Willigis Jäger: Es geht um ein neues Verständnis von Sterben, Tod und Weiterleben. Ich möchte den Menschen helfen, die Angst vor dem Tod zu überwinden, die uns nicht zuletzt durch die Religion vermittelt wurde. Es schließt sich beim Sterben nicht ein Tor, es öffnet sich ein Tor. Wir verlieren etwas, um ein viel Größeres zu gewinnen. Ich glaube an das Wort Jesu: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Ich gehe, euch eine zu bereiten.“ Wie diese Wohnung aussieht, kann niemand voraussagen. Darum geht es immer um ein vertrauensvolles Loslassen.
„Seit 3,8 Milliarden Jahren existiert Leben auf der Erde. Die Zahl der biologischen Arten, die seither auf der Erde gelebt haben, dürfte zwischen 100 Millionen und 750 Millionen liegen. Nur 2 bis 5 % davon leben in unserer Zeit.“
Milliarden von Jahren gab es uns nicht. Hat uns jemand vermisst? Es wird unsere Spezies wieder nicht mehr geben. Wird uns jemand vermissen? Immer wieder stellt sich daher die Frage nach dem Sinn unseres Daseins. Warum sind wir hier? Warum existieren wir überhaupt? Wohin gehen wir? Sind wir wirklich das „ganz Besondere“ unter den Millionen von Lebewesen? Was haben die anderen Wesen für eine Bedeutung? Wir wollen ewig leben. Was ist mit all den anderen Lebewesen? Die herkömmlichen Deutungen für eine Auferstehung und für ein „ewiges Leben“ sind für mich unbefriedigend.
Dieses Leben ist eine einmalige, unverwechselbare Note in der „Symphonie Gott“. Ich bin da, um diese „Symphonie Gott“ in dieser Struktur, an diesem Platz, zu dieser Zeit, in diesem Augenblick als diese Note zum Klingen zu bringen. Darum bin ich Mensch geworden und meine Aufgabe ist es, ganz Mensch zu sein, Augenblick für Augenblick. Eckhart predigt daher: „Wenn ich nicht wäre, wäre Gott nicht!“
Aus dieser „Symphonie Gott“ kann nichts herausfallen. Die Note wird vergehen, aber die Musik, das Leben Gottes, das ich bin, geht zeitlos weiter.
Das sind eher kindliche Vorstellungen. Das religiöse Selbstverständnis ist bei den meisten Menschen nicht mitgereift. Viele bleiben in ihren kindlichen Bildern hängen und legen später diesen Kinderglauben ab.
Auferstehung, Himmel, ewiges Leben sind Bilder, die uns vermitteln wollen, dass wir beim Sterben in eine neue Seinsweise eingehen werden. Eigentlich ist das Wort „eingehen“ falsch, denn wir sind immer dort. Wir sind nie außerhalb des göttlichen Stromes. Wir sind göttliches Leben, das diese menschliche Erfahrung macht. Wir sind göttliches Leben, das sich inkarniert hat, das Mensch geworden ist.
Dieses Leben wird weitergehen. Die Form bleibt zurück. Rose Ausländer gab dieser Erfahrung in ihrem Gedicht Ausdruck: „Vor seiner Geburt war Jesus auferstanden. Sterben gilt nicht für Gott und seine Kinder. Wir Auferstandene vor unserer Geburt.“
Wir versinken nicht im Nichts. Wir öffnen uns für eine zeitlose Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit ist rational nicht zu begreifen. Jesus ist nicht leibhaftig vom Grab auferstanden. Er ließ seinen Leib zurück, um in eine ganz neue Seinsweise einzugehen. Immer wieder muss ich sagen: Wir sind immer in dieser „Seinsweise“. Sie ist der Urgrund allen Seins und so auch unser Urgrund.
„Himmel“ ist kein Ort. Das Wort bezeichnet eine Ebene der Erfahrung, zu der unser Ich keinen Zugang haben kann. Es geht beim Sterben um eine Entgrenzung. Was dann sein wird, hat „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört“. Ich sterbe mit einem ganz großen Vertrauen, in der Gewissheit, dass mein Geborenwerden und Sterben einer Sinnhaftigkeit folgt, die ich rational nicht begreifen kann.
„Hab Mut und lass los. Es erwartet dich kein Richter.“ Viele Menschen leiden an einer schlimmen Kindheitsverletzung. Ihnen wurde ständig die Angst vor einem Gericht vor Augen geführt. Die Reinkarnationslehre ist da nicht besser: „Nur wenn Du dich gut führst, wirst du eine gute Wiedergeburt erhalten“, wird gefordert. Doch das göttliche Urprinzip ist kein Schulmeister. Religionen haben viele Menschen mit einem moralisierenden Gott verletzt. Es wartet kein Richter, sondern eine unendliche Liebe auf uns. Es ist eine Liebe, die unser menschliches Ich und Du nicht mehr kennt.
Was wir Europäer seit einigen Jahrtausenden Gott nennen, ist ein Prozess. ER/ES ist Kommen und Gehen, Geborenwerden und Sterben, das sich jeden Augenblick neu vollzieht. Wir Menschen wollen festhalten. Wir möchten in diesem Ich ewig weiterleben. Wir verhindern damit das Größere, das uns erwartet.
Der Tod des Ich ist die Voraussetzung für die Erfahrung Gottes. „Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen“, und zwar in einer neuen, viel umfassenderen Seinsweise. Sterben bedeutet Entgrenzung in die eigentliche Wirklichkeit.
Der Tod ist nach der Geburt das wichtigste Ereignis unseres Lebens. Er ist die Vollendung unserer Geburt. Wir fügen uns nicht dem Tod, wenn wir sterben, wir fügen uns ein in den Fortgang des Lebens, das kein Verweilen kennt. Wir verlieren nicht etwas im Sterben, wir gewinnen etwas, wir gewinnen das ganze Universum zurück, das hinter unserem Ich verborgen liegt. Wir gewinnen Gott ganz zurück, unverstellt vom Ich. Und das alles ist auch jetzt im Leben nicht getrennt von uns, einzig unser Ich erfährt sich als getrennt davon.
Die Religionen lehren uns, dass das Eigentliche erst noch kommt, später, im Himmel oder in einer besseren Wiedergeburt. Religionen leben von diesen Hoffnungsbildern. Sie sind wichtig, weil der Mensch sonst der Sinnlosigkeit anheim fällt. Sie sind zugleich aber auch das letzte Bollwerk, hinter dem das Ich sich verschanzt, um seinen Fortbestand zu retten. Wir werden als Menschen eines Tages unseren Tod feiern, wie wir unsere Geburt feiern. Dann werden wir wie Rumi erkennen: „Bevor es Garten, Weinstock oder Traube gab in dieser Welt, war unsere Seele bereits trunken vom Wein der Unsterblichkeit.“ Wir kehren heim in unseren Ursprung.
Die Fragen stellte Christian Salvesen