Island – die magische Insel hoch oben in Norden vereint atemberaubende Landschaften, eine alte Kultur voller Mythen und einen ganz besonderen, eng mit der Natur verbundenen Menschenschlag. In einem wunderschönen Bildband zeigt der Fotograf Patrick Desgraupes die Vielfalt dieses sagenumwobenen Eilands.
Als der Naturfotograf Patrick Desgraupes 1988 zum ersten Mal nach Island kam, war er fasziniert von der wild romantischen und ungezähmten Landschaft. „Ich war überwältigt: unendliche Wüsten aus schwarzem Sand, Gebirgsmassive aus Rhyolith in den unterschiedlichsten Farben, Polarlichter, die zauberhaft am Himmel tanzen“, begeistert sich der Franzose. Er habe sich wie auf einer Reise in die Vergangenheit gefühlt, fährt er fort, „so, als würde ich mich dem Ursprung des Lebens nähern.“
Ganz abwegig ist das Gefühl nicht. Islands Landschaft kommt dem, was in grauer Vorzeit einmal unseren Planeten geprägt hat – vulkanisches Gestein, heiße Quellen – sehr nahe. Schon kurz nach seiner Ankunft wird Patrick Desgraupes bewusst, dass er eine ganz besondere Beziehung zu Island hat: „Mich überkam unmittelbar das Gefühl, dass mein Leben sehr eng mit dem Land verbunden war.“ Eben diese Verbundenheit wollte er auf seine Arbeit übertragen. Dafür ließ er sich viel Zeit. „Es kommt nur sehr selten vor, dass ich gleich nach der Ankunft an einem Ort anfange zu fotografieren. Meist verbringe ich viel Zeit damit, zu beobachten. Ich warte darauf, mir den Raum anzueignen, eins zu werden mit der Landschaft und ihr Wesen zu erfassen.“ Als Landschaftsfotograf verfolgte Desgraupes aufmerksam den Wetterbericht und kam recht bald zu der Erkenntnis, dass man in Island besser daran täte, „den Weg des Zen zu beschreiten. Mehr noch als an anderen Orten sollte man dort nicht versuchen, die Elemente zu beherrschen, sondern sich ihnen anzupassen.“ Da kann es passieren, dass Desgraupes auch schon mal sieben Jahre auf den richtigen Moment wartet, um das Polarlicht einzufangen. Die Mühe und Geduld haben sich ausgezahlt, wie die Fotografien in seinem Buch „Island“ (siehe Buchtipp) zeigen. Doch ganz abgeschlossen hat der Franzose mit dem Projekt Island noch nicht: „Noch heute träume ich manchmal, zu Hause in Paris, von jenen Eishöhlen, die ich nicht erreichen konnte.“
Der Legende nach scheiterte der erste Siedler, der sich auf einer unbewohnten Insel ganz im Norden niederlassen wollte, am unwirtlichen Klima. Trotzig nannte der das Fleckchen Erde Island, „Land aus Eis“. Ein Norweger soll schließlich der erste Siedler gewesen sein. Der Seemann brachte gleich alles mit, was seiner Meinung zu einer zivilisierten Welt gehört: Familie, Dienstboten, Sklaven, Vieh sowie Werkzeuge zur Urbarmachung des Bodens und zum Hausbau. Später ließen die Isländer in ihrer Verfassung das Verbot niederlegen, sich niemals der Küste mit einem Drachenkopf als Gallionsfigur zu nähern. Denn das würde die Geister – die landvættir – erzürnen. Die Isländer sind bis heute fest davon überzeugt, dass die landvættir das Land beschützen und bewachen. Um die Versammlungsplätze der Elfen nicht zu gefährden, werden Straßen auch schon mal um einige Kilometer verlegt. Ein altes Sprichwort sagt: Bist du auf Eisland geboren, kehrst du immer dorthin zurück.
Dieser erste Siedler soll den Namen Infólgur Arnarson getragen haben. So jedenfalls vermelden es mittelalterliche Texte, die das Datum seiner Landung auf Eisland um das Jahr 874 festlegen. Der isländische Schriftsteller Einar Már Jónsson hegt da erhebliche Zweifel: „Doch wie glaubwürdig sind sie?“, fragt er sich. Die älteste Quelle, das so genannte Isländerbuch von Ari Thorgilsson, sei immerhin erst 250 Jahre nach diesem historischen Ereignis entstanden. So hätten Archäologen und Geologen anhand der Analyse von vulkanischen Ablagerungen eher das Jahr 871 als mögliches Datum der ersten Besiedlung festgelegt. Aber wer will sich bei einer so sagenumwobenen Insel um drei Jahre streiten?
