Sein Schicksal annehmen

Sein Schicksal annehmen

Spielräume nutzen, Grenzen anerkennen

Unser Schicksal können wir nicht ändern. Wenn wir aber die Grenzen anerkennen, die es uns setzt, können wir uns umso leichter auf die Entfaltungsmöglichkeiten konzentrieren, die es uns schenkt. Aus enttäuschendem Dauerfrust entsteht so heitere Gelassenheit.

Wir bringen unser Schicksal bereits bei der Geburt mit. Es ist in seinen Umrissen vorgezeichnet, was erfahrene Handleser sogar aus den Handlinien eines Säuglings herauslesen können. Zu diesen vorherbestimmten Rahmenbedingungen gehören zum Beispiel Faktoren wie Gesundheit oder Krankheit, gesellschaftliches Ansehen, Schmach oder Vergessenheit, Reichtum oder Armut, familiäre Verhältnisse, Talente und berufliche Neigungen, Katastrophen oder Schicksalsschläge sowie bestimmte Menschen, denen wir begegnen müssen. Diesen Rahmenbedingungen können wir weder ausweichen, noch können wir sie zu unseren Gunsten ändern. Insofern ist es ein Irrtum, davon zu sprechen, dass man sein Schicksal „selbst in die Hand nimmt“.

Richtig ist dagegen die Beobachtung, dass der eine trotz größter Anstrengung nicht erreichen kann, was einem anderen geradezu in den Schoß zu fallen scheint. Die Welt begegnet dann allzu leicht dem einen mit Verachtung und dem anderen mit Neid; der eine erscheint ihr als Versager, der andere als „Glückspilz“. Obwohl möglicherweise beide denselben Einsatz an Wissen, Fleiß und Mut erbracht haben, erreicht der eine sein Ziel und der andere nicht. Nur wenn wir erkennen, dass Ruhm und Erfolg oder auch familiäres Glück nicht allein von unserem Verhalten im gegenwärtigen Leben abhängen, sondern mindestens so sehr auf unsere Handlungen in früheren Lebensläufen zurückzuführen sind, können wir uns mit dem zufrieden geben, was wir bekommen.

Zwei verbreitete Irrtümer

Eines muss an dieser Stelle jedoch gesagt werden, um einem im Westen weit verbreiteten Irrtum in Bezug auf die Lehre des Karmas vorzubeugen: Karma lehrt uns nicht, resigniert die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, was der Tag uns bringt. Eine solche Haltung würde das karmische Gesetz grob verletzen, denn karma heißt nichts anderes als „handeln“. Solange wir den menschlichen Körper haben, müssen wir vom ersten bis zum letzten Atemzug handeln, denn selbst das Denken ist eine Form des Handelns. Das Leben selbst weist uns im allgemeinen den Weg, auf dem unsere Pflichten liegen, und derjenige handelt am besten, der sich ihnen stellt und sie nach bestem Vermögen erfüllt. Jeder Mensch besitzt bestimmte Talente, und es ist gut, wenn er diese Gaben zu seinem eigenen und dem Wohle anderer nutzt. Hier liegt zweifellos der Spielraum des freien Willens, welcher der Würde des Menschen entspricht und ihn so grundsätzlich vom Tier unterscheidet.

Noch verhängnisvoller ist die irrtümliche Meinung, dem Leid anderer Menschen gleichgültig und tatenlos zuschauen zu dürfen, mit der Begründung, ihr Los sei als Ergebnis des Karma unabwendbar. Ein solches Argument soll nur einen Mangel an Mitgefühl überdecken und widerspricht der Tatsache, dass die ganze Menschheit und darüber hinaus die ganze Schöpfung vom selben Geist Gottes durchdrungen ist, dass wir somit alle als Kinder desselben Gottes einer Familie angehören und jeweils an dem Platz, an den wir gestellt sind, füreinander sorgen sollten. Das Verständnis des Karma kann uns jedoch sehr helfen, den Rahmen, den wir am besten ausfüllen können, richtig einzuschätzen und seine Grenzen zu akzeptieren.

Das Leben selbst weist uns den Weg zu unseren Pflichten und Talenten. Am besten handelt, wer sie nach bestem Vermögen erfüllt und nutzt.

Umgang mit Frustratione

Solche Grenzen zeigen sich zum Beispiel in Form unerfüllter Wünsche. Jeder Mensch hat schon erlebt, wie schmerzhaft es sein kann, sich etwas intensiv zu wünschen und es doch nicht zu erlangen. Die Enttäuschung, die Frustration, die sich im Gemüt erhebt, wenn alle Hoffnungen, an das begehrte Ziel zu gelangen, zerstört werden, kann so groß werden, dass sie einen Menschen seelisch krank macht. Dieser lähmende Zustand der Hoffnungslosigkeit nimmt ihm natürlich auch noch die letzten Kraftreserven, so dass er sich selbst jeder Möglichkeit beraubt, doch noch – auf andere Weise vielleicht, oder durch einen Kompromiss – zufrieden gestellt zu werden.

