Die Erkenntnis traf den Tübinger Theologen Hans Küng wie ein Blitzeinschlag: Nur ein Ethosbegriff, dem sich alle großen Religionen anschließen, kann nach seiner Ansicht das Überleben der Welt sichern. Aber wie muss so ein „Weltethos“ aussehen? Eins war von Anfang an klar: es sollte keine neue Religion werden. Bis dahin hatte er durch Bücher wie „Credo“, „Christ sein“, „Existiert Gott?“ und „Unfehlbar?“ von sich reden gemacht und für reichlich kontroversen Diskussionstoff gesorgt.
Als Küng 1990 seinen philosophischen Ansatz für ausführliche Untersuchungen in differenzierter Form in seinem Buch „Projekt Weltethos“ einer breiteren Öffentlichkeit vorstellte, stieß er einmal mehr auf großes Interesse. Im Wesentlichen basieren die Überlegungen des katholischen Professors auf drei Grundsätzen:
„Die katastrophalen ökonomischen, sozialen, politischen und ökologischen Entwicklungen“ des letzten Jahrhunderts „machen ein Weltethos um des Überlebens der Menschheit auf dieser Erde willen nötig“, meint Hans Küng. Ohne allgemein verpflichtende ethische Normen seien die Nationen „in Gefahr, sich durch Akkumulation von Problemen durch Jahrzehnte hindurch in eine Krise hineinzumanövrieren, die schließlich zum nationalen Kollaps, d.h. zum wirtschaftlichen Ruin, zur sozialen Demontage und zur politischen Katastrophe führen kann.“ Ziemlich düstere Zukunftsperspektiven zeichnet Hans Küng in seinem Buch „Projekt Weltethos“. Aber wer um die Katastrophe weiß, kann versuchen sie abzuwenden. Erste Ansätze erkennt Küng in einer ganzheitlichen Sichtweise, wie sie Fritjof Capra, der Systemtheoretiker Niklas Luhmann oder der Philosoph Ken Wilber und andere in verschiedensten Wissenschaftsbereichen, die von der Physik über die Medizin bis hin zur Ökologie reichen, vertreten.
Ein Großteil der kriegerischen Auseinandersetzungen ist im religiösen Fundamentalismus begründet. Die Beispiele sind vielfältig: Streitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland, zwischen Hindus und Moslems in Indien, zwischen Palästinensern und Israelis im Nahen Osten, zwischen buddhistischen Mönchen und dem katholischen Regime in Vietnam. Die Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Dabei geht es auch anders, meint Küng. Religionen können auch positiv wirken, indem sie „Grundhaltungen wie Friedfertigkeit, Machtverzicht und Toleranz propagieren und aktivieren.“
Als ein Beispiel hierfür führt der Theologe die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich an. Die ehemaligen Erbfeinde führten im 19. und 20. Jahrhundert drei große Kriege gegeneinander. Zwei davon weiteten sich zu Weltkriegen aus. „Wenn nach dem Zweiten Weltkrieg nicht die gleichen Ressentiments geweckt wurden und die Revanche-Politik nicht wieder dominierte“, sei das u. a. Männern wie Konrad Adenauer und Charles de Gaulle zu verdanken. Sie folgten einer „ethisch-religiös fundierten Vision“ (Küng). Denn ein vereintes Europa auf christlichabendländlicher Basis, das sowohl wirtschaftlich wie verteidigungspolitisch verbunden ist, sei die beste Garantie für ein friedliches Zusammenleben der Völker in der Zukunft. Diese Ziele besiegelten Deutschland und Frankreich mit einem gemeinsamen Gottesdienst in der Krönungskathedrale der französischen Könige in Reims.
Für letzteren setzen sich seit Jahren Persönlichkeiten wie der Dalai Lama und der am 2. April verstorbene Papst Johannes Paul II. ein. Die Gemeinsamkeiten sollten dabei immer im Vordergrund stehen, meint Hans Küng und ist sich gleichzeitig darüber im Klaren, wie schwer ein solcher Dialog umzusetzen ist „Selbst wer die Religionen ablehnt, wird sie ernst nehmen müssen als grundlegende gesellschaftliche und existenzielle Realität“, stellt der Theologe fest und gibt zu bedenken, dass Religionen auch immer mit „Sinn und Unsinn des Lebens, mit Freiheit und Versklavung des Menschen, mit Gerechtigkeit und Unterdrückung der Völker, mit Krieg und Frieden in Geschichte und Gegenwart“ im Zusammenhang stünden. Deshalb fordert er eine fundierte Grundlagenforschung. Er selbst widmet sich seit 1990 einer groß angelegten „Spurensuche“ nach den gemeinsamen ethischen Grundsätzen der Weltreligionen.
