Wenn je ein Mensch allein durch seinen Tod Bedeutung erlangte, dann Jesus Christus. Hinge unser Wissen über ihn nur vom Zeugnis des Paulus ab (d. h. von seinen Briefen und der in seinem Auftrag verfassten Apostelgeschichte), dann wüssten wir praktisch nur, dass Jesus gekreuzigt wurde und angeblich als erster Mensch von den Toten auferstand. Die Doktrin vom Erlösungstod und der Auferstehung Christi bildet aber das Zentrum des christlichen Glaubens. Es lohnt sich daher, diese Lehre und die damit verbundenen Vorstellungen genau un ter die Lupe zu nehmen.
Zwei Passagen im Römerbrief verdeutlichen die zentralen Elemente und Eigentümlichkeiten von Paulus‘ Lehre und verraten, wie sehr er Jesus missverstand und wie wenig er von seinem Weg wusste.
Das „Weg“ Jesu: Sterben und Auferstehen. Im ersten Kapitel des Römer- Briefes (1,3-4) behauptet Paulus von Jesus, er sei erst „auf Grund der Auferstehung von den Toten als Sohn Got tes eingesetzt“. Paulus erkennt Jesus also erst seit seiner Auferstehung von den To ten und nur durch diese als Sohn Gottes an. Während Jesus be reits zu Lebzeiten seine Einheit mit dem Vater bekannte (Jh 10,30) und durch sein Wirken unter Beweis stellte, erhebt Paulus ihn erst nach seinem Tode in diesen Status.
Wir sind mit Jesus Christus begraben. (Paulus)
„…mit seinem Sterben ist (Jesus) der Sünde gestorben ein für allemal...“ (Röm 6,10) Das heißt: Erst durch seinen Tod – und nicht früher! – wurde Jesus von der Sünde befreit. Wenn wir Paulus glauben, müssen wir also davon ausgehen, dass der lebende Jesus nur ein ganz gewöhnlicher Mensch und Sünder war und erst nach seinem Tode Göttlichkeit erlangte, und zwar allein durch Gottes wun dersames Eingreifen!
Dieses wundersame Eingreifen mutet wie eine Parallele zu seiner eigenen angeblich wundersamen Wandlung vom Saulus zum Paulus an (vgl. Apg 9,3-9; s. INFO 1).
Der „Weg“ der Jünger: Glauben und Wähnen. Was bedeuten diese Befunde für die Menschen, die unter Paulus’ Führung Jesu Nachfolge antreten wollen? Im 6. Kapitel des Römer-Briefes heißt es dazu: „Oder wisst ihr nicht, dass wir alle, die wir auf Jesus Christus getauft sind, auf seinen Tod getauft sind?“ (Röm 6,3) Jesus und sein Tod werden hier praktisch gleichgesetzt. „Auf Jesus Christus getauft“ zu sein bedeutet daher nicht mehr, wie Jesu direkte Jünger an seinem Leben teilzuhaben, sondern ihm symbolisch im Tode verbunden zu sein: „Wir sind also durch die Taufe auf seinen Tod mit ihm begraben…“ (Röm 6,4) Die Beziehung des Gläu bigen zu seinem Herrn besteht folglich nur noch in dieser düster-unheimlichen Vereinigung im gemeinsamen Grab. Diese Vereinigung wird in der „Taufe“ symbolisiert, die mit dem Tod verbunden wird, während sie zu Jesu Lebzeiten noch bedeutete, in Form innerer Offenbarungen die Gottesgabe vom Wasser des Le bens zu erhalten: die spirituelle Kraft der Unsterblichkeit.
„Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.“ (Röm 6,6-8) Bis zur eigenen Auferstehung von den Toten und der dann erwarteten wundersamen Vergöttlichung und Sündenbefreiung gilt: „So müsst auch ihr euch als solche betrachten, die für die Sünde tot sind…“ (Röm 6,10-11) Um sich als Anhänger Christi zu bekennen, reicht es also aus, an ein künftiges Leben in Gott zu glauben und sich zwischenzeitlich als „heilig“ zu betrachten.
