Wahrhaftigkeit

Wahrhaftigkeit

Ein Segen fürs Leben

Schenken wir im täglichen Leben uns selbst und anderen stets „reinen Wein“ ein, erwachsen uns daraus viele Vorteile. Oft fürchten wir genau das Gegenteil: uns damit in Schwierigkeiten zu bringen. Doch dieser Eindruck täuscht: „Die Wahrheit sorgt für ihre Kinder“ und lässt uns im Ernstfall nicht im Stich.

WAHRHEIT UND WAHRNEHMUNG.

Es gibt nur eine allumfassende Wahrheit. Doch sie ist für uns nicht ohne Weiteres zu erkennen. Zunächst ist für uns nur das wahr oder wirklich, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, also mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören können. Aber dies ist nur eine relative Wahrheit, die unserem begrenzten Wahrnehmungsvermögen entspricht. Unterschiedliche Gegenstände erfordern jeweils unterschiedliche Stufen der Wahrnehmung. Denken wir beispielsweise an Wasser: Wenn wir reines Wasser mit bloßem Auge betrachten, erscheint es klar und durchsichtig. Betrachten wir aber dasselbe Wasser unter dem Mikroskop, so werden auf einmal eine Fülle feinster Mikroorganismen sichtbar. Auch das ist Sehen – mit dem einzigen Unterschied, dass es sich jetzt dem Existenzbereich dieser feinen Organismen angepasst hat.

Unsere Wahrnehmung nimmt also im selben Maße zu wie unsere Sehschärfe. Die allumfassende Wahrheit ist Gott, und um ihn zu erkennen, müssen wir deshalb unser geistiges Auge schärfen. Wir müssen uns über alle Grenzen unseres Ichs, unseres Körpers und über Raum und Zeit hinaus er heben, um auf den höheren Bewusstseins-Ebenen die ungetrübte spirituelle Wirklichkeit erfassen zu können. Die Seele muss sich bis zur Ebene Gottes erheben, selbst zur Wahrheit werden und darin aufgehen. Was wir auf dieser Stufe sehen, ist über jeden Zweifel erhaben. Aus diesem göttlichen Bewusstsein heraus sagte Jesus: „Ich bin die Wahrheit.“

Spirituelle Tugenden sind mehr als „ethische Paragraphen“, sondern lebensfördernde Tugend-Kräfte.

TÄUSCHUNG UND WAHRHEIT.

Von ihrem Ursprung her ist unsere Seele das Ebenbild Gottes und daher ihrem Wesen nach ebenfalls Wahrheit. Wie konnte sie sich dann so weit von ihrer göttlichen Natur entfernen und sich so sehr in Lug und Trug, Täuschung und Irrtum verlieren, wie wir es überall auf der Welt sehen?

Als Gott das Universum ins Sein rief, sandte er auch die Seelen in die Welt. Im Laufe zahlloser Geburten und Tode haben sie in endloser Folge immer wieder neue materielle Körper angenommen und bei ihrer Wanderung durch zahllose Leben in jeder neuen Inkarnation Abertausende von Eindrücken aus der Welt in sich aufgesogen. Diese Eindrücke haben sich wie undurchdringliche Filmschichten um die Seelen gelegt, bis sie sich mehr und mehr mit der äußeren Welt identifizierten und ganz zu deren Abbild wurden. Diese Prägungen sind die Ursache dafür, dass unsere Seele (bzw. unser Bewusst sein) sich völlig in den äußeren Dingen verloren und ihren göttlichen Ursprung vollständig vergessen hat.

Wie wir am Beispiel des Wassers gesehen haben, ist in der materiellen Welt letztlich nichts so, wie es scheint, denn sie ist zwar eine Ausdrucksform Gottes, aber nur in sehr begrenztem Maße. So unterliegt sie zum Beispiel den Beschränkungen von Raum und Zeit, während Gott darüber erhaben ist. So gerät die Seele zwangsläufig immer mehr in die Täuschung, je weiter sie ins irdische Leben eintaucht.

Um aus der Täuschung in die Wahrheit zurückzufinden, müssen wir die uns eingeborene Wahrheit erst wieder bewusst machen, indem wir uns darauf besinnen und uns regelmäßig mit ihr verbinden. Dies geschieht in der Meditation, bei der wir mit der Zeit immer tiefer in die göttliche Wirklichkeit „zurücktauchen“.

Parallel dazu müssen wir uns darin üben, die spirituelle Tugend der Wahrhaftigkeit nach besten Kräften schon jetzt im äußeren Leben zu praktizieren, auf der Entwicklungsstufe, auf der wir jetzt gerade stehen. Beide Vorgänge unterstützen sich wechselseitig, wie schon am Beispiel der tätigen Nächstenliebe gezeigt (vgl. VISIONEN, 11/2009 ): Je wahrhaftiger wir leben, desto einfacher wird unser Denken und desto leichter können wir uns beim Meditieren konzentrieren. Das wiederum steigert unsere Empfänglichkeit für die göttliche Tugend der Wahrhaftigkeit, die dann wieder unser Handeln inspiriert und sich so immer klarer in unserem Verhalten zeigt.

