„RELIGION IST DAS GANZ GEWÖHNLICHE LEBEN“

„RELIGION IST DAS GANZ GEWÖHNLICHE LEBEN“

Spiritualität jenseits der Konfessionen – Willigis Jäger zum 80. Geburtstag

Zen-Meister und Benediktiner-Mönch – geht das denn? Ein Kuriosum vielleicht – oder ein Ding der Unmöglichkeit – für jene, die den Menschen mit seinen Kleidern oder Titeln verwechseln. Willigis Jäger, der Anfang März seinen 80. Geburtstag feierte, sprengt solches Schubladendenken: Mit rückhaltloser Hingabe ging er seinen Weg als Ordensmann, und heute –im Herzen nach wie vor Benediktiner – engagiert er sich angesichts der geistlichen Dürre des modernen Europäers für eine Wiederbelebung der spirituellen Schulungswege über die Religions- und Konfessionsgrenzen hinweg.

Schon als Novize der Abtei Münsterschwarzach entdeckte er für sich die Schriften christlicher Mystiker wie Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz, las die „Wolke des Nichtwissens“ und befolgte deren Anleitungen zum kontemplativen Beten, zum „Leerwerden für Gott“, so gut es ohne persönliche Unterweisung eben ging. Ein Interesse, das ihn ohne sein Wissen fast um die feierliche Profess – die endgültige Aufnahme in den Orden unter Ablegung der Ordensgelübde (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam) – brachte.

Bis 1976 versieht Willigis Jäger in der Missionsarbeit des Benediktinerordens vielseitige Aufgaben: zunächst als Bildungsreferent beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend und dann als Gründer und Leiter des ökumenischen Hilfswerkes „Aktion Missio“ (1964). Mitte der 1970er Jahre gibt es in Deutschland die ersten Zen-Meditationskurse bei Pater Enomiya- Lassalle, Willi Massa und Graf Dürckheim, und Willigis begegnet seinem Lehrer Yamada Koun Roshi, der für ein Sesshin aus Kamakura (Japan) nach München eingeflogen ist.

„Wir sind göttliches Leben, das sich in uns inkarniert hat“

In der Zen-Schulung bei Yamada Roshi findet Willigis, wie er in seinen Erinnerungen „Das Leben ist Religion“ (Kösel-Verlag) beschreibt, endlich eine „kontemplative Praxis, wie ich sie mir schon immer gewünscht hatte… War ich nicht aus diesem Grund ins Kloster eingetreten? Hier war eine lebendige Tradition von Meister und Schüler… Ich fand einen Weg und folgte ihm konsequent.“ Sechs Jahre lang widmet er sich in Japan der Zen-Praxis und erkennt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen der nicht-dualistischen Ersten Wirklichkeit, die erschaffend und ordnend allen raum-zeitlichen Phänomenen zugrunde liegt, immer deutlicher die Entsprechungen in der christlichen Mystik.

Die Kontemplation, wie sie in der christlichen Tradition vermittelt wird, führt den Praktizierenden in einen inneren Raum der Stille – Sinne, Wille, Erinnerung und alle anderen Kräfte des Bewusstseins schweigen, so dass das bloße Sein, sich selbst erkennend, in sich selbst ruhen kann. „Entscheidend war die Erfahrung dessen, was Zen Leerheit nennt“, erinnert sich Willigis. „Es ist die Erfahrungsebene, die sich nicht ohne weiteres in die rationale Dimension übersetzen lässt. Es ist ein Bewusstseinsraum, in dem es ein Erfassen, Erkennen und Erleben ohne einen Erfassenden gibt. Diese Nicht-Dualität zu erfahren ist das Ziel des Zen und ebenso der christlichen Mystik.“

„Ich fand keinen wesentlichen Unterschied zwischen Zen und Mystik“

1981 von Yamada Roshi als Zen-Lehrer der Sanbokyodan-Schule anerkannt, kehrt Willigis nach Deutschland zurück und fängt an, Kontemplations- und Zen-Kurse abzuhalten, die bald regen Zulauf finden. Das Haus Sankt Benedikt in Würzburg, ein ehemaliges Internat der Abtei Münsterschwarzach, wird 1982 als Zendo und Meditationsstätte eingeweiht. Seitdem setzt sich Willigis, der 1996 als Zen-Meister autorisiert wird, mit tatkräftiger Unterstützung von seinen Zen- und Kontemplationsschülern für die Vermittlung authentischer spiritueller Schulungswege ein.