Angespornt von der positiven Resonanz auf seine Studien, folgte Professor Küng 1993 der Bitte des Parlaments der Weltreligionen in Chicago, eine „Erklärung zum Weltethos“ zu verfassen. Er deklariert darin vier für alle verbindliche Prinzipien:
In einer Epoche, die durch die Globalisierung geprägt ist; in der die Nationen aufeinander angewiesen sind, weil sie vor allem wirtschaftlich aneinander gebunden sind; und in der die Stabilität und der Weltfriede von einer sensitiven Politik abhängen, ist ein Grundkonsens verbindender Werte unverzichtbar. Ohne einen Grundkonsens im Ethos drohe jeder Gemeinschaft früher oder später das Chaos oder eine Diktatur, schreiben Hans Küng und Karl-Josef Kuschel in ihrem Vorwort zur „Erklärung zum Weltethos“. Dieses Weltethos sei aber keine Weltideologie, ebenso wenig eine einheitliche Weltreligion oder eine Mischung aus allen Religionen. Ein Weltethos sollte das enthalten, was den großen Religionen trotz aller Verschiedenheiten gemeinsam ist.
Dies ist eins der beiden Prinzipien, die der Theologe bei seinen Studien in allen Weltreligionen gefunden hat. Das andere ist die goldene Regel: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem anderen zu. Daraus leitet Küng die Bedingungen ab, die ein Überleben der Menschheit bei voranschreitender Globalisierung sichern sollen. Daraus folgen die nachstehenden Verpflichtungen, die als ethische Maßstäbe auch auf die eine oder andere Weise in allen großen Religionen zu finden sind.
Die Erklärung wurde vom Council des Parlaments der Weltreligionen, dem 200 religiöse Führer angehören, angenommen und kann nun als eine Art „Weltethos Charta“ verstanden werden, der sich auch Atheisten verbunden fühlen können. Auch deshalb, weil es nicht um moralisches Handeln geht, sondern vielmehr um eine ethische Grundhaltung, die für alle verbindlich sein sollte. Gewaltlosigkeit, Toleranz, Solidarität, Gleichberechtigung und Partnerschaft sind die Perspektiven für eine friedliche Zukunft.
Zwei Jahre nach der „Erklärung zum Weltethos“ entstand in Tübingen eine Stiftung, die sich zur Aufgabe gemacht hat, durch Kolloquien, Konferenzen und Vorträge den interreligiösen Dialog sowie den Austausch zwischen Wissenschaftlern und Wirtschaftsbossen zu fördern. Die Stiftung stellt außerdem Unterrichtsmaterialen für Schulen zur Verfügung und initiierte eine Wanderausstellung mit dem Titel „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“. Inzwischen gibt es vergleichbare Stiftungen in der Schweiz, in den Niederlanden und in Tschechien, die ihrerseits unverzichtbare Überzeugungsarbeit leisten.
Angesichts der fundamentalistisch motivierten Anschläge in New York und Washington 2001 und in Madrid 2004 sowie der nach wie vor konfliktbeladenen Regionen des Nahen und Mittleren Ostens (um nur einige Beispiele zu nennen) sollte die Frage erlaubt sein, wie sich ein kulturübergreifender Grundkonsens verwirklichen lässt, wenn Aggression und Kriegseinsätze die Realität bestimmen. Religiöser und politischer Separatismus haben Hochkonjunktur, und das nicht nur in ohnehin dafür bekannten Regionen. Allein die Weltmacht USA kämpft intern mit fundamentalistischen religiösen Strömungen.
Soll sich Küngs Vision von einem Weltethos wirklich durchsetzen, müsste die „Revolution“ im Kleinen beginnen, um sich auf das große Ganze auswirken zu können. Mit anderen Worten, es reicht nicht, dass sich religiöse Führer zum Dialog zusammensetzen, um gemeinsame ethische Werte zu erarbeiten. Sie müssen auch von jedem einzelnen umgesetzt werden.