Nach dem Ersten Weltkrieg zweifelten Viele an der Vernunft des Menschen. Das sinnlose Gemetzel war doch anscheinend ganz berechnend und rational von Politikern und Generälen angeordnet worden. Konnte, durfte man da dem Verstand noch trauen? Brachte er nicht nur Wahnsinn und Zerstörung? Doch worauf sonst war Verlass?
Eine Gruppe von französischen Künstlern und Literaten sah in Sigmund Freuds Konzept des Unbewussten einen möglichen Ausweg. Man musste Mittel und Wege finden, den Verstand und sein Zweck orientiertes Denken auszuschalten und so eine vielleicht tiefere, wahrere Quelle der Kreativität anzapfen. Wortführer wurde ab 1920 der Dichter André Breton (1896 – 1966). 1924 veröffentlichte er in Paris „Das Manifest des Surrealismus“. Darin schlägt er Methoden wie das „automatische Schreiben“ und schnelles Zeichnen von Träumen vor, um die Kontrolle des Verstandes mit seinen überlieferten Wertvorstellungen von Moral, Schönheit und Bildung zu umgehen. Er schreibt:
„Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität.“
Breton spricht vom Moment der „Entheimatung”, wodurch die Dinge von ihrem angestammten Platz an einen fremden Ort verrückt würden. Dadurch entstehe eine ver-rückte Wirklichkeit, die auf Unterbewusstes, Traumhaftes verweise. Und er formuliert ein neues Dogma: „Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen Lebensprobleme an ihre Stelle setzen.“
»Kunst ist vielleicht die sichtbarste Wiederkehr des unterdrückten Bewusstseins« (Sigmund Freud)
Dieses „erste surrealistische Manifest“ (1930 folgte ein zweites) beeinflusste etliche der bedeutendsten Maler, Fotografen, Filmregisseure und Dichter des 20. Jahrhunderts. Allgemein wird unterschieden zwischen einem „veristischen“ Surrealismus, wo die Gegenstände oft fotografisch genau, wenn auch in einem irrationalen Zusammenhang dargestellt sind, und einem „abstrakten“ Surrealismus, wo die Dinge und Formen verschwimmen oder durch Symbole und Zeichen ersetzt sind. Als offizielle Bewegung existierte der Surrealismus nur bis zum Ende des 2. Weltkriegs. Danach löste er sich in verschiedene andere Richtungen auf. Doch bis heute sagen wir bei einem Bild oder einer Situation, wo sich Traum und Wirklichkeit zu vermischen scheinen: „Das ist ja surreal!“ Sur-real: Über die Wirklichkeit, über oder jenseits der Wirklichkeit, über-wirklich.
Der exzentrische Spanier ist wohl der berühmteste Surrealist. Fast jeder kennt seine Bilder, seinen meisterhaften fotografischen Stil, mit dem er Gegenstände, die scheinbar unvereinbar oder willkürlich zusammengestellt sind, in eine weite Landschaft einbaut. Wie kein anderer hat Dali die Theorie von Sigmund Freud, den er auch in London mehrmals besuchte und porträtierte, in Bilder von unvergesslicher Magie übersetzt. Da verrenken sich skelett artige Gestalten gen Himmel, während im Hintergrund eine Giraffe brennt. Taschenuhren zerfließen wie erhitzter Käse auf kahlen Bäumen. Was soll das bedeuten? Das soll gerade nicht zu erkennen sein. Alles zu vermeiden, was durch die Frage „warum?“ beantwortet werden könnte – darauf einigte er sich mit seinem Freund, dem bekannten Filmregisseur Luis Bunuel (1900-1983) für den ersten gemeinsamen surrealistischen Film „Der Andalusische Hund“ (1929). Es gibt keine Handlung. Die zum Teil schockierenden Szenen - ein Auge wird durchschnitten- folgen so „unlogisch“ aufeinander wie in nächtlichen Träumen.
