HINDUISMUS

HINDUISMUS

Ein Thema – sechs Facetten

Der Hinduismus ist mehr als „nur“ Religion. Er versteht sich als idealtypisches, der kosmischen Weltordnung gemäßes Verhaltensmodell für alle Lebensbereiche. Darum hat er weder einen einzelnen Gründer noch ein „kirchliches“ Oberhaupt. Seine zeitlosen Weisheiten wurden einst von Weisen „gehört“ und bis heute bewahrt. In stetem Wandel werden sie immer neu belebt und neu verstanden.

EINE UNEINHEITLICHE RELIGION

D och wer nun aus dem nahöstlichen religiösen Stromsystem der prophetischen Religionen Judentum, Christentum und Islam in das indische religiöse Stromsystem hinüberwechselt, befindet sich zunächst in arger Verlegenheit: keine Gründergestalt wie Abraham, Mose, Jesus Christus, der Prophet Muhammad; kein abgegrenzter Corpus einer Heiligen Schrift wie die Tora, das Neue Testament oder der Koran; keine organisatorischen Strukturen wie Synagoge, Kirche oder Moschee; keine einheitliche Schau der ganzen Weltgeschichte, beginnend mit der Schöpfung durch den Einen Gott und linear ausgerichtet auf eine Vollendung. Vielmehr eine zyklische Sicht von Menschenleben und Menschheitsgeschichte, eine unbeschreibliche Vielzahl von Göttern, Mythen, Riten und Festen, von Philosophien und Schriften, die oft schwer oder auch gar nicht zu datieren sind.

Der „Hinduismus“ – er ist eine durch die Jahrhunderte dahin fließende Religion, scheinbar unverändert und sich doch ständig wandelnd, mit immer neuen Reformschüben und Paradigmenwechseln: Übergänge in eine neue Gesamtkonstellation, oft kaum wahrnehmbar, weil Elemente der früheren Epoche in die neue übernommen werden.

Hans Küng

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