Ego ist das Gefühl oder Bewusstsein, dass man von Gott getrennt lebt. Es ist das Ich und Mein im Menschen. Dieses Ich-Gefühl ist die Wurzel aller Knechtschaft und die Mutter allen Übels. Ich-heit oder die Vorstellung, ein von Gott verschiedenes Wesen zu sein, ist die Ursache des Triebes nach Besitz – all dessen, was mein sagt im Menschen. Wir möchten, dass alles unser wird. Das führt naturgemäß zu Wettbewerb, Kampf und Streit. Und an die Dinge, die wir unser eigen nennen, werden wir durch die Ketten von Zu neigung, Liebe und Verhaftetsein gebunden. Unsere Urteilskraft und klare Unterscheidung trübt sich, und wir werden gefangen in den Spinnweben von Eifersucht, Gier, Zorn, Hass und allen Übeln, die das Nicht-Wissen gebiert.
Sie tauchte auf, sobald die Seele von ihrem ursprünglichen Ozean, der reinen geistigen Region von Licht, Seligkeit und Kraft getrennt wurde. Sobald sie sich von dieser höchsten spirituellen Ebene löste, sang sie: Ich bin Jenes, ich bin Jenes. Zuerst gab es weder Ich noch Jenes. Alles war eins. Im Ozean haben oder empfinden die Tropfen kein abgesondertes Dasein. Auf der ersten Trennungsstufe legte sich bereits der erste Schlei er des Vergessens über die Seele.
Mit einem Bericht von dieser „Großen Trennung“ beginnt der persische Mystiker Maulana Rumi sein Epos Masnavi. Der erste Vers lautet etwa so: „Horch! Welch trauriges Lied singt die Flöte! Die Flöte ist die „Sphärenmusik“ der vierten, zweithöchsten spirituellen Ebene (vgl. VISIONEN, 6/2008). „Seit diesem Tag kann die Flöte nur seufzen und weinen.“
Ego ist alles, was mein sagt im Menschen. Es trübt unsere Urteilskraft und hält uns in den Spinnweben von Neid, Gier, Zorn, Hass und allen Übeln gefangen.
Weil das die Ursache all ihres Elends und Unglücks war. Diese Absonderung brachte all den Kummer und all die Wirrnisse mit sich, unter denen sie seither zu leiden hat. Wir wären Gott, wenn wir nicht wären. Dieses Ich und Mein hat uns zu Sklaven von Tod, Krankheit und Sünde gemacht. Es hat all die eisernen Ketten geschmiedet, welche die Seele, die doch frei geboren und unabhängig ist, an die Erde und die irdischen Dinge fesseln. Diese Bindung an die Dinge der Welt zieht uns immer wieder nach unten und verursacht stets von neuem Geburt und Tod.
Was das Ego aus uns macht, zeigt die folgende Geschichte von dem großen persischen Helden Rustam und seinem Sohn Sohrab. Sie waren Vater und Sohn und hatten sich doch nie gesehen, bevor sie sich auf dem Schlachtfeld als Anführer zweier feindlicher Armeen gegenüber standen.
Rustam hatte sein Heim kurz vor der Geburt seines Sohnes verlassen müssen, um die Welt für den König von Persien zu erobern. Er übergab seiner Frau ein Amulett mit der Anweisung, es dem Kinde um den rechten Arm zu binden, damit er seinen Sohn er kennen könne, wenn sie sich begegneten.
In sehr jungen Jahren trat Sohrab in die Dienste des Königs von Griechenland und dank seiner großen Fähigkeit und Kraft wurde er bald oberster Befehls haber. In jenen Tagen kämpften die Heerführer selbst noch genauso wie ihre Soldaten. Als Vater und Sohn einander entgegentraten, wussten sie nichts von ihrer Verwandtschaft, und wütend kämpften sie fünfzehn Tage lang.
Als Rustam als der ältere begann, sich erschöpft zu fühlen, wandte er eine schimpfliche List an, so dass sein Sohn strauchelte und zu Boden stürzte. Seinen Vorteil nutzend, stieß ihm Rustam sofort seinen Dolch in die Brust. Sohrab schrie auf: „Unseliger! Hüte dich vor der Rache meines Vaters Rustam! Er wird dich furchtbar strafen für deine schurkische Tat!“
Rustam stand wie erstarrt, als er das Amulett am Arm seines Sohnes erblickte. Das Blut wich aus seinem Antlitz, und er zitterte wie Espenlaub. Stumm vor Schmerz nahm er Sohrab in die Arme, küsste seine Stirn und rief dann in entsetzlicher Angst aus: „Mein Sohn? Mein Sohn? Großer Gott! Was habe ich getan? Gnade! Gnade! Erbarmen! O mein Gott!” Weit und breit hörte man sein Klagen, und Freunde und Feinde weinten mit ihm. Die Wunde aber war tödlich.
