Wenn wir uns um etwas bemühen, erwarten wir, dass unsere Anstrengungen Früchte tragen. Manchmal erhalten wir sie, ein andermal nicht. Wenn das Ergebnis unseren Bemühungen nicht entspricht, sagen wir normalerweise: „Es war Gottes Wille.“ Angenommen, wir haben sehr fleißig für eine Prüfung gelernt, und dann bestehen wir sie nicht, so legen wir dies als die Entscheidung Gottes aus, weil wir uns ja selbst nichts vorzuwerfen haben. Anders ausgedrückt, schreiben wir etwas dem göttlichen Willen zu, wenn wir mit Gemüt und Verstand keine andere Erklärung dafür finden. Dies bedeutet aber nicht, dass Gottes Wirken der Vernunft zuwiderläuft. Es ist also nicht richtig anzunehmen, dass Gott nicht wollte, dass wir die Prüfung bestehen. Denn schließlich ist er unser Vater und liebt uns, weil wir seine Kinder sind. So stellt sich natürlich die Frage, warum sein Wille uns plötzlich auf negative Weise gegenübertritt.
Was immer wir in dieser Welt tun und was immer sich für uns daraus ergibt, ist eine Folge unserer früheren Handlungen. Wenn wir zum Beispiel einem Hungernden begegnen, ihm Geld geben und anschließend aus irgendeinem Grunde verhaftet und bestraft werden, so bedeutet dies keineswegs, dass es nicht gut ist, Hungernden zu helfen. Wenn wir etwas Gutes tun und dafür leiden müssen, dann ist dieses Ergebnis nicht die Folge unserer guten Tat, sondern einer anderen, vergangenen Handlung, die Gott mit dieser gegenwärtigen verbunden hat.
Angenommen, wir hören uns einen spirituellen Vortrag an und haben unsere Aufmerksamkeit bei Gott, und es setzt sich jemand zu uns, um ebenfalls zuzuhören. Wenn nun plötzlich die Polizei kommt, ihn verhaftet und ins Gefängnis steckt, so geschieht dies nicht aus dem Grund, weil er diesen Vortrag gehört und an den spirituellen Pfad gedacht hat, sondern weil er in einem früheren Leben etwas begangen hat, wofür er damals nicht bestraft werden konnte. Die Tatsache, dass er hier verhaftet wurde, während er mit uns den Vortrag hörte, ist nur ein zeitliches Zusammentreffen.
Wenn ein Mensch, der sehr viel Gutes tut und dem Pfad der Religion folgt, unglücklich und in Schwierigkeiten ist, sagen wir mitunter: „Gott ist nicht gerecht. Dieser Mensch tut soviel Gutes, er betet jeden Tag, und trotzdem hat er es so schwer.“ Doch wir sollten wissen, dass dies nicht daher kommt, weil er so gottesfürchtig ist, sondern mit früheren Handlungen zusammenhängt.
Wenn wir ein Problem haben, sollten wir dankbar sein, weil wieder eine schlechte Handlung ausgeglichen wird. Und wenn uns Gutes widerfährt, sollten wir dankbar sein, weil wir es erleben dürfen.
Auch der Wille Gottes ist also nicht so frei, dass er grundsätzlich alles bewirken könnte. Er besteht vielmehr in der Rückwirkung unserer vergangenen Taten, die wir in jedem Falle tragen müssen. Genau genommen ist das, was wir den Willen Gottes nennen, also gar nicht Gottes Wille, sondern das Ergebnis unserer eigenen Taten, die wir in einem früheren Leben begangen haben. Dennoch sagen wir: „Das war der Wille Gottes“, weil wir diese Rückwirkungen nicht kennen und nur Gott um sie weiß, so dass wir annehmen müssen, sie kommen von ihm. Der Wille Gottes ist also keine Strafe, sondern das Ergebnis unserer eigenen früheren Taten, die auf diese Weise ausgeglichen und abgegolten werden. Und je kleiner unser karmischer „Schuldenberg“ wird, desto leichter und glücklicher wird unser Leben. Aus diesem Grunde sollten wir solche Rückwirkungen freudig akzeptieren.
Doch selbst wenn wir dies nicht tun, bleibt uns am Ende gar nichts anderes übrig, als sie trotzdem anzunehmen. Was wir in der Vergangenheit gesät haben, müssen wir ernten. Es kommt lediglich darauf an, ob wir dies freiwillig oder widerwillig tun. In dem einen Falle bleiben wir glücklich und stärken unseren Glauben an Gott, im anderen haben wir erst recht zu leiden und unser Glaube sinkt.
