Religion und Wissenschaft

Religion und Wissenschaft

Kein unüberbrückbarer Gegensatz

„Religion darf nicht im Widerspruch zur Naturwissenschaft und zum aufgeklärten Denken stehen, sondern muss damit vereinbar sein. Sie ist eine praktische Wissenschaft, die dem Grundsatz folgt, dass jede Hypothese der experimentellen Überprüfung standhalten muss.“

Blinder und begründeter Glaube

Vom christlichen Standpunkt gehört es zur Würde der Religion, sie nicht stets nach wissenschaftlichen Maßstäben zu beurteilen, also nur anzuerkennen, was man beweisen kann beziehungsweise was dem Verstand einleuchtet. Schließlich können wir die Existenz Gottes niemals beweisen. Aus dieser Sicht kann man also nicht mehr tun, als an Gott zu glauben.

Tatsächlich reicht die Religion weit über die Wissenschaft hin­aus. Dennoch sollte sie uns nicht blind machen. Wenn wir uns ein­fach damit abfinden, dass die Religion der Wissenschaft überlegen sei, kann man uns unter dieser Voraussetzung alles und jedes weismachen und uns in einem Zustand tiefer Täuschung gefangen halten.

Der Begriff „Glaube“ sollte im Sinne von „Vertrauen“ verstanden werden, so wie der englische Begriff trust die Verbindung von Vertrauen und Überzeu­gung beinhaltet. Vertrauen beruht jedoch auf Erfahrung. Der Glaube gründet sich stets auf die Wahrheit und nicht auf bloße Vorstellungen oder Spekulationen. In den Veden gibt es dafür den Begriff shrdha, was soviel wie „Glaube auf der Grundlage der Wahrheit“ bedeutet. Sat dha, ein anderer vedischer Begriff, steht ebenfalls für „Überzeugung von der erfah­renen Wahrheit“. In Verbindung mit religiösem Glauben sollte man an die­ser Definition streng festhalten und sich nicht mit Spekulationen zufrie­den geben, auch wenn sie sich zu Jahrhunderte alten Dogmen verfestigt haben. Glaube auf der Grundlage von Tradition und Dogmen oder auch von eigenen Annahmen und Spekulationen ist blinder Glaube, da er der Begründung in der Wahrheit entbehrt.

Glaube und Erfahrung

Diese Art von Glauben, wie ihn unterschiedslos die organisierten Religionen der Welt lehren, hat zu allen Zeiten nicht nur zu Irrtümern, sondern zu verhängnisvollen Folgen für die Menschheit geführt. In der Tradition des „Pfades der Meister“ herrscht das Prinzip, dem Meister so lange nicht zu glauben, bis man seine ei­gene Erfahrung gemacht hat. Daraus folgt, dass wir selbst hinsichtlich der Existenz Gottes, hinsichtlich der ewigen Wahrheit, nur das akzeptie­ren sollten, was uns die eigene innere Erfahrung bestätigt. Alles, was Gott und die Beziehung zu ihm betrifft, un­terliegt also nicht blindem Glauben, sondern sollte sich in der persönlichen inneren Erfahrung des Su­chers bestätigen.

Religion umfasst stets zwei Aspekte, die sich wechselseitig er­gänzen: das Begriffspaar „analytisch“ und „synthetisch“ kann diesen Dop­pelaspekt umschreiben. Die analytische Haltung entspricht dem methodischen Vorgehen, das auch in der Wissenschaft üblich ist, und besteht in dem Bemühen eines Menschen, seine Lebensweise anhand von religiösen Normen zu überprüfen, Fehlverhalten festzustellen und sich um dessen Korrektur zu bemühen. Diese Form der Selbstanalyse ist jedoch aus spiritueller Sicht nur der erste Schritt auf dem Weg zu Gott.
Der zweite, der synthetische, baut auf dem ersten auf. Hat ein Mensch bereits eine gewisse Klarheit über sein Lebensziel gewonnen und sein Verhalten bis zu einem bestimmten Grade unter Kontrolle gebracht, so ist er in dem Maße mit Gedankenru­he ausgestattet, dass ihm der zweite Schritt möglich wird: die mystische Selbsterfahrung der Seele. Diese Stufe kann insofern als synthetisch be­zeichnet werden, als die Gedanken dabei zurückgelassen werden und die ungeteilte Aufmerksamkeit sich nach innen zu den göttlichen Offenbarun­gen wendet. Diese zwei Aspekte haben zu allen Zeiten und bei allen Mei­stern zur religiösen Botschaft gehört.

Der Begriff „Glaube“ sollte im Sinne von „Vertrauen“ verstanden werden. Vertrauen beruht jedoch auf Erfahrung und nicht auf bloßen Vorstellungen.

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