Dali stieß erst 1926 zur Pariser Gruppe der Surrealisten, feierte in den 30er Jahren Erfolge in den USA, wo er von 1939-1948 lebte. Er malte nicht nur wie besessen, sondern schrieb auch etliche Artikel und Bücher. 1939 veröffentlicht er in den USA seine “Unabhängigkeitserklärung der Phantasie und Erklärung der Rechte des Menschen auf seine Verrücktheit”. Er trennte sich von den Surrealisten. In späteren bombastischen religiösen Werken wie dem „Abendmahl“ ist vom radikalen, anarchischen Konzept des ursprünglichen Surrealismus nicht mehr viel zu sehen oder zu spüren. Dali kreiste zunehmend um sich selbst und seine Beziehung zur vergötterten Ehefrau Gala. Das entsprach zwar der Freudschen Analyse, nutzte aber letztlich nur einen recht begrenzten, persönlichen Spielraum des Surrealismus. Dennoch: Sein umfangreiches Gesamtwerk fasziniert und inspiriert nach wie vor weltweit Millionen Menschen stets aufs Neue.
Der in Brühl bei Köln geborene Maler, Collagekünstler und Bildhauer ist der bekannteste deutsche Surrealist. Er war seit 1922, also fast von Anfang an, in Paris dabei und blieb bis zu seinem Tod der Bewegung und den Ideen der Surrealisten treu. Von den Nazis verfemt und mehrmals interniert, floh er 1941 in die USA. Seine Bilder können Menschen und Dinge ganz handfest abbilden – wie in dem lustigen Gemälde im Stil alter Meister, wo Maria dem kleinen Jesus den Hintern versohlt. Interessanter sind aber die Frottagen und Grappagen, wo sich Strukturen von Holz und anderem Material im Papier durchdrücken und mit Bleistift, Kohle oder Farben herausgearbeitet werden. So entstehen fantastische Landschaften, wo jeder Betrachter Gesichter und Gestalten hineinsehen kann. Diese neuen Techniken umgehen (zum Teil) den planenden Verstand, wie es das surrealistische Manifest fordert. Neu ist auch die zusammen mit Hans Arp (1887-1966) bereits 1919 entwickelte Technik der Collage, wo Bilder, Symbole und Schriftzeichen aus diversen Illustrierten ausgeschnitten und intuitiv zu einem neuen Ganzen zusammengeklebt werden. Ohne viel Aufwand und Nachdenken können so ungewöhnliche, nichtrationale Assoziationen angeregt werden. Max Ernst erzählt, regt die Phantasie an. Ein Poet der Bilder.
Der Belgier lebte unauffällig und bürgerlich. Seine Gemälde und späten Skulpturen zählen jedoch bis heute zu den wichtigsten und meistdiskutierten Werken des Surrealismus. Seine Grundfrage, die er in den meisten Bildern stellt, ist philosophisch: Was ist der Unterschied zwischen Realität und Vorstellung, zwischen Gegenstand und Symbol? Wie beziehen sie sich aufeinander?
Auch Magritte stieß in Paris Ende der 20er Jahre auf die Gruppe der Surrealisten und fand bei ihnen seine geistige Heimat. Ähnlich wie Dali stellt er immer wieder bestimmte Dinge realistisch dar, die sein Unbewusstes im Sinne Freuds beherrschten. Seine Mutter ertränkte sich und wurde mit dem Nachthemd über dem Kopf gefunden, als Magritte 12 Jahre alt war. Dementsprechend tauchen in seinen Gemälden mit Tüchern verhüllte Gesichter auf. Weitere häufig erscheinende Dinge sind ein grüner Apfel, ein Mann mit schwarzem Anzug und schwarzem Hut (Melone).
