AUF DEN SPUREN DER TRAUMZEIT

AUF DEN SPUREN DER TRAUMZEIT

Der australische Ureinwohner Burnum Burnum erzählt die Geschichte seines Volkes

"Burnum Burnum, der „Große Krieger“ (1932-1997) war einer der bekanntesten und umstrittensten Wortführer der Ureinwohner Australiens.Jenseits von Klischees wollte Burnum ein Interesse für die vielschichtige Kultur seines Volkes erwecken und sie in das moderne westliche Leben integrieren. In Sydney, wo einst das Volk der Eora jagte und fischte, leben heute 30.000 Aborigines (auch Aboriginals genannt) in meist trostlosen Verhältnissen. Was können wir aus der 50.000 Jahre alten Kultur der Ureinwohner lernen?"

Die westliche Gesellschaft hat extreme Ansichten von uns Aborigines. Unsere ursprüngliche Art zu leben wird entweder als trost-, gott- und kulturlos oder als unbeschwert, spirituell und vorbildlich natürlich gesehen. Was unsere derzeitige Situation angeht, überwiegt sicher die negative Einschätzung. Aber all diese Vorstellungen haben eines gemeinsam: Es geht um den Aboriginal als solchen, so, als wären alle gleich. Dabei haben sich in den über 50.000 Jahren unserer Kultur den unterschiedlichen Bedingungen entsprechend ganz verschiedene soziale und ökonomische Formen gebildet. Es gab und gibt viele Stämme mit sehr unterschiedlichen Lebensweisen, und jeder Aboriginal hat eine individuelle Persönlichkeit, genau wie die Menschen in westlichen Gesellschaften.“

Der das sagt, ist selbst ein gutes Beispiel, denn er passt in keines der Klischees. Burnum Burnum vom Stamm der Wurundjeri wurde in Australien bekannt als Buchautor, Erzähler von Traumzeitgeschichten, Filmschauspieler und vor allem durch seine ungewöhnlichen Protestaktionen. Er setzte seinen „westlich“ geschulten Verstand zusammen mit dem alten schamanischen Wissen ein, um „seinen Leuten“ auf sozialpolitischer und spiritueller Ebene zu helfen und die weiße Bevölkerung (nicht nur Australiens) zu einer neuen Einstellung gegenüber den Ureinwohnern zu bewegen.

Ein ungewöhnlicher Krieger

Im Alter von drei Monaten wurde Burnum seiner Mutter und Familie weggenommen, um auf einer Missionsstation erzogen und unterrichtet zu werden. Wie in Nordamerika war das ein übliches Verfahren, das von der jeweiligen Regierung bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein praktiziert wurde, um die Ureinwohner zu „zivilisieren“. Die hohe Rate an Alkoholikern bei Aborigines ist vermutlich auch eine Folge dieser frühen Entwurzelung. Burnum schwor sich jedoch schon als Junge, dass er nie Alkohol oder irgendeine andere Droge anrühren würde. Er machte einen Universitätsabschluss in Tasmanien, wurde unter seinem „bürgerlichen“ Namen Harry Penrith als Rugbyspieler bekannt und reiste als Stipendiat der Churchill-Stiftung durch Nordamerika. Die Schamanen und Häuptlinge, denen er in verschiedenen Indianerreservaten begegnete, ermutigten ihn dazu, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und sich immer stärker für die Rechte seines Volkes in Australien einzusetzen. 1976 nahm er den Namen seines Großvaters an: Burnum Burnum- „Großer Krieger“.

Meine erste Begegnung mit Burnum hatte ich 1995 in Sydney. Das Treffen kam im Haus einer gemeinsamen Freundin zustande, und die Ereignisse schienen sich dabei zu überschlagen. Denn kaum war der langerwartete „Große Krieger“ mit seinem uralten Mercedes- Reisemobil eingetroffen und hatte mit einem kurzen „Hello“ sein Gastgeschenk, einen riesigen Schildkrötenpanzer, abgelegt, da klingelte das Telefon. Marlo Morgan, die Autorin des Bestsellers „Traumfänger“, rief aus Kalifornien an, um mit Burnum über eine geplante PRTour in den Staaten zu sprechen.