Die positive Konsequenz aus der Erkenntnis des Karma würde nun darin bestehen, dass man zunächst analysiert, ob man auch wirklich alles in seiner Macht Stehende getan hat, um das Ziel zu erreichen. Wenn nicht, sollte man alle Möglichkeiten ausschöpfen. Führt aber auch das nicht zum gewünschten Ergebnis, gibt es nur einen Weg, sich mit der Situation auszusöhnen, nämlich sich klar zu machen: die Hindernisse, die sich für mich als unüberwindlich erweisen, muss ich als mein Schicksal hinnehmen. Sie sind nicht Ausdruck einer finsteren, willkürlichen Schicksalsmacht, die mir übel will, sondern die Frucht meiner eigenen früheren Handlungen und somit gerecht. Das Gesetz Gottes ist vollkommen, und es wirkt auch in meinem Leben mit vollkommener Gerechtigkeit. Wer bin ich denn, dass ich mich dagegen auflehnen will? Es hat mir doch auch sehr viel Gutes beschert, für das ich über meinem unerfüllten Wunsch keinen Blick mehr hatte. Ich sollte dankbar sein für all das Gute, das mein Leben mir bereitet, und meine Ziele und Wünsche so bescheiden, dass sie dem mir vom Schicksal gesetzten Rahmen entsprechen.

Das Erhaltene würdigen

Auf diese Weise gewinnt man zunächst ein wertvolles Gut – Gelassenheit, die der erste Schritt zur Heiterkeit und Zufriedenheit ist. Überdies lässt erst ein solcher Abstand eine annähernd objektive, realistische Würdigung der tatsächlichen Lebenssituation zu und eröffnet damit die Möglichkeit, bereits Erreichtes in seinem eigentlichen Wert zu würdigen. Es entspricht jedoch einer im Menschen tief verwurzelten Neigung, den Blick stets auf das zu richten, was er entbehrt, und darüber gering zu achten, was er besitzt.

Würde die alte Weisheit, unser Los als Teil der göttlichen Ordnung anzunehmen, wieder mehr beherzigt, wäre ein Großteil der seelischen Leiden, welche die Praxen der Psychotherapeuten, Psychiater und anderer Ärzte füllen, bereits behoben. Wie viele Ehen und damit Familien gehen in die Brüche, weil der eine Partner – oder beide – sich ein Wunschbild des für ihn idealen Lebensgefährten vorgaukelt, an dem der wirkliche Partner stets unbarmherzig gemessen und als ungenügend empfunden wird? Statt die bestehende Partnerschaft als gottgegeben anzunehmen und somit das Liebenswerte im anderen zu erkennen und seine Fehler liebevoll zu tolerieren, glaubt man, seine vermeintlich einmalige, kurze Lebensspanne nur dadurch bestmöglich zu nutzen, dass man seinem Idealbild in wechselnden Beziehungen nachjagt.

Das Mögliche tun

Oder: statt in dem Beruf und der Position, die wir ausfüllen, gewissenhaft unsere Pflicht zu tun und dabei unseren Untergebenen wie Vorgesetzten mit Bescheidenheit, Freundlichkeit und – wo nötig – Anteilnahme zu begegnen, verzehren wir uns im Ehrgeiz, jeweils eine weitere Stufe auf der Karriereleiter zu erklimmen. Wir riskieren dabei, den tatsächlich vor uns liegenden Pflichten möglicherweise nicht die nötige Aufmerksamkeit zu widmen. Vor allem aber laufen wir Gefahr, andere Menschen allzu häufig nur noch als Mittel oder Hindernisse beim Erreichen unserer hoch gesteckten Ziele zu betrachten und darüber andere Aspekte des Zusammenlebens lieblos zu vernachlässigen. Es ließe sich eine ganze Reihe ähnlicher, weit verbreiteter Beispiele anführen.
Frustration – die Vereitelung unserer Wünsche und Triebe – mit all ihren verheerenden Auswirkungen auf das Gemüt und den physischen Organismus ließe sich in vielen, wenn nicht den meisten Fällen entweder ganz beheben oder doch bedeutend lindern, wenn wir lernen würden, den vom Schicksal als Rückwirkung unserer eigenen vergangenen Taten vorgegebenen Entfaltungsspielraum anzuerkennen und anzunehmen. So könnten wir unseren Mitmenschen und auch uns selbst mit mehr Geduld und Toleranz begegnen, statt immerzu mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen und dem Unmöglichen nachzujagen.
Ein großer indischer Heiliger fasst diese einfache Wahrheit mit den Worten zusammen: „Wir sollten uns dem Willen Gottes fügen, denn er gibt uns, was uns auf Grund unserer früheren Karmas vorherbestimmt ist.“

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