrieb, sondern nach dem Gebot Gottes handelt, empfindet sich selbst nicht als Gebenden, sondern nur als Ausführenden. So hängt er nicht am Ergebnis und ist nicht enttäuscht, wenn seine Bemühungen fehlschlagen. Auf diese Weise erschöpft er seine eigene Kraftquelle nicht, sondern bewahrt sein eigenes Glück und trägt gleichzeitig – im Rahmen dessen, was Gott von ihm fordert – zum Wohlergehen anderer Menschen bei. Glück und das Leid der Welt Religion ist eine individuelle Angelegenheit. Sie besteht für den einzelnen darin, den Weg nach innen zu finden und allmählich die unterschiedlichen Stufen der mystischen Versenkung zu erreichen, die ihn schließlich zur Verschmelzung mit Gott führen. Dieser Pfad ist gleichsam eine Einbahnstraße, auf der es kein Zurück gibt. Wer auf diesem inneren Weg die Vollendung erreicht hat, ist erlöst; in diesem Zustand kennt er keinerlei Bindung mehr, weder an die Materie noch an irgendeinen Menschen. Infolgedessen hat er auch keinerlei persönliche Beweggründe, anderen Menschen aus ihrem Leid herauszuhelfen. Ob er als spiritueller Lehrer für andere Menschen in die Welt zurückgesandt wird, ist allein Gottes Werk. Er kennt dann keine andere Motivation als die, Gottes Werk zu erfüllen.
Da solche Heilige die Welt und das Geschick der Menschheit aus der über Zeit und Raum hinausgehobenen Perspektive Gottes sehen, leiden sie auch nicht mit ihren Mitmenschen, das heißt sie empfinden nicht Mitleid im üblichen Sinne, so merkwürdig dies auch scheinen mag. Ihr Mitleid entspricht eher dem Allerbarmen, wie wir es vom Bodhisattva kennen. Es ist überindividuell, und es fließt nur so weit in ihr aktives Handeln ein, wie dies ihrem klar umrissenen Auftrag entspricht. Die Gottessöhne kommen daher weder in die Welt, um das Leid der ganzen Menschheit zu lindern oder gar aufzuheben, noch nehmen sie in irgendeiner persönlichen Weise am Leid der Menschen teil, sondern sie begleiten jene Menschen, denen dieses Schicksal von Gott bestimmt ist, auf ihrem Lebensweg und führen sie auf dem Pfad zur Erlösung.

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