So ritt er in wahnsinniger Hast zu seinem König, der als einziger ein Wunderheilmittel für tödliche Wun den besaß. Aber der König, der von Sohrabs Stärke und Tapferkeit gehört hatte, weigerte sich, es Rustam zu geben. Rustam bettelte, fiel dem König zu Füßen, versprach alles nur Er denkliche und sagte, sein Sohn würde vollbringen, was er selbst nicht vermocht habe und die ganze Welt für Persien erobern. Aber der König blieb hart. Sohrab starb, bevor sein Vater zurückkehrte. Als Rustam den Leichnam seines Sohnes sah, brach er ohnmächtig zusammen und war niemals wieder der Rustam, der er zuvor gewesen war.
Ja, aber genau das Gleiche spielt sich tagtäglich in der Welt ab. In dieser Geschichte haben Sie zwei Men schen, die sich gegenseitig das Leben nehmen wollen. Jeder von beiden betrachtet den anderen als seinen Feind. Nachdem Rustam Sohrab erbarmungslos niedergemetzelt hat, weint und klagt er, weil er jetzt in ihm seinen Sohn sieht. Beide Menschen sind dieselben wie zuvor. Auch die Umstände haben sich nicht geändert.
Nur Mein und Das ist mein sind im Herzen erwacht. Bevor das Mein-Sein in Rustams Herzen erwachte, fühlte er weder Zuneigung oder Liebe noch Erbarmen für den Fremden, den er töten wollte. Wir haben weder Feinde noch Freunde. Nur unser Gemüt gibt uns diesen Gedanken ein.
Sie verwechseln Glück mit flüchtigen Sinnesfreuden. Mit der ständigen Angst vor Tod, Verfall, Krankheit und Alter, mit der ständigen Ungewissheit und der Angst vor Unglücksfällen aller Art im Herzen – vor dem Tod Ihres Sohnes oder einer Krankheit, die Sie oder Ihre Frau treffen könnte, vor finanziellen Verlusten usw. –, wie können Sie sich da glücklich nennen?
Muslimische Heilige haben diese Welt nicht umsonst als „Stätte des Elends“ bezeichnet. Wer hat hier jemals wirkliches Glück gefunden? Gehen Sie doch in die Elendsviertel, in die Krankenhäuser und Gefängnisse. Schauen Sie sich die Auswirkungen von Gier, Zorn und Hass an! Und selbst wenn Sie all das außer Acht lassen – die Tatsache, dass der Tod unvermeidlich ist, können Sie nicht leugnen.
Wahres und dauerndes Glück kann der Mensch nur finden, wenn er sich wieder zur Quelle aller Glückseligkeit – zu Gott – zurück wendet. Verfall und Tod haften dem Stoff an, aus dem diese Welt besteht. Wie können Sie dann erwarten, hier dauerndes Glück zu finden? Immer bleibt etwas zurück – das Gefühl, dass irgend etwas fehlt, eine leise Wehmut und Niedergeschlagenheit, ein Gefühl unerklärlicher Einsamkeit. Und auch im Herzen des aller glücklichsten Menschen lauert verborgen die Furcht vor dem Tod. Das kann nicht anders sein – nichts kann die Seele zufrieden stellen. Denn immer ist sie auf der Suche nach dem Herrn, immer dürstet sie nach der Heimkehr – der Tropfen möchte zurückkehren in den Ozean.
Indem wir alles, was wir haben – Körper, Geist, Besitz, Kinder usw. –, als Leihgabe des Herrn zu betrachten und uns selbst nur als Treuhänder und Verwalter des geliehenen Gutes. Die Schwierigkeiten entstehen immer erst dann, wenn wir versuchen, das uns anvertraute Gut uns selbst anzueignen.
Ein anderer Ausdruck für diese Art von innerer Freiheit lautet „in der Welt leben, ohne von der Welt zu sein“: Gewöhnen Sie Ihren Geist daran, Abstand zu allem zu halten, was zum weltlichen Leben, zu Ihrem Gemüt und Körper gehört. Erfüllen Sie Ihre Pflichten, aber mit einem freien Geist – mit der Hand bei der Arbeit und dem Herzen bei Gott.