Auf der Liste unserer Ideale wäre „Freiheit“ heute erster Kandidat für den Spitzenplatz. Ob Emanzipation, die Abschaffung von Grenzen oder mehr Freizeit – die Ziele solcher Bewegungen ließen sich alle unter dem Namen „Freiheit“ zusammenfassen.
Wollte man die Ideale einer Zeit auflisten, so wäre „Freiheit“ in unserer Epoche erster Kandidat für den Spitzenplatz auf dieser Liste. Ob Entkolonialisierung oder Emanzipation, Demokratisierung oder Mitbestimmung, die Abschaffung von Grenzen und Mauern oder mehr Freizeit angestrebt werden, die Ziele der meisten solcher Bewegungen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft ließen sich unter dem Namen „Freiheit“ zusammenfassen. Aber auch viele Wünsche privaterer Natur könnte man auf die Formel bringen: „Ich will frei sein!“
Allerdings müsste man in beiden Bereichen zuvor bestimmen, was da unter „Freiheit“ zu verstehen ist, wie sie sich verwirklicht und wie sie bewertet werden soll, wie sie sich also zu Normen verhält. Es kann nämlich keineswegs davon ausgegangen werden, dass diese Fragen geklärt seien. Unter dem Vorwand – vielleicht aber bisweilen sogar mit der ehrlichen Absicht –, Freiheit heraufführen zu wollen, hat man Systeme massivster Unterdrückung errichtet; mit Berufung auf Freiheit hat man egoistische Rücksichtslosigkeit ausgelebt oder sich Zwängen und Süchten ausgeliefert.
Albert Keller
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