Der selbst ernannte „Apostel“ (vgl. Römer 1,1) Paulus wurde nie von Jesus in die spirituelle Praxis eingeführt. Wie konnte er sich dann auf Kosten direkter, engerer Jünger wie Petrus und Johannes derart in den Vordergrund spielen?
Als begnadeter Agitator machte Paulus sich das Führungs-Vakuum zunutze, das gewöhnlich nach dem Weggang eines spirituellen Meisters bis zum Auftreten seines autorisierten Nachfolgers entsteht. Um die „Gute Nachricht“ vom „Welt-Erlöser“ Jesus Christus massentauglich zu verbreiten, goss er Jesu praktische Unterweisungen in der individuellen geistigen Anbetung (vgl. Jh 4,24) geschickt in feste rituelle und ideologische Formen um (vgl. Teil 3, VISIONEN, August 2009 ).
Schon bald entwickelt sich auf diese Weise eine eigene „christliche Lehre“ (vgl. Apg 18,25 u. 26; 24,22). Sie wird durch die neu eingesetzten Ältesten (Bischöfe) des wachsenden Gemeindenetzes verbreitet, gelehrt und überwacht: „In allen Städten, durch die sie kamen, übergaben sie den Gemeinden die Vorschriften, die die Apostel und Gemeinde-Ältesten in Jerusalem erlassen hatten, und sie ermahnten sie, danach zu leben. So wurden die Gemeinden in ihrem Glauben gefestigt…“ (vgl. Apg 15,4; Apg 14,23; 15,6ff). Im Laufe der Zeit gerinnt die neue Lehre zu einem ganzen System aus theologischen Dok trinen. Sie dienen dazu, die neuen „Glaubensmysterien“ allseits zu untermauern und kritischen Stimmen von außen und innen entgegen zu treten. Bezeichnenderweise heißt es in der Apostelgeschichte schon von den ersten Bekehrten: „Sie verharrten in der Lehre der Apostel…“ (Apg 2,42). Von der Lehre Christi ist schon nicht mehr die Rede... Es geht nur noch darum, sich als eigen ständige, völlig „neue Richtung“ (Apg 24,14) zu behaupten, „die sie (die Juden) als Sekte bezeichnen“.
Im Zentrum von Paulus’ Bemühungen steht von Anfang an die Betonung der historischen Einzigartigkeit des neuen Welt-Erlösers.
Im Zentrum dieser theologischen Bemühungen steht von Anfang an die Betonung der historischen Einzigartigkeit des neuen Welt-Erlösers.
Schon von David heißt es, seine Seele werde nicht dem Totenreiche überlassen (vgl. Ps 16,10; Apg 2,27). Das gilt für jede Seele, die wieder eins mit dem unsterblichen Gott geworden ist und nicht mehr in den Kreislauf des Lebens und Sterbens zurückkehren muss. Das meinte Jesus mit den Worten: „Ich lebe, und auch ihr werdet leben“ (vgl. Jh 14,19). Nun wird erklärt, nur Jesus sei als „Erstling der Entschlafenen“ und als „der einzig Gerechte“ (Apg 7,52; 21,14) von den Toten auferweckt worden (vgl. 1 Kor 15,20) und habe Unsterblichkeit erlangt.
Frühere Propheten, mit denen Jesus sich noch in eine Reihe gestellt hatte (vgl. Mt 5,17-18), werden kurzerhand zu Vorläufern mit beschränkter Vollmacht herabgestuft: „…seine (Davids) Worte beziehen sich auf die Auferstehung des versprochenen Retters. Von diesem gilt, dass Gott ihn nicht bei den Toten ließ“ (vgl. Apg 1,31). „Das Gesetz Moses hatte nicht die Kraft, eure Schuld wegzunehmen“ (Apg 13,38-39). Die wichtigste Leistung der Propheten besteht nach Paulus in der Vorankündigung Jesu: „Ich verkünde nichts anderes, als was die Propheten und Mose angekündigt haben: Der versprochene Retter… wird … allen Völkern der Welt das rettende Licht zu bringen“ (Apg 25,22-23).
Allem Anschein nach muss Paulus jedoch einiges an Überredungskunst aufbieten, um die Men schen „für Jesus zu gewinnen“: „Er wies sie auf die … Schriften der Propheten hin … – den ganzen Tag über, vom Morgen bis zum Abend. Die einen ließen sich von seinen Worten überzeugen, die andern schenkten ihm keinen Glauben“ (Apg 28,23-24).