Willigis spricht dabei von einer integralen Spiritualität, die ohne theoretisch-theologischen Überbau und ohne Bekenntnis zu einem bestimmten Glauben auskommt, da sie sich auf die Grunderfahrung von Religion an sich konzentriert: die Vereinigung mit dem Göttlichen, dem Urgrund des Seins. „Es gibt kein buddhistisches Zen, und auch kein christliches Zen“, erklärt er. Damit wendet sich Willigis besonders jenen Menschen zu, die sich keiner Konfession anvertrauen wollen oder die den christlichen Kirchen gleichgültig bis ablehnend gegenüber stehen, und öffnet ihnen Türen zu einem spirituellen Leben in Unabhängigkeit von Institutionen und Lehrgebäuden.

Konsequent, wie er nun einmal ist, antwortet Willigis auch auf das spirituelle Bedürfnis von Menschen in den Kirchen: Er führt die Kontemplationsübung der christlichen Mystiker in den Kirchenraum, in den Gottesdienst ein und unterweist auch Pfarrer und Ordensleute darin, denn die mystische Gotteserfahrung ist die Essenz der Botschaft und des Lebens von Jesus Christus, und für deren Vermittlung ist die Kirche eigentlich da: „Die Mystik soll in die Kirche zurückkehren!“, erklärt er. Doch für diese Forderung wie auch für seine durch und durch mystische, aber für den modernen aufgeklärten Menschen nachvollziehbare Interpretation der Lehre Christi erhält Willigis Jäger im Dezember 2001 von der römischen Glaubenskongregation die rote Karte: „Zum Schutz der Gläubigen“, heißt es, werden „Pater Willigis auf unbestimmte Zeit alle öffentlichen Tätigkeiten untersagt“. Keine Vorträge mehr, keine Bücher, keine Kurse.

Eine Begegnungsstätte und Heimat allen spirituell Suchenden

Aus der Asche dieses bitter beendeten Lebensabschnittes geht Willigis, der die Leitung von Haus St. Benedikt bereits vorher an die Abtei Münsterschwarzach zurückgegeben hatte, nach einer Zeit der Selbstprüfung erneuert hervor: Dieselbe entschlossene Konsequenz und Tatkraft wie bisher bringt er in die Initiative seiner Schüler ein, die nach seiner Beurlaubung aus dem Kloster eine neue spirituelle Heimat für ihn wie für sich suchen und aufbauen wollen: Der Benediktushof in Holzkirchen bei Würzburg wird erworben, renoviert und im März 2004 als „Zentrum für spirituelle Wege“ eingeweiht.

„Der Einzelne und die Welt werden nicht durch moralisches Verhalten gerettet, sondern durch die Erfahrung des göttlichen Wesens.“

„In unserer Zeit kommt die Entdeckung der Transzendenz auch in den Naturwissenschaften, vor allem der Physik hinzu; ebenso Erkenntnisse aus der Transpersonalen Psychologie. Auf allen Ebenen des Bewusstseins lassen sich Hinweise auf eine „Erste Wirklichkeit“ finden, eine Urerfahrung, die nicht mit Worten und Bildern allein erreicht werden kann und daher jede Konfession übersteigt. Die Zeichen der Zeit sind deshalb auf Integration gerichtet, auf eine Zusammenführung der Erfahrungsessenz der Religionen und wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dafür eine lokale Voraussetzung zu schaffen – das war und ist es, was ich mir vom Benediktushof wünsche“, erklärt Willigis seine Vision für das neue Zentrum. „Und noch eines: In unserer komplexen Welt wird in Zukunft ein zusätzliches „Q“ eine Rolle spielen: „SQ“ – der „Spirituelle Quotient“. Wir erkennen neue Zusammenhänge und neue Möglichkeiten des Zusammenlebens und Handelns. Hier liegt auch die Begründung einer zeitgemäßen Ethik und einer neuen Sicht der Wirklichkeit. Es ist mir wichtig, dass der Benediktushof dieses spirituelle Ziel nicht aus dem Blick verliert: die Sophia perennis, die mystische Tradition der Religionen, neu zu beleben und die Wege in die transpersonale Erfahrung aufzuzeigen und zu vermitteln.“

Anlässlich seines achtzigsten Geburtstags stellten wir Willigis Jäger einige Fragen:

Wenn Sie auf Ihr bewegtes Leben – immerhin nun 80 Jahre! – zurückblicken und die mächtigen Entwicklungen und Aufbrüche in dieser Zeit erkennen, was empfinden Sie?