Ich lebe, und auch ihr werdet leben. (Jesus)
Jesus konnte seinem Jüngerkreis noch innere Offenbarungen vermitteln, durch die sie tatsächlich sahen und hörten, was viele Gerechte und Propheten vor ihnen vergeblich ersehnt hatten (vgl. Mt 13,16- 17). Paulus dagegen kann sich auf nichts anderes als den Glauben seiner Zuhörer stützen, weil er selbst keinen Zugang zu inneren Offenbarungen hat. Anders als Jesus kann er daher auch seinen Anhängern keine unmittelbaren göttlichen Offenbarungen vermitteln. Es kommt ihm auch gar nicht in den Sinn, dass diese möglich oder gar notwendig sein könnten.
„Überlieferung von Überliefertem“. Nicht umsonst muss Paulus seine Zuhörer unaufhörlich ermahnen, im Glauben und Wähnen stark zu bleiben. Denn die paulinische und damit auch die kirchliche Lehre ist nichts als reine Glaubenssache, und zwar nur auf Grund von Zeugnissen aus zweiter Hand: „An erster Stelle habe ich euch ja überliefert, was auch mir überliefert wurde, nämlich: Christus ist für unsere Sünden gestorben… und am dritten Tage auferweckt worden...“ (1 Korinther 15,3) Als Quelle dieser Überlieferung gibt Paulus lediglich die Aussagen Dritter an, nämlich von Jüngern, denen Jesus kurz nach der Auferstehung noch selbst erschienen sei (vgl. 1 Kor 15,6).
Sein eigenes Werk definiert er im 1. Korinther-Brief 2,1-2 so: „… ich bin, Brüder, nicht gekommen, um euch … das Zeugnis Gottes zu verkünden. Ich hatte mir nämlich vorgenommen, unter euch nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten.“
Nach Paulus’ Lehre kann man von Gott schon deshalb kein direktes Zeugnis geben, weil man ihn überhaupt nicht erfahren kann. Er entzieht sich für immer dem Wissensbereich gewöhnlicher Sterblicher: „So erkennt auch keiner, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. … Ein naturhafter Mensch nimmt nicht auf, was vom Geiste Gottes stammt…“ (1 Kor 2,11)
„Steine statt Brot“. Und selbst wenn es Paulus zufolge einem Menschen zu Lebzeiten möglich wäre, Gott zu erfahren, müsste er dazu bereits vollkommen sein. Denn offenbar behält Gott seine Weisheit nur einigen wenigen „Vollkommenen“ (wie Jesus oder den Propheten?) vor: „Weisheit aber verkünden wir unter den Vollkommenen, … Gottes geheimnisvolle, verborgen gehaltene Weisheit, … wie geschrieben steht: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gedrungen ist… (Jes. 64,3)“ (1 Kor 6-9)
Selbst wenn er wollte, könnte Paulus nach eigenen Aussagen den Gläubigen also kein „Brot des Lebens“ geben: „Auch ich, Brüder, konnte zu euch nicht reden wie zu Geistesmenschen, sondern wie zu Fleischesmenschen, wie zu Unmündigen in Christus. Milch gab ich euch zu trinken, nicht feste Kost; denn die vermochtet ihr noch nicht zu vertragen. Ja, ihr vermögt es auch jetzt noch nicht. Denn ihr seid noch fleischlich“ (1 Kor 3,1-3; s. INFO 2).
Während Jesus noch bereit und fähig war, allen Hungrigen, auch den „bösen“ Sündern, das Brot des Himmels zu spenden, weist Paulus sie letztlich mit der Begründung ab, sie hätten es ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu verdanken, wenn sie leer ausgingen. So speist er sie, um mit Jesu Worten zu sprechen, mit Steinen ab: „Bittet, und es wird euch gegeben werden.
… Denn jeder, der bittet, empfängt… Oder wer von euch wird, wenn ihn sein Sohn um Brot bittet, ihm einen Stein geben? … Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten“ (Mk 7,7-11).
Glauben, Hoffen, Harren… Während Jesus seine Jünger noch aufforderte, im Laufe ihres Lebens selbst „vollkommen zu werden wie der Vater im Himmel“ (vgl. Mt 5,48) und bekräftigte: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mt 9,12), d.h. gerade die Sünder, gibt es bei Paulus für den Menschen keine Aussicht mehr auf Gottverwirklichung und die Heilung der Seele, solange er im Körper und damit in der „Sünde des Fleisches“ weilt. Seine einzige Hoffnung besteht darin, auf Grund von Jesu angeblicher Auferstehung an seine eigene Auferstehung nach dem Tod zu glauben, auf sein ewiges Leben nach dem Tod zu hoffen, und „auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus zu harren“ (1 Kor 1,7) – Gott weiß, wann das sein wird!