Diesmal geht es um die Frage, wie wir den richtigen spirituellen Weg für uns finden können, der erstens wirklich zum Ziel führt, und zweitens genau zu uns und unseren persönlichen Bedürfnissen passt. Sonst vergeuden wir womöglich unsere Zeit damit, einem Weg zu folgen, der doch nicht hält, was er verspricht, und stehen am Ende mit leeren Händen da. Immerhin gibt es viele Religionen, und jede von ihnen sagt etwas anderes.
Oder wir laufen Gefahr, ein Leben lang einen Weg zu gehen, der sich schließlich als Sackgasse erweist, weil wir feststellen müssen, dass er sich für alle möglichen Leute eignet, nur nicht für uns selbst. Denn jede Seele hat ihre eigene Natur und ihren eigenen spirituellen Entwicklungsstand. Darum ist nicht jeder Pfad für jeden gut, und deshalb müssen wir einen Pfad finden, der möglichst genau auf unsere Verhältnisse zugeschnitten ist und den individuellen Erfordernissen unserer Seele Rechnung trägt.
Sehen wir uns zunächst die erste Bedingung an, die ein spiritueller Weg erfüllen muss, um für uns der richtige zu sein: er muss zum Ziel führen, und dieses Ziel besteht in der Wiedervereinigung der Seele mit Gott. Das ist auch die Bedeutung der Begriffe Yoga (das mit unserem Wort Joch verwandt ist und so viel besagt wie „zwei gleichartige Dinge verbinden“) und Religion (von re „wieder“ und ligio „Bindung“).
Der Pfad der Wiedervereinigung der Seele mit Gott beruht auf göttlichen Offenbarungen (vgl. Kasten), die nicht dem zeitlichen Wandel unterworfen sind. Sie wurden den Menschen bereits seit Anbeginn der Zeit offenbart, haben sich bis heute nicht geändert und werden es auch in Zukunft nicht tun. Auf dem Gebiet der Spiritualität hat die Theorie der Evolution, nach der sich alles immer weiter entwickelt, nämlich keine Gültigkeit – hier bleibt alles so, wie es immer schon war.
Das bedeutet, dass der Yoga der Seele von Anfang an vollkommen war. In der Bibel heißt es sinngemäß dazu: „Das Gesetz des Herrn ist vollkommen und führt die Seele zurück zu Gott“ (vgl. Ps 19,8). Das göttliche Gesetz beinhaltet demnach alles, was nötig ist, um die Seele in ihren ursprünglichen göttlichen Seinszustand zurück zu versetzen.
Da das göttliche Gesetz aber ewig währt und sich niemals ändert, ist es nicht nur vollkommen, sondern auch wahr. Gott offenbart sich den Menschen bis zum heutigen Tage auf genau dieselbe Weise wie schon bei der Erschaffung der Welt und wie es damals in den Veden aufgezeichnet wurde. Also ist auch der Weg wahr, den diese Offenbarungen weisen.
Es steht geschrieben: „Der Pfeil der Wahrheit passt nur durch ein enges Tor.“ Und in der Bibel lesen wir: „Eng ist die Pforte und schmal der Weg, der ins Leben führt“ (vgl. Mt 7,14). Der spirituelle Pfad ist ein sehr schmaler Weg und führt durch eine enge Pforte, das so genannte zehnte Tor. (Es liegt über den neun Körperöffnungen zwischen den Augenbrauen, am Dritten Auge, und gewährt der Seele in der Meditation Zutritt zum inneren Gottesreich.) Hier passt nichts als die lautere, reine Wahrheit hindurch – fügt man ihr irgendetwas hinzu, kommt sie nicht mehr hinein.
Im Koran wird der Weg zu Gott als „gerader Pfad“ beschrieben, weil er ohne jeden Umweg direkt von der Seele zu Gott führt.
In Indien spricht man zweitens auch vom „leichten Pfad“ (Sahaj Yoga), weil er keine besondere „Ausrüstung“ verlangt wie Bücher und Schriften oder bestimmte Zeremonien und äußere Rituale. Im Gegenteil: für die innere Reise braucht man gerade kein Gepäck – man kann sie nur allein antreten, ohne irgendwelches „Drumherum“.
Als drittes Merkmal des spirituellen Pfades wird genannt, dass er unter der Leitung der göttlichen Offenbarungen steht (vgl. Kasten). Diese Offenbarungen kommen unmittelbar von Gott. Sie schenken uns Inspiration, innere Führung und rechtes (d. h. göttliches) Wissen. Darum ist es auch nicht möglich, vom Pfad wieder abzukommen, sobald man ihn einmal aufgenommen hat.
