Jesus rückte in seiner Verkündigung die eigene Botschaft wiederholt und ausdrücklich von der „Botschaft der Väter“ ab – zum Beispiel mit den Worten: „Euren Vätern wurde gesagt..., ich aber sage euch...“ (vgl. Mt 5, 21-48 bzw. Info). Daraus leiten die Christen unter Anderem ihren Anspruch ab, Jesus hätte dem Judentum eine neue, eigene Religion entgegengestellt. Verkündet Jesus damit wirklich eine neuartige, vom Judentum vollkommen verschiedene Religion, oder wollte er die jüdische Tradition lediglich mit anderen Mitteln fortsetzen, also reformieren?
Jesus hat keine neue Religion gegründet – kein Meister, Prophet oder Gottmensch hat je eine neue Religion ins Leben gerufen, da sie alle nur die für alle Zeiten gültige ewige Botschaft Gottes verkünden. Auch Jesus selbst betonte: „Meint nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht ein Jota oder Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist“ (Mt 5,17).
Zur Zeit Jesu bestand im Judentum jedoch allgemein die Auffassung, Gott hätte sich seit den Zeiten der „Alten“ – der frühen Propheten von Abraham über Moses bis zu König David – nicht mehr unmittelbar offenbart, und diese unmittelbare Offenbarung Gottes sei deshalb weiterhin an diese Urväter gebunden. Außerdem gingen die Juden davon aus, die göttliche Offenbarung sei nur auf ihr eigenes Volk begrenzt und beruhe auf der einzigartigen Beziehung zwischen ihrem Gott und ihrem Volk.
Daher musste Jesus zum Einen deutlich machen, dass er als lebender Meister „der Weg und die Wahrheit“ (Jh 14,6) sei, also das Mittel für die Menschen seiner Zeit, um durch die göttlichen Offenbarungen, die sie durch ihn empfangen konnten, ins Reich Gottes zu gelangen. Er bekräftigte damit die Bedeutung des lebenden Meisters gegenüber den Propheten der Geschichte, und dasselbe bringen auf die eine oder an dere Weise auch alle anderen Gottgesandten zum Ausdruck. Gleichzeitig stellte er damit klar, dass Gottes Offenbarungen nicht nur für ein bestimmtes Volk bestimmt waren, sondern für alle Seelen seiner Zeit, die dafür reif und bereit waren.
Kein Prophet, Meister oder Gottessohn hat je eine neue Religion gegründet – auch Jesus nicht. Er kam auch nicht zu allen Menschen, sondern nur zu seinen „Schafen aus dem Hause Israel“.
Wenn er an einigen Stellen seine Botschaft bewusst mit den Worten einleitet: „Euren Vätern wurde gesagt ..., ich aber sage euch...“, so hat dies folgenden Grund: Die Juden seiner Zeit hatten die Botschaft der alten Propheten aufgrund einer langen Tradition missverstanden und fassten sie inzwischen nur noch als rein moralische Gesetzgebung auf. Zu dieser falsch verstandenen Botschaft gehörten aber auch Verhaltensweisen der Rache, des Hasses und der Vergeltung, und darum stellte Jesus diese Irrlehren ausdrücklich richtig, zum Beispiel, wenn er sagt: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‚Liebe deinen Nächsten’ und hasse deinen Feind. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,43-44).
Wenn Jesus für alle spirituell bereiten Seelen seiner Zeit kam, warum bezieht er sich dann aber an bestimmten Stellen ausdrücklich auf das Volk Israel oder „die Kinder Israels“, indem er betont: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel gesandt“ (vgl. Mt 15,22). Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?
Aus solchen Äußerungen lässt sich keineswegs schließen, Jesus hätte nur für Angehörige des jüdischen Volkes gewirkt oder gegenüber Nichtjuden irgendwelche Vorurteile gehegt. Die „verlorenen Schafe aus dem Hause Israel“ haben vielmehr eine rein spirituelle Bedeutung. Israel bedeutet wörtlich: der, der mit Gott herrscht. Diesen Namen verlieh Gott dem Jakob als Ausdruck dafür, dass dieser als Prophet „sein Erbe“ sein (vgl. 5 Mo, 32,9) und als „Fleisch gewordenes Wort“ seiner Zeit wirken solle. Zur Rechten Gottes sitzend ist die identische Ausdrucksweise dafür, die wir im Neuen Testament in Bezug auf Jesus Christus finden (vgl. Mt 26,64).
Das „Haus Israel“ sind die Seelen, die unter der Führung eines Gottmenschen den Weg zurück ins Reich Gottes finden, und wenn Jesus „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gesandt ist, dann zu den Menschen, die von ihm die Taufe oder Initiation auf den mystischen Pfad erlangen sollen, um in das „Haus Israel“ zurückzukehren. Er macht diesen Sachverhalt immer wieder deutlich, indem er sein Verhalten und seine Aufgabe gegenüber den spirituell Erwachten abhebt von seiner Funktion für andere Menschen, denen er die Botschaft eher in verhüllter Form, in Gleichnissen oder auf andere indirekte Weise verkündet: „Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, jenen aber ist es nicht gegeben. ... Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen“ (Mt 13,11-13).
Bezeichnenderweise spricht Jesus die Worte „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ zu einer Frau, die von ihm Heilung für ihre Tochter erfleht und offenbar nicht zu seiner spirituellen „Herde“ gehört. Er weist sie erst schweigend und dann mit den Worten ab: „Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es den Hündlein hinzuwerfen“ (Mt 15,24), denn mit dem „Brot“ ist das „Himmelsbrot“ gemeint (vgl. Jh 6,31), das er in Form von inneren Offenbarungen nur den Jüngern, Kindern oder „Schafen“ gibt, die „ich kenne und die mich kennen“ (vgl. Jh 10,14) zu deren Erlösung er gekommen ist. (Im Übrigen entspricht er der Bitte der Frau, die sich nicht abweisen lässt, angesichts ihres „großen Glaubens und zu deren Erlösung “ am Ende doch.)
Das „Haus Israel“ oder das „Volk Israel“ hat eigentlich in der gesamten Bibel, auch im Alten Testament, diese auf die spirituelle Jüngerschaft bezogene Bedeutung, und es ist ein fataler Irrtum, dass die jüdische Religion diesen Begriff stets im äußerlichen Sinne der ethnischen und konfessionellen Zugehörigkeit zum Judentum missverstanden hat.
Die Reihe „Klar gestellt“ wird in lockerer Folge zu wechselnden Themen fortgesetzt.