DER TAOISMUS

DER TAOISMUS

Ein Thema - sechs Sichtweisen

Anders als in der westlichen Philosophie galt der Mensch im chinesischen Denken nie als das Maß aller Dinge. Es kennt keine Begriffe wie „Freiheit“ und „Selbstbestimmung“. Alle religiösen Traditionen Chinas gründen sich vielmehr auf das menschliche Streben nach Harmonie: mit Kosmos und Natur, Familie und Gesellschaft. So auch der Taoismus. Sein Mittelpunkt ist das Tao: Ursprung, Weg und Ziel aller Dinge. Es wirkt durch Nicht-Handeln: das „Nichteinmischen“ in den natürlichen, spontanen Lauf der Dinge.

HANDELN IM NICHT - HANDELN
„Begonnen ist der Weg, vollende die Reise“ – in diesem Sinne erklärt Laotse das Nicht - Handeln als Herstellung des Gleichklangs mit dem Welttakt.

Laotses Nicht-Machen ist durchaus mit einer Art mitwal tender Wirksamkeit verbunden: kraft seiner Allianz mit dem Puls der Welt, kraft seiner Abneigung gegen abstrakte Technik, die ohne Kontakt mit der Natur als Mutter wirkt. Also enthält aber auch die verstandene Lehre des Nicht-Machens eine Maxime, die am Ende so fern von Quietismus sein kann, dass sie konkreter Handlung am wenigsten fremd bleibt, ja Revolution als Durch bruch ins Fällig-Rechte heiligt. Es ist die Maxime: Begonnen ist der Weg, vollende die Reise; dieses Sinns erklärt Laotse das Nicht- Machen als Einschwingung in die konkrete Wirkungskraft der Welt: „Wird Tao geehrt und als Leben gewertet, so bedarf es keiner Gebote, und die Welt geht von selber recht“ (Kap. 51). Er spricht sogar einmal vom Machen des Nicht-Machens (wei wu wei), womit genau Herstellung der Konformität mit dem Welttakt ge meint ist, mit seinem mächtig-stillen Schlag.

Teeduft zieht durch dieses Religions-All, so fern von Gewalttat, Roheit und Lärm; Anti- Barbarus ist hier am weltfrömmsten zu Glaube geworden, zur Mutterlandschaft des Waltens und Heilens. Ja, der Friede, in dem Machen des Nicht-Machens sich bewegt, lässt Laotses Tao, ohne dass es irgendwo aus der Welt geriete, sogar als jene gänzliche Fülle von Unscheinbarkeit erscheinen, die das Stärkste im Schwächsten, das Wichtigste im Geringsten, fast Abwesenden sehen lassen mag.

Ernst Bloch

RUHIGES GESCHEHEN IM BEWEGTEN ALL
Für den chinesischen Geist ist die Welt ein natürlicher in sich geschlossener Kreislauf, das ruhig bewegte All. Für uns Abendländer stehen die Welt und unser Geist in kämpferischer Spannung miteinander.

Wie alle größten Philosophen der Menschheit denkt Lao-tse aus dem Um greifenden, ohne in ein Gewusstes sich fesseln zu lassen. Sein in das Weiteste gespanntes Denken lässt nichts aus. Er selbst ist nicht subsumierbar als Mystiker, als Ethiker, als Politiker. Seine tiefe Ruhe des Tao ist gewonnen im Überschreiten aller Endlichkeit, aber so, dass die Endlichkeiten selber, sofern sie wahr und wirklich sind, vom Tao durchdrungen werden.

Dem chinesischen Geist ist die Welt natürliches Geschehen, lebendiger Kreislauf, das ruhig bewegte All. Alle Abweichungen vom Tao des Ganzen sind beiläufig, vorübergehend und immer schon auch zurückgenommen in das unverderbliche Tao selber.

Uns Abendländern ist die Welt in sich nicht geschlossen, vielmehr bezogen auf das, was aus der Welt als natürliches Geschehen nicht begreiflich ist. Die Welt und unser Geist stehen in der Spannung des Ringens mit sich und dem anderen, sind ein entscheidendes Geschehen im Kampf, haben einen einmaligen geschichtlichen Gehalt.

Lao-tse kennt nicht die Chiffre des fordernden und zorni gen, des kämpfenden und Kampf wollenden Gottes.

Karl Jaspers

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