WAHRHAFTIG LEBEN.

Was bedeutet es nun konkret, wahrhaftig zu leben? Wahrhaftigkeit beginnt damit, die Wahrheit zu sagen – das heißt, niemals zu lügen und nur das zu sagen, was wir tatsächlich wissen. Falls wir einmal in die Situation kommen, etwas sagen zu müssen, das wir nur von Dritten wissen, dann sollten wir dies dazu sagen. Sollte sich eine Information aus zweiter Hand als falsch herausstellen, dann trifft uns keine Verantwortung, sofern wir diesen Umstand vorher deutlich gemacht haben.

Zweitens sollten wir im Herzen wahrhaftig sein. Was wir aussprechen, sollte mit unseren Gedanken und Gefühlen übereinstimmen. Wir sprechen manchmal absichtlich doppeldeutig oder missverständlich, um einen unangenehmen oder schmerzlichen Sachverhalt zu verschleiern. Damit erwecken wir einen falschen Eindruck, der andere in die Irre führt, und auch das ist eine Lüge.

Dazu gibt es ein Beispiel aus dem indischen National-Epos, dem Mahabaratha („Die große Schlacht“). Der Sohn eines bedeutenden Kriegers war plötzlich gestorben. Sein Vater stand gerade vor einem schweren Kampf. Hätte er zu diesem Zeitpunkt von seinem Verlust erfahren, hätte er sich aus Gram geweigert, in die Schlacht zu ziehen. Es schien also ratsam, die traurige Wahrheit vorerst vor ihm zu verbergen. Aber wie? Der König, dem die Aufgabe zukam, die Todesnachricht zu verkünden, war gerade für seine Wahrheitsliebe berühmt. Wie sollte er seiner Pflicht nachkommen, ohne zu lügen? Da ließ er kurzerhand einen Kriegs-Elefanten töten, der genauso hieß wie der Verstorbene, und anschließend bekannt geben: „Aswathama ist tot.“ Für diese bewusste Irreführung wurde er von Gott schwer bestraft.

Der dritte Aspekt ist Wahrhaftigkeit im Handeln. Unsere Lebensweise und unser Verhalten sollte von Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit zeugen. Nur wenn unsere Gedanken, Worte und Taten übereinstimmen, können wir von uns behaupten, wahrheitsliebende Menschen zu sein. Und nur wer die Wahrheit liebt, kann sie auch erkennen.

Um die allumfassende Wahrheit zu erkennen, müssen wir unser geistiges Auge schärfen.

REICHER GEWINN.

Wenn wir das Prinzip der Wahrhaftigkeit konsequent im täglichen Leben verwirklichen, erwachsen uns daraus vielerlei Segnungen:

Manchmal kann es trotzdem so aussehen, als würden wir uns in ernste Schwierigkeiten bringen, wenn wir uns durchweg an die Wahrheit halten. Doch dieser Eindruck täuscht. „Die Wahrheit sorgt für ihre Kinder“ und lässt uns im Ernstfall nicht im Stich. Und falls es doch einmal diesen Anschein hat, können wir diese Unannehmlichkeit ruhig als angemessenen Preis für das seltene Vorrecht betrachten, auf dem spirituellen Pfad zu sein.

DAS PLUS ZUM SCHLUSS.

+++Tatsächlich hat die moderne Hirnforschung herausgefunden, dass beim Lügen immer zwei verschiedene Hirn-Areale aktiv sind. Das Denken muss praktisch zweigleisig fahren und laufend voneinander abweichende Wirklichkeiten abgleichen. Das ist mentale Schwer-Arbeit und mit dem Risiko verbunden, dass der Betreffende am Ende selbst nicht mehr weiß, was stimmt und was nicht. +++Ein weiteres, dazu passendes Ergebnis der Hirnforschung besagt: Ehrliche Menschen leben länger als Lügner: Sie verbrauchen einfach weniger Lebens Energie. Dies ist möglicherweise mit ein Grund dafür, warum Ordensleute statistisch älter werden als der Bevölkerungs- Durchschnitt. +++Diese Beispiele bestätigen, was Mystiker und Meister immer schon wussten: Spirituelle Werte und Tugenden sind nicht einfach nur „ethische Vorschriften“ wie Verkehrs-Regeln oder die Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuchs, sondern lebensfördernde und -erhaltende Kräfte. Ein bekannter Beleg dafür ist der Wortlaut des 4. Gebots: „Ehre Vater und Mutter, damit es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden“… +++Wissenschaftlich deutet auch alles darauf hin, dass diese Kräfte tatsächlich angeboren sind, ganz im Sinne des „natürlichen Gutseins“ des Menschen, von dem der Buddhismus ausgeht: Schon einjährige Babys ziehen Puppen, deren „gutes“ Verhalten sie zuvor mitverfolgen konnten, anschließend „böse“ agierenden Puppen vor. Mehr dazu lesen Sie in dem Artikel Kinder – von Natur aus gut in diesem Heft. (Anm.d.Red.)

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