Wie ist es so im Himmel?

Wie ist es so im Himmel?

Was kommt nach der Erlösung?

Nach der Erlösung muss die Seele nicht wieder in die Welt zurück. Doch was passiert danach mit ihr? Kommt sie in den Himmel oder „nur“ in paradiesische höhere Welten, womöglich nach Religionen getrennt? Verschmilzt sie ganz mit Gott? Oder lebt sie „nur“ in seiner Gegenwart? Viele Fragezeichen – ein Sammelpunkt...

VORGESTELLT. Soami Divyanand , der sich hier der Befragung stellt, lehrt als spiritueller Meister seit über 30 Jahren den Yoga der Seele, den Pfad des göttlichen Lichts und Klangs. Mit dem aus eigener innerer Erfahrung gewonnenen spirituellen Sprach-Code der heiligen Schriften entschlüsselte er bereits die Veden und wesentliche Teile der Gita, der Bibel und des Korans – eine grundlegende Voraussetzung für das Verständnis der inneren Einheit der Religionen.

Beisammen- oder Einssein?

Frage: Vergleichen wir die jeweiligen Erlösungsvorstellungen im Judentum, Christentum und Islam einerseits und im Hinduismus und Buddhismus andererseits, so drängt sich ein entscheidender Unterschied auf. Wird in den östlichen Religionen die irdische Lebensspanne vor allem als Gelegenheit betrachtet, der Bindung an das Rad der Wiedergeburten zu entkommen und damit die Erlösung zu finden, so stellen sich die drei semitischen Religionen unter dem Paradies eher die Fortsetzung der physischen Existenz vor, nur ohne das damit verbundene Leid.

Im Buddhismus existiert die Seele zwar als Monade weiter, das heißt ohne Auflösung ihrer Individualität, jedoch jenseits aller Täuschung – als etwas über alle irdische Erfahrung Erhobenes. Im Hinduismus wird sogar ein weiterer Schritt vollzogen, indem die Seele mit Gott verschmilzt und in der Einheit mit ihm ewige Seligkeit erfährt.

In den semitischen Religionen dagegen bleibt die Dualität zwischen Gott und Seele auch in der Erlösungsvorstellung insofern erhalten, als die Seelen Gott im Paradies anbeten, wobei er jedoch immer über ihnen steht.

Was hat es mit diesen doch sehr tief greifenden Unterschieden auf sich, und lässt sich sagen, welche dieser Versionen stimmt?

Die erlöste Seele bewahrt das volle Bewusstsein von Gott. In diesem Punkt, dem Fehlen jeglicher Trennung, stimmen alle großen Religionen überein.

Seligkeit – mit oder ohne Gott?

Antwort: Diese von Ihnen geschilderten Unterschiede gibt es nur in der jeweiligen religiösen Überlieferung, jedoch nicht dem Ursprung nach.

Nicht nur im Buddhismus, sondern auch im Hinduismus bewahrt die erlöste Seele ihre Identität, und zwar so lange, bis ein Schöpfungszyklus zu Ende geht und Gott seine gesamte Schöpfung wieder zurücknimmt. Die Literatur nennt dies einen Tag und eine Nacht Gottes. Wenn diese „Schöpfungsnacht“ eintritt, existiert Gott in seinem reinen, absoluten Sein, ohne sich in irgendeiner Form zum Ausdruck zu bringen, und dann werden alle geschaffenen Seelen wieder eins mit ihm. Bis dahin bleiben die unerlösten Seelen dem Zyklus der Wiedergeburten unterworfen und damit dem Wechsel von Freude und Leid, Schuld und Sühne. Die erlösten Seelen hingegen verharren im Zustand der Seligkeit in unmittelbarer Gottesgegenwart.

Diese Auffassung ist mit dem „Monaden- Modell“ des Buddhismus identisch – vorausgesetzt, der Buddhist leugnet nicht die Existenz Gottes, wie es einige buddhistische Richtungen tun. Buddha selbst lehrte Gott lediglich als das absolut Andere. Indem er seinen Jüngern erklärte, was Gott nicht ist, wollte er ihnen nur zeigen, dass es dem Menschen unmöglich ist, sich eine Vorstellung von Gott zu machen. Erst in der späteren Entwicklung des Buddhismus wurde dies zuweilen so verstanden, als habe Buddha die Nicht- Existenz Gottes gelehrt.

Dabei finden wir dieselbe Grundlehre analog in der Tora des Judentums wie auch im Koran: Danach soll sich der Mensch „kein Bildnis“ von Gott machen, das heißt keine Vorstellungen. Im Judentum und im Islam wurde dieses Gebot später dahingehend missverstanden, dass der Mensch sich lediglich keine bildhaften Darstellungen von Gott schaffen solle (Bilderverbot).

Viele Religionen – ein Schöpfungsziel

Was nun Christi Lehre betrifft, so sehe ich sie nicht im Gegensatz, sondern ebenfalls in Übereinstimmung mit den östlichen Religionen. Wenn Jesus wie seine Vorgänger lehrt: „Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild“ (vgl. 1 Mose 1,27), so bedeutet dies nichts anderes, als dass die Seele ihrem Ursprung und eigentlichen Wesen nach ein Teil des allmächtigen Gottes ist und dass es demnach keine Dualität zwischen beiden gibt. Auch das Ziel des Menschen nennt Jesus damit, nämlich dass die Seele wieder ihre ursprüngliche göttliche Vollkommenheit erlangen soll, die völlige Wiederherstellung ihres eigentlichen Wesens: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (vgl. Mt 5,48)

Ganz ähnlich erklärt der Koran in Sure 4,1: „Gehorche deinem Herrn, der den Menschen aus Sich Selbst schuf...“ Was Gott aus sich selbst schuf, ist wesenseins mit ihm.

Das heißt im Klartext: Auch die heiligen Schriften des Judentums, des Christentums und des Islam bezeugen die wesensmäßige Einheit der Seele mit Gott und damit zugleich die den Menschen gestellte Aufgabe, diesen Zustand der Wesenseinheit mit Gott wiederherzustellen. In diesem zentralen Punkt deckt sich also der Erlösungsbegriff aller genannten Religionen.

Ein Paradies für alle

Was nun das Bewahren der Identität beziehungsweise die Verschmelzung mit Gott betrifft, so lehren die östlichen Religionen, wie schon gesagt, übereinstimmend das Weiterbestehen der Seele als Monade bis zur Auflösung der Schöpfung durch Gott. Dieser Zustand ist im Hinduismus wie im Buddhismus erreicht, wenn die Seele von allen Hüllen der Täuschung befreit ist und keine weitere Inkarnation mehr durchlaufen muss.

Dieser Zustand der Monade – der Seele im vollkommen erleuchteten Zustand, die sich fortwährender Seligkeit erfreut – entspricht auch dem Paradies der drei großen monotheistischen Religionen. Wenn die ins Himmelreich eingekehrte Seele in der ständigen Gegenwart und Anbetung Gottes lebt, so bedeutet dies ebenfalls, als dass sie durch keinerlei Täuschung mehr von Gott getrennt ist. Sie bewahrt ohne Unterlass das volle Bewusstsein von Gott und schaut ihn unverhüllt „von Angesicht zu Angesicht“. In diesem zentralen Punkt – dem Fehlen jeglicher Trennung zwischen der Seele und Gott – stimmen also östliche und westliche Religionen überein.

eZ Publish™ copyright © 1999-2012 eZ Systems AS