Doch der Maler will damit keine Kindheitstraumata aufarbeiten. Vielmehr stehen die Dinge in einem überpersönlichen, philosophischen Zusammenhang. Eines der berühmtesten Bilder stellt eine Pfeife dar und trägt den Titel „Dies ist keine Pfeife“. Will sagen: Es ist nur ein Bild, man kann die dargestellte Pfeife nicht rauchen, so wie man ein Bild von einem Marmeladenbrot nicht essen sollte. Das scheint selbstverständlich, und doch ist uns der gravierende Unterschied zwischen der Darstellung oder Vorstellung einer Sache und der Sache selbst oft meist nicht bewusst. Nur ein Beispiel: Glauben wir nicht oft einer Geschichte – oder auch den Bildern in den Medien – ohne den wahren Sachverhalt zu kennen? Oder, subtiler, in der Wissenschaft: Wir kennen das Atommodell mit den kreisenden Kügelchen. Aber sieht so wirklich ein Atom aus? André Breton ehrte den Belgier mit dem Satz: „Der Surrealismus ist ein Kuckucksei, das unter Mitwissen von René Magritte ins Nest gelegt wurde“
Schauen Sie sich das Bild von Magritte einmal in Ruhe an. Schockierend wirkt es wohl kaum. Erst bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass der größere Teil des Fensterblicks von einer Leinwand auf einer Staffelei abgedeckt wird. Éin Gemälde ergänzt scheinbar nahtlos die so genannte Wirklichkeit. Worin besteht der Unterschied? Ist womöglich das, was wir für Wirklichkeit halten, auch nur ein Bild, ein Bild in unserem Kopf? Und was hat es mit dem seltsamen Titel des Bildes auf sich: „Die Beschaffenheit des Menschen“?
Wie jede andere Epoche oder Stilrichtung ist der Surrealismus eingebunden in einen Gesamtzusammenhang der Kulturgeschichte und des Bewusstseins. Wirklichkeit und Traum – das ist kein ausschließlich „surrealistisches“ Thema. Darauf haben schon vor Jahrtausenden Künstler, Dichter und Philosophen aufmerksam gemacht. Und die Mythen. Legenden und Bilder aller Zeiten sind voller Wesen und Gestalten, die wir heute vielleicht als „surreal“ bezeichnen können. Doch wer immer sie erfand, den Begriff „Surrealismus“ kannte er nicht.
Der Surrealismus ist eine einmalige historische Erscheinung, bedingt durch viele, ja unzählige Faktoren. Zwei davon sind die Psychoanalyse von Freud und die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Hunderte weltbekannter Künstler und Dichter des 20. und 21. Jahrhunderts wurden von den Surrealisten inspiriert. Längst nicht alle würden sich als Surrealisten bezeichnen und werden heute allgemein auch nicht als solche eingeschätzt. Pablo Picasso (1881-1973) zum Beispiel war auf der ersten Surrealisten-Ausstellung in Paris 1925 vertreten, ebenso Paul Klee. Zwei der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts, die unsere Sicht der Welt beeinflusst haben. Picasso entwickelte zu viele unterschiedliche Stile, um sich auf Surrealismus begrenzen zu lassen. Klee dagegen lässt sich durchaus zu den „abstrakten“ Surrealisten rechnen.
Betrachten wir das Bild von Paul Klee „Südlicher Garten“. Da ist doch alles sehr ordentlich ein- und aufgeteilt, wie auf einer geografischen Karte. Keine brennende Giraffe, keine Totenköpfe, nur farbige Felder und Zeichen. Doch wohin führt mich diese Karte? Wie funktioniert sie? Was soll ich damit anfangen? Ich sehe in diesem und vielen anderen Bildern von Paul Klee so etwas wie ein Zen-Koan. Einfache Formen, Symbole und Gesten in einem ungewohnten, rätselhaften Zusammenhang. Wir suchen krampfhaft nach dem Sinn dahinter, bis wir erleichtert loslachen. Sie stehen einfach nur für sich da, ohne Funktion und Bedeutung. Wie das Leben. Die meisten der bekannten Surrealisten waren übrigens sehr vital und lebten weit über 80 Jahre.