Angenommen, wir liegen auf dem Operationstisch und sehen, wie der Arzt zum Messer greift, dann werden wir uns weniger fürchten, wenn wir uns sagen, dass er nur zu unserem Besten handelt. Genauso sollten wir auch keine Angst vor irgendwelchen negativen Folgen haben, die uns vielleicht ohnehin nicht treffen, denn schließlich wissen wir, dass auch Gott immer nur unser Wohl im Auge hat.
Es ist daher das Beste, seinen Willen immer freudig anzunehmen, ob er uns nun Glück schenkt oder Leid. Wenn er uns Schwierigkeiten schickt, sollten wir dankbar sein und uns sagen: „Wie gut, dass Gott ein paar von unseren schlechten Handlungen abgewickelt hat!“ Und wenn uns Gutes widerfährt, sollten wir ebenfalls dankbar sein und dies nicht unserer eigenen Handlungsweise zugute halten, sondern der Gnade Gottes, die uns dieses Glück erleben lässt. Wenn wir auf diese Weise im Willen Gottes bleiben, sind wir in der Welt immer glücklich und brauchen uns nicht verwirren zu lassen, indem wir denken: „Gott ist nicht gerecht und hat kein Erbarmen mit uns.“
Wie aber können wir den Willen Gottes erkennen? Wenn wir unser Bestes gegeben haben und trotzdem unser Ziel verfehlen, so ist dies sein Wille. Denn es gilt das Gesetz: „Aug um Auge, Zahn um Zahn.“ Wenn wir recht gehandelt haben, wird sich normalerweise auch das entsprechende Ergebnis einstellen. Ist dies nicht der Fall, so aus dem Grunde, weil unsere gute Handlung mit dem Ergebnis einer schlechten Tat gekoppelt wurde. Nehmt an, ihr habt einen Topf süße Milch vor euch, und ihr stellt fest, dass sie plötzlich salzig schmeckt, dann werdet ihr immerzu denken: „Irgend jemand hat wir Salz hineingeschüttet.“ Es ist ganz unmöglich, dass der Zucker sich einfach in Salz verwandelt hat. Trotzdem glauben wir, dass eine gute Handlung schlechte Folgen haben kann. Wir kommen nicht auf die Idee, dass irgendeine negative Reaktion dieser guten Tat nur hinzu-„gefügt“ wurde, so dass es nun vielleicht so aussieht, als hingen sie ursächlich zusammen. Aber so wenig, wie es möglich ist, dass Zucker sich in Salz verwandelt, kann eine gute Handlung schlechte Folgen haben.
Wenn wir also richtig handeln und uns trotzdem Schlimmes widerfährt, dann sollten wir daran denken, dass das eine nur dem anderen beigegeben wurde. Dann sollten wir natürlich auch nicht unglücklich sein, denn mit der einen guten Tat wurde gleichzeitig eine andere Handlung zum Abschluss gebracht. Wenn ihr die Dinge in diesem Lichte seht, werdet ihr in eurem Leben nie unglücklich sein, weil ihr wisst, dass auf diese Weise die Folgen eurer früheren Handlungen abgegolten werden. Wir sagen: „Der Mensch denkt, und Gott lenkt“. Dies bedeutet, dass es nicht in unseren Händen liegt, ob unsere guten Taten auch immer das entsprechende Ergebnis nach sich ziehen. Damit ist aber nicht gesagt, dass gute Handlungen nicht auch gute Rückwirkungen zeitigen, sondern nur, dass diese gute Tat mit dem Ergebnis einer anderen, früheren Tat verbunden wurde. Denn wir sollten uns immer vor Augen halten, dass Gleiches nur mit Gleichem vergolten wird: „Aug um Auge, Zahn um Zahn“. Aus diesem Grunde sollten wir auch dann nicht unglücklich sein, wenn wir nicht die entsprechenden Früchte ernten, sondern frohen Mut bewahren.
Manchmal erhebt sich in diesem Zusammenhang noch eine weitere Frage: Wenn alles aufgrund unserer früheren Handlungen bereits vorherbestimmt ist, wozu sollten wir uns dann überhaupt noch bemühen, Gutes zu tun? Wozu sich dann noch anstrengen? Unser Schicksal ist insofern vorbestimmt, als wir die Folgen unserer früheren Handlungen tragen müssen. Es ist aber nur so weit festgelegt, wie diese Auswirkungen reichen. In unseren gegenwärtigen Handlungen sind wir frei.