Einige Tage später machten wir eine Fahrt im Auto, zunächst zu einem nahegelegenen Ort an der Küste, der groß als historische Sehenswürdigkeit ausgeschildert ist: „Captain Cooks Landeplatz-Park“. Die Gegend ist vollgebaut mit Industrieanlagen und recht öde im Vergleich zur sonst eindrucksvoll schönen Küste mit ihren malerischen Buchten und steilabfallenden Sandsteinklippen. „Für uns ist der „Australien-Tag“ am 26. Januar, wo die Ankunft der ersten weißen Siedler gefeiert wird, kein Grund zum Feiern“, sagt Burnum Burnum. Und er beginnt zu erzählen.

Die Geschichte der Eora

Die europäischen Siedler haben diese Gegend aus denselben Gründen gewählt wie das Volk der Eora, das hier über 2000 Generationen lang in paradiesischer Fülle lebte: angenehmes Klima, geschützte Lage, immer genug Nahrung aus dem Meer und den Wäldern. Die Eora waren stämmige Menschen. Im Winter trugen sie lange, elegante Mäntel aus der Haut des Possums. Zu zeremoniellen Anlässen klebten sich die Männer Verzierungen aus Tierzähnen, Krebsscheren und kleinen Knochen ins Haar und bemalten sich mit weißem Lehm und rötlichem Ocker in den traditionellen Mustern. Ihre Hauptwaffe war der Speer, oft mit einem Widerhaken versehen, aber auch „woomeras“, die Speerschleudern, wurden eingesetzt, sowie Keulen und feuergehärtete Schilde. Fische wurden mit Speeren, Muschelhaken, Netzen und raffinierten Fallen gefangen. In südlicheren Regionen hat man ein kompliziert angelegtes Netzwerk von Kanälen gefunden, durch welche die Aale über einen Gebirgszug in kleine Teiche geleitet und dort bis zur Mahlzeit gehalten wurden. In anderen Gegenden benutzten die Stämme spezielle Pflanzengifte, um die Fische zu betäuben.

In den wenigen Aufzeichnungen der ersten Weißen finden wir Berichte von sorgfältig errichteten Hütten. Das Bild von den primitiven Nomadenstämmen, das die Ethnologen später vermittelten, sollte die Aborigines als eine interessante frühe Stufe der menschlichen Entwicklung darstellen, die natürlich die westliche Zivilisation zu ihrem Höhepunkt hat. Komplexe soziale und ökonomische Strukturen passten da nicht ins Bild. Tatsächlich bedarf es jedoch einer überaus weitsichtigen, feinfühligen und hochorganisierten Lebensweise, um die feine Balance der Harmonie mit der Natur aufrecht zu halten, und das über Tausende von Jahren, durch Dürren, Überschwemmungen und Feuerstürme hindurch. Die Sydneyregion hatte sicher schon vor 1788 die dichteste Besiedlung des Kontinents. Aber von den schätzungsweise 3000 Eoras bei Ankunft der Siedler waren 50 Jahre später nur noch etwa 300 übrig.

Die Eora hinterließen zum Glück ein einzigartiges Dokument. Über 2000 „Galerien“ mit Sandsteingravuren sind bereits in dieser Gegend entdeckt worden. Sie geben wichtige Aufschlüsse über die Lebensweise und Mythologie dieses Volkes. Die Felszeichnungen zeigen neben kleinen detaillierten Figuren, Fischen, Reptilien auch riesige Tiere und Traumzeitwesen, z.B. die Schöpfer-Götter Baiame und Daramulun. Auch das Erscheinen der ersten Segelschiffe wurde aufgezeichnet.

Pemulwuy

Als die erste Flotte 1788 mit 1000 Soldaten und Sträflingen eintraf, glaubten die Eora zunächst, die Fremden würden bald wieder verschwinden, wie Captain Cook vor ihnen. Als aber klar wurde, dass es um eine dauerhafte Besiedlung ging, die Übergriffe und Vergewaltigungen immer schlimmer wurden und sich die Verbreitung der mitgebrachten Krankheiten, vor allem der Pocken, als verheerend erwies, verschwand die Gastfreundlichkeit und die Fronten verhärteten sich. Es kam zwischen 1790 und 1802 zu einem aussichtslosen Guerillakrieg, der in der Geschichtsschreibung kaum erwähnt wird.

Der mutige Anführer war ein junger Eorakrieger namens Pemulwuy. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende. In verschiedenen Schlachten wurde er schwer verwundet, tauchte aber bald wieder völlig überraschend in einem neuen Angriff auf. Schließlich wurde er von zwei britischen Kopfgeldjägern hinterrücks ermordet. Sein Kopf wurde in ein Fass „eingelegt“ und Sir Joseph Banks in London zugeschickt mit dem Bericht, dass die Eora nun „befriedet“ seien.

