Der Autor Soami Divyanand lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele, den Pfad des inneren Lichts und Klangs. Mit dem spirituellen Sprach-Code der heiligen Schriften hat er bereits die vier Veden und wesentliche Teile der Gita, der Bibel und des Korans entschlüsselt – eine grundlegende Voraussetzung für das Verständnis der inneren Einheit der Religionen.
Im ersten Johannesbrief heißt es: „Wer den Sohn nicht hat, hat auch das Leben nicht“ (1 Joh 5,12). Dieser Satz unterstreicht sehr klar die zentrale Bedeutung des lebenden Meisters auf dem spirituellen Erlösungsweg: Ohne ihn vergeudet man sein Leben und verfehlt das Ziel der menschlichen Existenz. In den Veden heißt es dazu sinngemäß: „In allen vier Zeitaltern (dem goldenen, silbernen, kupfernen und eisernen) gibt es einen Menschen, der uns die Offenbarungen Gottes enthüllt. Er schenkt uns das ewige Leben und wirkt immer neu und wunderbar“ (vgl. Rig Veda 2-18-1).
Mit der Ankündigung des nach ihm kommenden „Trösters“ bestätigt Jesus ausdrücklich die Notwendigkeit eines lebenden Meisters. Gleichzeitig sichert er den Jüngern zu: „Jetzt steht ihr noch unter meinem Schutz. Nach meinem Weggang wird ein weiterer Gottmensch kommen und als neuer lebender Meister bei euch sein.“
In der Bibel geht es nicht um Personalfragen, sondern um das Prinzip: Es gibt zu allen Zeiten einen lebenden „Tröster“ für weltmüde Seelen.
Nicht nur das Neue Testament bezeichnet den lebenden Meister als „Tröster“. Bereits die Veden bezeugen: „Der Heilige (bzw. Gottessohn) offenbart sich zu unserem Schutz, unserem Trost und unserer Freude“ (Rig Veda 1-3-7). Auch der Prophet Mohammed trägt den Beinamen Ahmad, den die Muslime mit der griechischen Bezeichnung für „Tröster“ (paracletos) in Verbindung bringen.
Und schon lange vor Jesus spricht das Alte Testament von den „Bedrückungen“ und „Bedrängern“ des irdischen Lebens, die nur der Tröster lindern und aufheben kann. „Und wieder sah ich all die Bedrückungen, die unter der Sonne verübt werden. Da sieht man die Tränen der Bedrückten, aber kein Tröster ist für sie da, und (man sieht) die Gewalttat von der Hand ihrer Bedrücker, aber kein Tröster ist für sie da“ (vgl. Prediger 4,1).
Guru Nanak, der als Begründer der Sikh-Religion verehrt wird, erklärt, warum der Gottmensch als Tröster zu den Menschen kommen muss: „Die Welt ist ohne einen Gottmenschen verloren, denn nur er kann uns von den Beschwernissen des irdischen Daseins befreien.“
Die „Bedrücker“ und „Bedränger“, die diese Beschwernisse verursachen, stehen für die negative, das heißt nach außen fließende, von ihrem Ursprung wegstrebende Gotteskraft. Sie ist darauf ausgerichtet, die in der Schöpfung verkörperten Seelen im Kreislauf des Lebens festzuhalten, um den Fortbestand der Welt zu sichern. Die positive Gotteskraft verfolgt im Gegenzug das Ziel, die weltmüden Seelen aus dem Herrschaftsbereich der negativen Kraft zu befreien und auf dem inneren Offenbarungsweg wieder zu Gott zurück zu führen.
Nur der Gottmensch hat als lebende Verkörperung der positiven Kraft die negative Kraft überwunden. Er ist daher imstande, sie zu beherrschen und auch anderen Menschen Erleichterung und Erlösung zu bringen: „In der Welt habt ihr Angst. Doch fürchtet euch nicht, denn ich habe die Welt besiegt“ (vgl. Jh 16,33). In der Bergpredigt verheißt Jesus ausdrücklich den „Mühseligen und Beladenen“ Erquickung und den Trauernden Tröstung (vgl. Mt 5,4; 11,28). Als er die spirituelle Not der Volksscharen sieht, wird er „von Mitleid ergriffen“ und sendet sogleich seine Arbeiter „in den Weinberg“ (Mt 9,36).
Im „Dritten Gesang des Gottesknechts“ (Jes 50,4-10; 51,4-13; 52,2-8; Ergänzungen: Red.) umreißt der Prophet Jesaja klar Wesen und Wirken seiner eigenen Mission als Tröster der Menschen. Es lässt sich in dem Satz zusammenfassen: „Gott bringt den Weltmüden und Bedrängten durch den lebenden Gottessohn göttliche Offenbarungen (Licht, Klang, die Vision des ‚inneren Meisters’), um sie von allem Leid zu befreien und ihnen das Heil der Erlösung zu schenken.“
Schon das Alte Testament spricht von den „Bedrückungen“ des irdischen Lebens, die nur der Tröster mit Offenbarungen „ewiger Freude“ aufheben kann.
