Fülle, Lebensfreude, bewusstes Erleben der Farben und Formen, der Gerüche und Klänge, der Gefühle – ein Fest der Sinne ist angekündigt. Und zugleich: Fülle des Nichts. Nichts? Bedeutet das nicht Leere, Dunkelheit, Weltentsagung, Askese? Der Religionswissenschaftler Prof. Michael von Brück bringt den scheinbaren Widerspruch, die Spannung der Gegensätze sehr bald auf den Punkt: Wo kommen die Sinneseindrücke und all unsere großen und kleinen Einfälle denn her? Was ist ihre Quelle? Kommen sie nicht letztlich in diesem Augenblick aus einer unbegreiflichen Stille, die Außen und Innen umfasst? Und wissen wir nicht selbst ganz gut aus eigener Erfahrung, dass wir kaum noch einen klaren Gedanken fassen, kaum noch die Worte des Anderen oder den Gesang eines Vogels wahrnehmen können, wenn wir voll sind mit unseren Sorgen und Wünschen, mit Meinungen und Urteilen? Das ist die verstopfte und voll stopfende Welt der Information.
„Der Mensch ist ein Feuerball, wie die Erde.“ (Willigis Jäger)
Die Fülle der göttlichen Schöpfung kommt aus der Stille, der Unbegrenztheit, und um sie als solche erleben und selbst schöpferisch gestalten zu können, brauchen wir den bewussten Kontakt zu ihr. Wir können die Quelle nicht definieren. Sie mag als Nichts, als Leere und unendliche Weite, als allumfassende Stille erlebt werden, doch nichts kann ohne sie sein. Fülle und Nichts sind eins. Je tiefer wir uns auf die Quelle innerlich einlassen können, desto bewusster und lebendiger nehmen wir wahr, spüren die Lebendigkeit, fühlen uns in Harmonie und sind mit jeder auch noch so alltäglichen Handlung schöpferisch. Und genau dazu soll das reichhaltige Programm der nächsten zwei Tage anregen.
Michael von Brück spricht zu den Menschen. Sie haben heute mit dem Auto, per Bahn oder Flugzeug und zuletzt auf immer kleineren Straßen und Wegen, verschlungenen Pfaden durch hohe wilde Pflanzen hierher gefunden. Seine weiche tiefe Stimme schmiegt sich ein, und was er hier sagt, kann jeder verstehen. Er bittet nun einen weißhaarigen Herrn zum Mikrofon. Der Mann steht nur kurz da. Doch schon scheint die Wachheit in der Halle mit den 350 Zuhörern tiefer. „Es steht nicht gut um den Menschen!“ Das ist der erste Satz. In der nachfolgenden Stille wird jedes Räuspern, jede kleinste Bewegung überdeutlich hörbar. Spricht da Hiob? Nein, es ist der Benediktinerpater und Zenmeister Willigis Jäger.
Trotz aller Weisheitslehren gibt es auch heute noch Krieg, Hass und Leid, auf der ganzen Welt und in jedem einzelnen, sagt er. Doch: „Der Mensch ist ein Feuerball, wie die Erde. Eine dünne Kruste umgibt das innere Feuer. Sie scheint uns Halt und Boden zu geben. Doch das Feuer ist unser Wesen, unser Kern. Es ist das Feuer des reinen Gewahrseins. Woran auch immer wir uns orientieren und festhalten wollen in der Welt, dieses Feuer verschlingt es. Da bleibt nichts übrig. Wovor wir am meisten Angst haben, nämlich dass die Kruste durchbricht, ist unsere einzige Rettung. Wir werden endlich wieder zum Feuer selbst.“
Christian Bollmann schlägt die Trommel. Wir gehen aus der Halle heraus zum „Amphitheater“. Die einige Meter tief zu einem kreisrunden Betonboden reichenden Steinstufen sind schon bald von Menschen gefüllt. Alle schauen auf die Steine, Erdhaufen und eingepflanzten Blumen, die dort auf dem Boden zu einem Mandala geordnet sind. Das Muschelhorn ertönt laut, hell und durchdringend. Die Tibeter fanden die großen Muschelschalen auf dem Himalaja und blasen darauf bis heute bei ihren Ritualen. Bollmann macht daraus Musik. Und von Brück beschwört die vier Elemente auf eine Art und Weise, die wie selbstverständlich den Schamanen, Brahmanen und Pastoren zu einem Kanal werden lässt.