Pemulwuy war der erste Widerstandsheld der Aborigines, aber weder an ihn noch an sein Volk erinnert irgendeine Gedenktafel, nicht einmal ein Ortsname. (Es gibt immerhin eine Bestseller-CD, in der Pemulwuy als Leitfigur erscheint: James Asher: Feet in the Soil. New Earth/Silenzio. Musik zum Tanzen mit Didjeridu.)

Traumzeit

Während Burnum Burnum’s „Rückführung in die Vergangenheit“ sind wir auf eine Straße eingebogen, die durch einen der herrlichen Nationalparks führt, von denen Sydney umgeben ist. Die großen Waldgebiete bestehen überwiegend aus Eukalyptusbäumen, von denen es über 200 Arten gibt. Die Wälder ziehen sich bis über die 50-80 km entfernte Gebirgskette, die „Blauen Berge“. Über weite Strecken zeugen verkohlte Baumstämme von verheerenden Waldbränden, eine Folge der jahrelangen extremen Dürre in New South Wales und Queensland. Burnum zeigt auf eine seltsame Pflanze, die wie eine Art Palme aussieht. Statt Blätter wachsen an der Spitze lange, dünne Grashalme.

„Ein Xanthorrhoeas, auch „Grasbaum“ oder „Blackboy“ genannt. Der lange, gerade Stiel, der oben aus den Grasbüscheln herauswächst, war gut als Speer geeignet, und mit dem klebrigen Saft aus dem Stamm wurden die Speerspitzen befestigt. Was meinst du, wie alt der Baum ist?“ Er ist kaum drei Meter hoch und ich schätze sein Alter auf 20 Jahre. „Falsch. Dieser Baum ist über 300 Jahre alt. Der Grasbaum wächst nur 1 cm im Jahr. Einige Exemplare werden fast 20 Meter hoch. In den Traumzeitgeschichten heißt es, dass die Seelen der Verstorbenen in den Grasbaum einkehren.“

Zu einer anderen Pflanze mit einer intensiv rot leuchtenden Blüte fällt Burnum eine wundersame Schöpfungslegende der Eora ein. „Vor langer Zeit, in der Traumzeit, baute sich die erste Wongataube zusammen mit ihrem Mann ihr Nest im Busch, und beide lebten gut von der reichen Nahrung, die sie auf dem Erdboden fanden. Sie flogen nie über die Baumkronen hinaus, aus Angst vor ihrem Feind, dem Habicht. Eines Tages, als ihr Partner nicht von seiner Nahrungssuche zurückkehrte, vergaß die Taube alle Vorsicht und flog hoch hinaus, um nach ihrem Geliebten Ausschau zu halten. Sie hörte seinen Ruf aus dem Unterholz und wollte erleichtert zurückkehren. Doch der kreisende Raubvogel hatte sie schon erspäht, schoss herunter und riss mit seiner scharfen Klaue ihre weiße Brust auf. Die Taube konnte sich befreien und versteckte sich in Waratahblüten. Wieder hörte sie die Rufe ihres Geliebten und flog, vom Blutverlust erschöpft, in kleinen Etappen näher an ihn heran. Jede weiße Blüte, auf der sie sich ausruhte, wurde von ihrem Blut rot gefärbt. Und so erinnern noch heute die roten Blüten an die tapfere Taube, die ihr Leben ließ, um ihren Geliebten wiederzufinden.“

Zu jedem Tier, jeder Pflanze, auch zu den Bergen, Flüssen und einzelnen Felsformationen gibt es solche Geschichten aus der Traumzeit, die nicht nur die Vergangenheit erklärt, sondern auch Anleitungen für die Gegenwart und die Zukunft gibt. Sie bestimmt im Grunde alle Aspekte des Lebens.

Die Traumzeit repräsentiert das Drama der Schöpfung, als die mythischen Wesen aus den Himmeln und der Unterwelt auftauchten und durch das Land zogen. Sie formten Berge und Flüsse und schufen alle Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Traumzeitwesen selbst konnten ihre Form wechseln und als Menschen oder Tiere erscheinen. Im Glauben der Aborigines sind sie immer noch in der Natur verborgen. An den heiligen Plätzen kann der Kontakt mit ihnen hergestellt werden.

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