Auf diese Weise können wir sogar die Folgen unserer vergangenen Taten abwandeln. Angenommen, vor euch steht ein Liter Wasser. In dieses Wasser schüttet ihr 50 Gramm Salz. Wenn ihr nun davon probiert, werdet ihr feststellen, dass es bis zu einem gewissen Grade salzig schmeckt. Es ist nicht möglich, das Salz ohne weiteres wieder aus dem Wasser zu entfernen, d.h. wir können das Ergebnis unserer Handlung nicht rückgängig machen. Und dennoch können wir etwas daran ändern. Denn wenn wir beispielsweise das Salzwasser vor uns mit zwei Liter klarem Wasser verdünnen, wird es weniger salzig schmecken. Auf der anderen Seite können wir aber auch noch einmal 100 Gramm Salz dazuschütten, so dass es viel stärker nach Salz schmeckt als vorher. Wenn wir Zucker hineintun, wird es wieder anders schmecken.
So konnten wir zwar den ursprünglichen Salzgehalt des Wassers nicht verändern, wohl aber seine Genießbarkeit. Die Ausgangssituation war in allen drei Fällen die gleiche, und dennoch war das Endergebnis jeweils völlig anders. Ihr könnt das Salzwasser verdünnen – dann lässt es sich vielleicht sogar ganz gut trinken. Und wenn ihr dann noch Zucker und Zitrone hineingebt, schmeckt es noch angenehmer. Oder aber ihr versalzt es euch noch mehr, so dass ihr es am liebsten gar nicht trinken mögt. Auf diese Weise können wir durch unser gegenwärtiges Verhalten das tatsächliche Endergebnis unserer früheren Handlungen beeinflussen, ohne an der Rückwirkung selbst etwas zu ändern.
Deshalb sollten wir nicht einfach die Hände in den Schoß legen und sagen: „Alles steht in Gottes Hand. Wir können ohnehin nichts dagegen tun; warum also überhaupt etwas unternehmen?“ Denn was immer wir in der Gegenwart tun, wirkt sich auch auf das Ergebnis unserer vergangenen Handlungen aus, selbst wenn die betreffenden Rückwirkungen damit nicht direkt zu ändern sind. Wir sollten also auch dann nicht einfach passiv bleiben, wenn wir uns in den Willen Gottes fügen. Manchmal reden wir uns ein, dass wir im Willen Gottes sind, weil wir nichts unternehmen wollen. Dann werden wir natürlich unglücklich sein. Doch es steht geschrieben: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ Wir sollten daher unser Bestes geben, indem wir uns bemühen, das Rechte zu tun, und gleichzeitig Gott darum bitten, dass wir zufrieden bleiben, was immer sich daraus ergibt.
Nun fragt ihr euch vielleicht, warum es denn so wichtig ist, den Willen Gottes zu akzeptieren. Ganz einfach: wenn wir ihn annehmen, dann geht es uns gut; wenn nicht, dann müssen wir leiden. Denn Gott wird sich in seinen Entscheidungen natürlich nicht von unseren Gefühlen leiten lassen. Wenn wir ihm grollen, weil er uns Schwierigkeiten schickt, wird er sich ganz bestimmt nicht vor uns fürchten und seinen Entschluss ändern! Wenn wir seinen Willen aber freudig annehmen, wird unser Leben glücklich verlaufen; wenn wir uns ihm widersetzen, wird es uns schlecht ergehen.
Doch damit nicht genug: Wenn wir im Willen Gottes bleiben, ergeben sich daraus noch zwei weitere Vorteile. Erstens stärkt eine solche Haltung unsere Liebe und unser Vertrauen zu Gott. Und wenn wir Liebe zu ihm empfinden, lieben wir auch seine Schöpfung und die ganze Menschheit: ohne Gottesliebe keine Nächstenliebe. Wir nennen uns Brüder und Schwestern in Gott, unserem Vater – wie kann jemand seine Geschwister lieben, wenn er nicht einmal seinen Vater liebt? Die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern und zu allen Menschen schafft eine Atmosphäre der Liebe um uns und macht unser Leben glücklicher. Ergebung in den Willen Gottes ist also die Quelle allumfassender Liebe.
Wenn wir im Willen Gottes leben, lernen wir zweitens, auch unter widrigen Umständen glücklich zu sein. Denn wenn wir denken, dass Gott uns nicht gerecht behandelt, werden wir erst recht unglücklich sein. Wenn wir uns aber daran erinnern, dass auf diese Weise auch einige unserer früheren Handlungen abgegolten werden, fühlen wir uns glücklich und zufrieden, auch wenn uns unangenehme Folgen begegnen. So leben wir in einer Atmosphäre des Gottvertrauens und der allumfassenden Liebe für Seine ganze Schöpfung.