TRÄUME SIND...

TRÄUME SIND...

Ein Th ema – sechs Sichtweisen

Wir haben nicht nur Träume – wir sind unsere Träume. In Tagträumen baut sich unser Ich seine eigenen Luftschlösser. Dieselbe Schöpferkraft waltet im Schlaf. Unsere Traumseele ist somit ungleich reicher an Lebensmöglichkeiten als unser Bewusstsein. Ihre Erlebniswelten umfassen nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern alle möglichen Zeiten und Orte. Letztlich sind Traum und Wirklichkeit nur scheinbar Gegensätze, sondern vielmehr Teil einer einzigen absoluten Realität.

...UNSER HALBES LEBEN

Dass Träume bloß verdrängte Wunsch-Erfüllungen sind, ist ein längst überholter Standpunkt. Gewiss gibt es auch Träume, die erfüllte Wünsche oder Befürchtungen manifest darstellen. Aber was gibt es nicht alles sonst noch? Träume können unerbittliche Wahrheiten, philosophische Sentenzen, Illusionen, wilde Phantasien, Erinnerungen, Pläne, Antizipationen, ja sogar telephatische Visionen, irrationale Erlebnisse und Gott weiß was sonst noch sein.

Wir dürfen nämlich eines nicht vergessen: Fast die Hälfte unseres Lebens spielt sich in einem mehr oder weniger unbewussten Zustand ab. Die spezifische Bewusstseins-Äußerung des Unbewussten ist das Träumen. Wie die Seele eine Tagseite, das Bewusstsein, hat, so hat sie auch eine Nachtseite, das unbewusste psychische Funktionieren, das man als traumhaftes Phantasieren auffassen könnte...

So besteht auch die allergrößte Wahrscheinlichkeit dafür, dass unsere Traumseele über einen ähnlichen, vielleicht sogar noch viel größeren Reichtum an Inhalts- und Lebensmöglichkeiten verfügt als das Bewusstsein, dessen essentielle Natur Konzentration, Einschränkung und Ausschließlichkeit ist.

Carl Gustav Jung

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