Willigis: In den letzten 80 Jahren ereignete sich in der Menschheit ein größerer Umbruch als in den eintausend Jahren zuvor. Und zwar in doppelter Hinsicht. Elektronik, Genforschung, Molekularbiologie, Nano-Forschung und Astrophysik brachten einen gewaltigen Umbruch und Fortschritt. Als ich acht Jahre zählte, war jedes Flugzeug am Himmel noch eine Sensation. Und in der Kosmologie, Anthropologie und Psychologie tat sich ein unglaubliches inneres Weltbild auf. Ich habe den Wandel sehr wach mitverfolgt und immer versucht, mein menschliches und religiöses Selbstverständnis darin zu deuten.

Wir haben auf dem Weg zu Gott einander so viel zu verdanken. Welches war für Sie die wichtigste Begegnung in Ihrem Leben, die weitreichendste, einschneidendste?

Meine wichtigste Erfahrung war ein Erlebnis in meiner Heimatkirche, das ich heute als mystisch bezeichnen würde. Es war die erste Begegnung mit einem Bewusstseinsraum, der viel gewaltiger war als jede rationale Erkenntnis. Personen spielten in meinem Leben eine wichtige, aber keine entscheidende Rolle.

Sie haben vor zwei Jahren den Schritt aus der Klostergemeinschaft, die jahrzehntelang gewissermaßen Ihr Zuhause war, getan und agieren nun als spiritueller Lehrer im Kreise Ihrer Schüler und Freunde. Macht Ihnen der Verlust Ihrer geistlichen Heimat zu schaffen?

Meine benediktinische Gemeinschaft ist nach wie vor meine Heimat. Ich lebe momentan außerhalb der Klostermauern, fühle mich aber zugehörig, habe dort noch ein Zimmer. Die Exklaustration ist eine rein juristische Sache, die meinem christlichen und mönchischen Selbstverständnis keinen Abbruch tut. Entscheidend für mich war immer meine Berufung, der ich konsequent gefolgt bin, im Dienste dieser Urwirklichkeit, die ich als Kind erfahren durfte.

Spirituelle Wege

Mittlerweile hat die von Ihnen gegründete „Würzburger Schule der Kontemplation“ an die 80 Kontemplationslehrer ausgebildet, deren spirituelle Begleitung gesucht und gefragt ist. Wie ist der Standard bzw. die Qualität dieser beratenden und begleitenden Tätigkeit gesichert bzw. gewährleistet?

Wer eine Bestätigung durch die Würzburger Schule der Kontemplation erhalten will, muss lange den Weg der Kontemplation unter einer Begleitung gegangen sein. Wir bieten weiterführende Kurse an. Wichtig ist immer die eigene Wegerfahrung. Es gibt im Christentum kein Qualitätssiegel für Erleuchtung. Jeder muss am Ende selbst verantworten, was er weitergibt.

Angesichts der derzeit explosiven Zunahme von (vorgeblich) Erleuchteten, die spontan zur nicht-dualen Wirklichkeit erwacht sind, muss man sich fragen, ob man überhaupt noch nach der Einheit mit Gott zu streben braucht, bedeutet dieses Streben doch zumeist Zeit und Einsatz. Welche Einstellung ist Ihres Erachtens sinnvoll, wenn Menschen sich auf die Zen- und Kontemplationspraxis einlassen? Wir sprechen in unseren Reihen nicht von Erleuchtung, sondern von „Realisation der Wirklichkeit“. Wie weit man so eine Erfahrung religiös deutet, ist eine zweite Frage. Es ist zunächst einmal eine umfassendere Ebene des Begreifens von Realität. Diese „wirkliche Wirklichkeit“ liegt hinter dem rationalen und sinnenhaften Begreifen. Ein plötzlicher oder ein nach langer Übung erfolgter Durchbruch braucht in jedem Fall eine Integration ins gewöhnliche Leben. Es geht immer um einen Wandel und eine Reifung der Persönlichkeit.

Wie hat sich mit Ihrem sich vertiefenden Verständnis von transkonfessioneller Spiritualität Ihr Verständnis des Missionsauftrags Jesu gewandelt? „Gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch aufgetragen habe…“ (Matth. 28,19-20) Jesus wollte wie auch Shakyamuni den Menschen einen Weg zum Verstehen ihrer wahren Identität zeigen, zu ihrem wahren Wesen oder zu ihrem göttlichen Ursprung. Die Buddhisten nennen diese Identität Buddhanatur. Die Christen nennen sie Reich Gottes, ewiges Leben oder Christusbewusstsein.

Meine lange Tätigkeit als Bildungsreferent bei Missio und Misereor und meine vielen Reisen, die mich in diesem Auftrag in alle Welt führten, gaben mir eine neue Sicht von Religion. Ich setzte mich für den Dialog ein, für gegenseitige Achtung, für eine gerechte Wirtschaftsbeziehung zu den sogenannten Entwicklungsländern, die mir nach wie vor wichtiger erscheint als Almosen. Ich schaffte den „Nickneger“ ab, der mir rassistisch und entwürdigend vorkam, und versuchte, den Moslems die Pfarrsäle zu öffnen für ihren Religionsunterricht.