Das allerwichtigste Kennzeichen des spirituellen Pfades aber ist, dass er sich uns von innen her selbst offenbart, ohne dass wir danach suchen müssen. Mein Meister sagte immer: „Wenn der Schüler bereit ist, stellt sich der Meister von selber ein.“ Wann ist der Schüler reif für den spirituellen Pfad? Wenn er dafür bestimmt ist oder, wie es in der Bibel heißt, das „Siegel“ dafür trägt (vgl. Off 7,3). Dieses „Siegel“ wird ihm zuteil, sobald er nach Abbau aller karmischen Hindernisse genügend gutes Karma angesammelt hat, um für den Pfad geeignet zu sein. Zu diesem Zeitpunkt wird ihm automatisch offenbart, wie er auf diesen Pfad gelangt.
Zu den weiteren Besonderheiten des spirituellen Pfades gehört, dass er voller Liebe ist. Gott ist der Inbegriff der Liebe, und die Menschen, die Ihn verwirklicht haben, verkörpern diese Liebe mit ihrer ganzen Person. Die Liebe ist ihre große Leidenschaft, und diese Leidenschaft inspiriert auch uns dazu, dem Pfad zu folgen.
Zweitens ist dieser Pfad ein Weg des Friedens. Er schafft Frieden in uns selbst und damit auch in der Welt. Meiner Vedenübersetzung habe ich deshalb das folgende Motto voran gestellt: „Solange es Menschen gibt, die Gottes Offenbarungen in sich empfangen, gibt es auch Frieden in der Welt.“ Denn wenn auch nur ein einziger Mensch dank dieser göttlichen Offenbarungen unerschütterlich in Gott und Seinem Frieden gründet, kann er für ein ganzes Land zum Friedensbringer werden.
Drittens führt der spirituelle Pfad zu innerer Ruhe und Heiterkeit, indem er unsere inneren Spannungen neutralisiert. Manchmal denken wir zum Beispiel, dass uns jemand Unrecht getan hat, und nehmen ihm das übel. Dann kommt uns vielleicht zu Bewusstsein, dass diese Kränkung nur der Ausgleich für unseres eigenes Karma war, und wir hören auf, ihm deswegen böse zu sein.
Viertens ist der spirituelle Pfad ein Weg der Freude und des Glücks. Er sorgt zuerst dafür, dass wir schon in dieser Welt glücklich werden, und dieses Glück breitet sich dann immer stärker in uns aus, bis wir schließlich ganz von tiefer Seligkeit erfüllt sind.
Fünftens ist dieser Pfad so angenehm für uns, dass wir schnell Gefallen daran finden. Wenn jemand aus religiösen Gründen von uns verlangt, durchs Feuer zu gehen oder uns in eiskaltes Wasser zu stellen, wird uns das nicht behagen. Lädt man uns dagegen ein, uns einfach nur still hinzusetzen und an nichts zu denken, finden wir das leicht und schön. Es fällt uns daher nicht schwer, diesen Pfad anzunehmen, und es macht uns Freude, ihn zu praktizieren.
Nicht umsonst wird er im Adi Granth, der heiligen Schrift der Sikhs, mit den Worten beschrieben: „Auf diesem Weg könnt ihr essen, trinken, tanzen und das Leben in der Welt genießen und trotzdem die Erlösung finden.“ Es ist nicht nötig, dass ihr eure Lebensweise ändert. Ihr könnt ruhig weiterhin euren weltlichen Aktivitäten nachgehen – ihr müsst lediglich euer Denken ändern und es bei allem, was ihr tut, auf Gott gerichtet halten. Es ist auch nicht erforderlich, eure Ernährungsgewohnheiten umzustellen und bestimmte Speisen zu bevorzugen oder zu meiden. Ihr braucht beim Essen nur die Aufmerksamkeit bei Gott zu haben – alles andere regelt sich von allein. Dann werdet ihr automatisch dazu inspiriert, nur das zu essen, was euch gut tut, und bekommt ganz generell eine natürliche Abneigung gegen alles, was euch schaden könnte.
Durch eben dieses Prinzip wird der spirituelle Pfad auch zu einem ganz persönlichen Weg zu Gott. So wird euch beispielsweise nicht verboten, Tiere zu töten. Es wird euch lediglich gesagt, euch bei allem, was ihr tut, nach innen zu wenden, um von dort zu erfahren, wie ihr euch am besten verhalten sollt. Auch Jesus Christus schärfte seinen Schülern ein: „Bereitet euch nicht schon im voraus auf bestimmte Situationen vor – alles, was ihr wissen müsst, um in jeder Lebenslage das Richtige zu tun, wird euch genau im passenden Moment von innen her eingegeben“ (vgl. Mt 10,19).
So erklärt sich auch der scheinbare Widerspruch, warum zwei Schüler unter denselben Umständen völlig gegenteilige Weisungen erhalten können. Das liegt daran, dass jede Seele ihren eigenen spirituellen Entwicklungsstand hat und immer im Einklang damit geführt wird.
Gott wohnt in unserem Herzen und hält ständig über uns Wacht. Darum weiß er auch genau, was wir in jedem Augenblick brauchen. Und darum ist auch der Weg zurück zu Ihm, ob wir ihn nun als Yoga der Seele oder als Pfad der Religion bezeichnen, genau auf unsere Bedürfnisse abgestimmt.