Nach der christlichen Glaubenslehre meint Jesus mit dem Tröster den Heiligen Geist, der nach seiner Kreuzigung beim Pfingst- Erlebnis auf die Jünger herabkommen soll: in Gestalt von Licht- Erscheinungen („Feuerzungen“) und Klang-Offenbarungen („Himmels-Brausen“; vgl. Apg 2,2-3).
Doch Christus versteht unter dem Tröster nicht irgendwelche göttlichen Offenbarungen, die sich unabhängig von ihm zeigen, sondern den lebenden Meister, durch den sie direkt wirken. Deshalb fordert er seine Jünger auf, die Zeit zu nutzen, in der er als wandelnde „Offenbarungsquelle“ noch bei ihnen ist: „Noch eine kleine Weile ist das Licht (ich, der gegenwärtige Meister) unter euch. Schreitet voran, solange ihr das Licht habt, damit euch nicht Finsternis überfalle“ (vgl. Jh 12,35; (Hervorhebungen: Red.)
Nach christlicher Deutung soll der Heilige Geist die Jünger (bzw. nach ihnen auch die ganze Christenheit) so lange von innen her stärken und „trösten“, bis „die Zeit erfüllt ist und der Menschensohn in seinem Reich wiederkommt“ (vgl. Mt 16,28). Diese Zeitspanne wird inzwischen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts am Ende der Welt anberaumt.
Jesus rüstet seine Jünger tatsächlich für eine Zeit des Übergangs, in der er nicht mehr physisch bei ihnen sein wird. Er meint damit jedoch nicht die Spanne bis zu seiner eigenen Wiederkehr als Weltenrichter, sondern die zeitliche Lücke zwischen seinem Weggang und der Ankunft des neuen Trösters: „Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich (das jetzige Licht der Welt) weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kann der Tröster (das nächste Licht der Welt) nicht zu euch kommen. Wenn ich aber weggehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Jh 16,7). (Hervorhebungen: Red.)
Denn der neue lebende Meister kommt mit seltenen Ausnahmen (vgl. „Kam Jesus wieder auf die Welt?“, VISIONEN Juli 2010) erst nachdem der gegenwärtige Meister seine Mission erfüllt hat, so wie man eine neue Glühbirne erst einsetzt, wenn die alte erloschen ist. Auch Jesus trat als spiritueller Meister erst in Erscheinung, als sein Meister Johannes der Täufer von Herodes gefangen genommen worden war und nicht mehr öffentlich predigen konnte, und setzte sein Wirken nach dessen Ermordung nahtlos fort.
Um einem weiteren möglichen Irrtum vorzubeugen, betont Jesus außerdem: „Der Tröster also, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Jh 14,26). Und was lehrte Jesus seine Jünger? Das ewige göttliche Gesetz, das „Zeugnis des Herrn, das die Seele labt und das (Einzel-)Auge erleuchtet“ (vgl. Ps 19,8-9). Und was gab Jesus seinen Jüngern zu diesem Zweck? Er gab ihnen Licht. Er hob sie auf den inneren „Berg der Verklärung“ (vgl. Jesaja!) und offenbarte sich ihnen dort in seiner spirituellen Lichtgestalt (vgl. Mt 17,1ff). Wo er war, sahen auch Menschen, die noch „im Finstern saßen“, spontan Licht (vgl. Mt 4,16). Genau dieselben Erfahrungen wird auch der Tröster wieder offenbaren.
Bis dahin wird es vorübergehend keine direkte äußere spirituelle Führung für die Jünger geben. Sie können nur hegen und „festhalten“, was sie an Offenbarungen bisher empfangen haben, aber nicht voranschreiten (vgl. Off 3,11). Bis der Tröster mit seinen neuen, weiter führenden Offenbarungen kommt, erhalten die Jünger auf innerem Wege die Weisungen, die sie brauchen, um auf dem rechten Weg zu bleiben.
Die Johannes-Offenbarung enthält eine ganze Reihe davon. Eine Offenbarung lautet: „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, um einem jedem zu vergelten, was sein Werk ist“ (Off 22,12). Der Lohn bezieht sich auf den Fortschritt, der mit dem Erscheinen des Trösters neuen Aufschwung nehmen wird.
Ein anderer Jünger, der offenbar in Gefahr ist, unter dem Einfluss anderer Menschen in die Irre zu gehen, empfängt die Mahnung: „Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit keiner deinen Siegeskranz wegnehme“ (Off 3,11). Der Siegeskranz ist das Ziel des spirituellen Weges.
Die Bibel bezeugt (gemeinsam mit allen anderen heiligen Schriften) an zahlreichen Stellen des Neuen wie des Alten Testaments, dass für den Weg der Seele zur Erlösung ein lebender Meister unabdingbar ist (vgl. etwa Klagelieder 1,16). Dabei geht es aber nicht um bestimmte Einzelpersönlichkeiten, obwohl sie teilweise durchaus namentlich bekannt sind. Es geht vielmehr um das ungebrochene Meister-Prinzip – um die Tatsache, dass es zu allen Zeiten einen lebenden Meister gibt.