„Mystik findet im Hauptbahnhof statt“ (Josef Beuys)

„Ora et labora – Bete und arbeite“ ist das benediktinische Motto. Nicht alle Menschen können in einer klösterlichen Gemeinschaft leben, die einen Schutzwall um das kontemplative Leben aufrechterhält; viele müssen allein in einer maßlosen, hektischen Gesellschaft mit einem enormen Leistungs- und Zeitdruck zurecht kommen. – Wie lässt sich das kontemplative Leben mit Tätigsein und Engagement in dieser Gesellschaft vereinbaren?

Mystik und Kontemplation müssen in den Alltag führen, sonst haben sie ihr Ziel verfehlt. Religion ist der Vollzug des Lebens selber. Der Mensch von heute besitzt neben seiner Arbeit viel freie Zeit. Ob er sie für Wellness, Fitness, Fun oder Vertiefung seines Lebens nützt, bleibt ihm überlassen. Ein Trendreport 2005 zeigt, dass man nach dem 40. Lebensjahr verstärkt nach einer Sinndeutung des Lebens sucht, allerdings nicht in der Konfession, sondern in der Erfahrung einer transpersonalen Wirklichkeit. Viele gehen zu Yoga, Zen, zu den Tibetern und auch in unsere Kontemplationskurse.

Allseits wird über Orientierungs- und Werteverlust geklagt. Können die Zen-Praxis oder die Kontemplationspraxis ethische Werte vermitteln?

Die Frage ist nicht so sehr die Werteordnung an sich, sondern vielmehr die Frage: Wer motiviert den Menschen von heute, eine solche Werteordnung zu halten? Die Religionen schaffen es nicht mehr. Sie haben es eigentlich nie geschafft. Das „Du sollst“ und „Du musst“ mit Strafandrohung bringt unsere Spezies keinen Schritt weiter. Nur wenn es gelingt, nach der magischen, mythischen und rationalen Stufe unserer Entwicklung in eine transpersonale vorzudringen, werden wir als Spezies überleben. Die transpersonalen Ebenen öffnen ein neues Verständnis für Gemeinschaft und Solidarität. Sie wecken Mitgefühl (buddhistisch) und Liebe (christlich), die nicht aus dem „Du sollst“ gespeist werden, sondern aus der Erfahrung des einen Lebens. Diese Ethik aus der Erfahrung ist die einzige, die auf die Dauer unserer Spezies mit Erfolg helfen wird.

Selig die Armen im Geiste: Bei der Einübung in den göttlichen Grund unseres Wesens geht es u.a. um ein inneres Leerwerden von Konzepten und gedanklichen Vorstellungen, damit das Göttliche so wie ES IST in uns aufblühen und uns durchfärben kann, so dass wir schließlich zu jeder Zeit aus der Verankerung in dieser Quelle leben, sprechen und handeln. Gleichzeitig müssen wir in der Gesellschaft Rede und Antwort stehen für unser Handeln. Wie können wir im sozialen und beruflichen Umfeld bestehen, ohne uns innerlich zu entfremden?

Jede echte Mystik führt zurück in den Alltag. Für Meister Eckhart hat nicht die Maria das Ziel erreicht, die verzückt zu Füßen Jesu sitzt, sondern Martha, die bereits im Alltag angekommen ist. Verzückung, Visionen, Levitation sind in der echten Mystik Durchgang und für den, der daran festklebt, werden sie zum Hindernis. In den Ochsenbildern kehrt der Weise am Ende zurück auf den Marktplatz, und Jesus bleibt nicht auf dem Berg Tabor, wie Petrus vorschlägt, sondern geht nach Jerusalem zu seiner Verurteilung.

Religion ist das ganz gewöhnliche Leben. Wir sind nur Mensch geworden, weil dieses Urprinzip, dem wir den Namen Gott gegeben haben, sich in dieser Struktur, zu dieser Zeit, an diesem Ort manifestieren will. Das ist der einzige Grund, warum ich hier bin. Mystik führt also nicht in die Entfremdung. Sie ist der Vollzug des Lebens selber. Weil sie dem Menschen Deutung seiner Existenz gibt und allein fähig ist, unsere Spezies aus der Misere herauszuführen, in die wir uns durch unseren Egoismus hineingesteuert haben.

Vielen Dank, Willigis Jäger!

(Text und Fragen: Inge Hasswani)

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