Im Gegensatz dazu trägt jedes Wort aus dem Munde eines Gottmenschen seine Wirkung unmittelbar in sich: „(Mein) Wort, das aus meinem Mund hervorgeht … kommt nicht leer zu mir zurück, ohne vollbracht zu haben, was ich wollte…“ (Jes 55,11). Von Jesus genügte daher ein einziges Wort, damit die Jünger Gott in sich erfuhren und zum ewigen Leben erwachten – bei Paulus reichte dazu nicht ein mal eine (mit rein theologischen „Beweisen“!) durchpredigte Nacht: „Noch lange redete er weiter bis zum Tagesan bruch…“ (Apg 20,11). (INFO 1) Bei so viel Widerstand müssen stärkere Geschütze aufgefahren werden…
So wie angeblich Jesus durch „machtvolle und Staunen erregende Wunder von Gott bestätigt (!) wurde“ (vgl. Apg 2,22), muss nun die neue Religion durch göttliche „Show-Effekte“ legitimiert werden: „Höre nun, Herr…! … Hilf uns dabei (deine Botschaft mutig und offen zu verkünden)! … Und lass Staunen erregende Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Bevollmächtigten Jesus!“ (Apg 4,29-30)
Jesus hatte die Gier „eines verderbten Geschlechts“ (vgl. Mt 16,4) nach Zeichen und Wundern noch mit den Worten gebrandmarkt: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“ (Jh 4,48). Wie alle Gottmenschen gebrauchte er seine übernatürlichen Fähigkeiten nur in besonderen Fällen und nur im Einklang mit der spirituellen Entwicklung der Beteiligten. Er stellte seine Kräfte nie zur Schau und wies auch die Betroffenen an, darüber Stillschweigen zu bewahren (vgl. z. B. Mt 8,4).
Doch Paulus braucht dringend greifbare äußere Zeichen: „…bestätigt durch Wundertaten, bezeugten die Apostel Jesus als den auferstandenen Herrn, und für alle sichtbar lag großer Segen auf der ganzen Gemeinde“ (vgl. Apg 4,33) – mit Erfolg. So vermerkt denn der Chronist der Apostelgeschichte bei jeder Gelegenheit voll Stolz die stetig wachsenden Mitgliederzahlen: „Der Herr aber führte ihnen jeden Tag weitere Menschen zu…“ (Apg 2,47) „…die Gemeinde wuchs so stark an, dass allein die Zahl der Männer bei fünftausend lag“ (Apg 4,4 u.v.a.). (INFO 2)
Das Beispiel des Paulus ist beileibe kein Einzelfall und beleuchtet in den Grundzügen sehr anschaulich die Frühstadien jeder neuen organisierten Religion: Die spirituelle Praxis wird durch rituelle Handlungen ersetzt, bei denen der eigentliche Kern der Sache nun fehlt: der di rekte Zugang zu Gott. (Vgl. Teil 3 dieser Reihe, VISIONEN, August-Heft 2009) Die neue Religion erhebt den Anspruch, „ihr“ Gesandter sei der einzige, höchste oder letzte, durch den sich Gott den Menschen of fenbarte, während es in der spirituellen Tradition zu allen Zeiten einen lebenden Lehrer gibt, der die für Gott bereiten Seelen zu ihm zurückführt. So erkennt zwar der Islam zum Beispiel Jesus als Propheten an, verkündet aber Mohammed als „Siegel“, d. h. als letzten aller von Gott gesandten Propheten. (Vgl. dazu den Beitrag Wie frisches Brot von Chögyam Trungpa im Oktober-Heft )
...Statt authentischem innerem Wissen gibt es nur noch theologische Lehrmeinungen. Darüber kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten, und so spaltet sich schließlich die erste Abspaltung (Sekte) vom ursprünglich spirituellen Pfad in immer neue Splittergruppen auf. So entstand auch die unübersehbare Zahl der christlichen Glaubensrichtungen.
…Auf diese Weise entstehen aus einem spirituellen Weg, der die Einheit der Seele mit Gott zum Ziele hat, weltweit Uneinigkeit und Unfrieden. Das Ergebnis kennen wir in Form von religiöser Intoleranz und Unterdrückung, missionarischem Fanatismus, Glaubenskämpfen und -kriegen zur Genüge.