Einen ganz besonderen Reiz hat Island durch seine raue Natur. Laut Einar Már Jónsson unterschied sich das, was die ersten Siedler im 9. Jahrhundert auf der Insel vorfanden, nicht grundlegend von der Landschaft, die Reisende heutzutage erleben. Wenn er auch darauf hinweist, dass es damals wohl üppiger begrünt gewesen sein muss. Doch die Schönheit könne nicht darüber hinweg täuschen, meint der Schriftsteller, dass unter der Oberfläche „dieselben finsteren, bedrohlichen Naturgewalten“ lauerten, die von einem Moment auf den anderen entfesselt werden könnten: Vulkane. „In Gebirgsbächen und inmitten einsamer Seen kann man gelegentlich kleine Inseln entdecken, die von einer dichten Vegetation überzogen sind“, so Einar Már Jónsson. Charakteristisch seien die hohen Büschel Engelwurz, die das Bild dominierten. An diesen Orten habe sich die Vorstellung einer Flora erhalten, wie sie die ersten Menschen empfangen hat.
Island ist vulkanischen Ursprungs, was die zahlreichen heißen Quellen im Süden der Insel eindrucksvoll dokumentieren. Vulkanforscher haben ihre helle Freude daran, denn es gibt die unterschiedlichsten Formen, die von erloschenen über aktive Vulkane bis hin zu unterirdischer und sichtbarer Aktivität reichen. Durchschnittlich kommt es alle fünf Jahre irgendwo auf Island „zu einem nennenswerten Ausbruch“. Für die norwegischen Ankömmlinge, weitgehend heidnisch, waren die Feuerberge ein Wohnsitz der Geister. Für frühe Christen gar das Tor zur Hölle.
Anders als auf dem Festland gab es in Island keine Bauerndörfer und bis Ende des 18. Jahrhunderts mit Ausnahme der Siedlungen von Reykjavik und Akureyri auch keine Städte. Es heißt, dass die Nachfahren der Wikinger die Größe ihrer Ländereien so festlegten: Die Männer durften das Land ihr eigen nennen, das sie binnen eines Tages mit einer Fackel ablaufen konnten. Damit wurde das Land mit Feuer geweiht. An den Grenzen des Gebietes mussten sie Feuer entzünden, deren Abstände so groß sein sollten, dass man die Flamme des nächsten Feuers gerade noch so sehen konnte. Da es bei den Wikingern auch Frauen als Clan- und Stammesführerinnen gab, konnten sie ihr Gebiet ebenso innerhalb eines Tages ablaufen. Anstelle des Feuers begleitete sie ein Jungrind.
Neben dem harten Alltag existierte für Isländer von Beginn der Besiedlung an noch eine andere – unsichtbare – Welt. Diese Welt war mit den unterschiedlichsten Wesenheiten bevölkert. So waren die Berge das Reich der Riesen. Sie lebten in Grotten und es hieß, sie seien den Menschen feindlich gesinnt. Aber sie konnten auch hilfsbreit sein. Deshalb galt es, sie nicht zu erzürnen. „In der hügeligen Landschaft unweit der Gehöfte und zwischen den Felsen der großen Lavafelder vermutete man die Elfen“, erzählt Einar Már Jónsson. Man nannte die Elfen auch „versteckte Leute“, huldufólk. „Man durfte sie nicht provozieren und schon gar nicht ihre Wohnorte stören“, so der Schriftsteller weiter. „Gelegentlich pflegten sie den Umgang mit den Menschen und halfen ihnen sogar. Sie hatten ihre eigenen Kirchen – große Felsen, die an ihrer Form zu erkennen waren.“ Den Kindern war es strengstens verboten, in der Nähe dieser Naturformationen zu lärmen. Und dann waren da noch die Geister, die des Nachts durch die Gegend streiften, um die Menschen zu erschrecken. Ob sie auch heute noch ihr Unwesen treiben? Die Isländer jedenfalls glauben nach wie vor an die Bewohner der Anderswelt.