Editorial Ausgabe Juni 2007

Liebe Leserinnen und Leser!

Es war einmal ein Mann namens Ravi, der jeden Tag betteln ging, um seine Familie zu ernähren. Eines Morgens griff er nach seinem Bettelsack, ging aus dem Haus und dachte bei sich, Gott möge mir doch helfen, heute möglichst viel Essen nach Hause zu bringen. Schon bald bekam er tatsächlich etwas Reis und ein bisschen Mehl, doch plötzlich, wie es das Schicksal so wollte, begegnete ihm der König des Landes.
Der kam geradewegs auf ihn zu, stellte sich vor dem Bettler hin und verlangte, er solle ihm eine Handvoll Reis geben. Ravi erschrak, und da ihm klar war, dass der König ein sehr mächtiger Mann war, gab er ihm eine Handvoll von dem Reis, den er sich gerade erbettelt hatte.

Der König nahm den Reis und zog seines Weges. Ravi blieb zurück und haderte mit seinem Schicksal. Nicht nur dass er arm war und betteln gehen musste, nein, da kommt auch noch der König, der doch sicherlich viel mehr zu essen hatte als er, und nimmt ihm eine Handvoll Reis, die er sich so mühsam erbettelt hatte, weg. Was für eine Ungerechtigkeit!

So ging Ravi griesgrämig nach Hause und begrüßte seine Frau mit den Worten: „So ein schrecklicher Tag, da hat der König mir doch tatsächlich eine Handvoll Reis weggenommen, obwohl er sicherlich selbst genug hat.“ Seine Frau versuchte ihn zu beschwichtigen, aber Ravi blieb maßlos enttäuscht. Als seine Frau nun den Bettelsack aufschnürte, fand sie darin eine Handvoll Gold. Sie ging zu ihrem Mann und fragte ihn, woher er denn das Gold habe. Ravi wusste nicht, wovon sie sprach, aber schon begriff seine Frau selbst etwas: „Du hast doch dem König eine Handvoll Reis gegeben, bestimmt hat Gott dir dafür eine Handvoll Gold geschenkt.“ Da fiel es Ravi wie Schuppen von den Augen, aber statt sich mit seiner Frau über den Goldsegen zu freuen, haderte er nun wiederum mit seinem Schicksal und jammerte: „Warum habe ich dem König denn nicht gleich zwei Handvoll Reis gegeben? Dann hätte ich jetzt doch sicherlich auch zwei Handvoll Gold!“

Haben wir uns schon einmal Gedanken darüber gemacht, was Wünsche in uns bewirken können? Wird uns ein Wunsch nicht erfüllt, fühlen wir uns unglücklich. Wird er aber erfüllt, freuen wir uns zunächst und spüren eine gewisse Befriedigung. Doch schon nach kurzer Zeit meldet sich – zuerst vielleicht recht zaghaft – der nächste Wunsch. Wir wollen noch mehr haben! Das Resümee: Die Erfüllung unserer Wünsche macht uns nicht glücklich, sondern führt nur noch zu mehr Wünschen, die uns immer weiter und weiter in den Strudel der materiellen Bindung hineinziehen und unsere Aufmerksamkeit an diese Welt fesseln. Was also tun? Eine innere Zufriedenheit uns zu eigen machen, die uns – losgelöst von materiellem Wunschdenken – viel gelassener, ausgeglichener und freier das Leben genießen lässt.

Mit sonnigen Grüßen aus dem herrlichen Südschwarzwald
Ihre

Gerlinde Glöckner
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