„Erde, Mutter Erde, du gibst uns Boden und Halt, aus dir entsteht unser Körper, zu dir kehrt er zurück. Doch um deinen Besitz kämpfen wir, deine Schätze beuten wir rücksichtslos aus…Wir bitten dich um Verzeihung.“ Alle verneigen sich. Zum Trommelschlag stellen einige Menschen Blumentöpfchen in das Mandala. Auf ähnliche Weise werden die weiteren Elemente Wasser, Luft und Feuer angerufen: Sie geben uns so viel, doch wir nutzen sie nur zu unserem persönlichen Vorteil aus. Nun danken wir ihnen, bitten sie um Verzeihung und zelebrieren ein Ritual. Wasser wird in kleine Schälchen gegossen, Räucherstäbchen (Duft= Luft) und Kampfer (für Feuer) werden an die Umsitzenden verteilt. Die bauen dann die Elemente in das Mandala des Lebens ein. Wir kehren zurück in die „Veranstaltungshalle“, hören vier Referenten mit kurzen persönlichen Beiträgen und Gedichten zu den vier Elementen. Danach singen und tanzen wir die Elemente auf indianisch unter Anleitung von Christian Bollmann.
Der Eröffnungsabend der Veranstaltung hat damit erst begonnen. Parallel laufen in den nächsten Stunden „Erfahrungsraum Kontemplation“ mit Willigis Jäger, „Werkstatt: Religionen der Welt und Mystik“ mit Michael von Brück, ein Konzert des Multi-Instrumentalisten Matthias Graf mit dem Titel „Lebensklänge“, Ateliergespräche mit dem Künstler Ulrich Moskopp und die Pantomime von Karl Metzler über die „Vier Elemente“. Wofür soll ich mich entscheiden? „Lassen Sie sich von Ihrem Gefühl und dem Moment leiten!“ So hörte ich doch bei der Eröffnung, oder?
Nach einigem Herumirren gelange ich in die „Veranstaltungshalle“ zurück, die nun – bis auf eine von Scheinwerfer beleuchtete improvisierte Bühne - in Dunkel gehüllt ist. Da sitzen eine Frau und ein Mann starr auf einer Bank, die Augen rätselhaft durch ihre Masken sichtbar. Schauen sie mich an? Der Mann hebt den Arm und hält einen Blumenstrauß hoch. Ein dreijähriges Mädchen lacht. Ich sehe sie da bei ihrer Mutter sitzen, mit weit aufgerissenen Augen. Ja, jetzt merke ich es auch: Wie intensiv jede Bewegung und Geste wirkt in dieser Stille! Karl Metzler und Friederike Gräf zeigen die vier Elemente im Spiegel der Körpersprache. „Feuer will visionär über jedes Ziel hinaus bis ins Höchste, Wasser fühlt bis in tiefste Tiefe, Erde ruht und bleibt was auch immer geschieht, Luft öffnet den Raum und sieht: alles ist möglich.“ So heißt es im Programm: Wie in Zeitlupe enthüllt sich in den Bewegungen der Pantomimen unser oft groteskes Verhalten: Aufplustern, Werben, Verstecken, Rationalisieren, Cool-sein – und sei es durch Meditation. Das Kind lacht.
„Begrüße den Mann des Tao weder mit Worten noch mit Schweigen“ (Sosan)
Der Bus fährt uns um 23 Uhr zu den Hotels und morgens um 7 Uhr wieder zur „Museums- Insel Hombroich, Raketenstation“. Es ist ein außergewöhnliches Gelände. Hier hatten die Amerikaner während des Kalten Krieges ihre Raketen gegen die Sowjets aufgebaut. Einzelne Wachtürme, Erdwälle und verrostete Maschinen erinnern daran. Seit der “Wende“ darf sich die Natur an vielen Stellen wieder frei entfalten. Gräser, Disteln, Brennnesseln und farbenprächtige Wildblumen wachsen meterhoch. Kaninchen hoppeln durchs Gebüsch, von kreisenden Greifvögeln beäugt. Der stetige Motorenlärm der nahen Autobahn stört sie nicht. Das Gelände steht als Kultur-Stiftung unter dem Motto „Kunst parallel zur Natur“. In dem vom Landschaftsarchitekten Bernhard Korte gestalteten Ambiente liegen – oft versteckt – elf schlichte und doch ganz individuelle Gebäude, entworfen von dem Bildhauer Erwin Heerich. Den kulturellen Kern bildet das Museum mit seinen Kunstsammlungen vieler Kulturen aus zwei Jahrtausenden bis zur Gegenwart.
Für die Spirituelle Sommerakademie sind nur einige Gebäude angemietet. Doch um vom Buffet-Zelt zur Veranstaltungshalle mit dem nahe gelegenen Amphitheater zu kommen, braucht man schon zehn Minuten, zu den drei Kirkeby-Kapellen sind es gut 15 Minuten. Einige haben sich Fahrräder geliehen. Ich eile von der Bushaltestelle zur Fontana-Halle, um nicht zu spät zur 45-minütigen Kontemplation mit Willigis Jäger zu kommen. Da sitzen an die hundert Menschen schweigend auf Kissen, Decken und Hockern. Viele sind Schüler von Willigis und kennen den Ablauf. Nach einem kurzen, gemeinsam intonierten „Shalom“ (hebräisch: Friede sei mit dir) sitzen wir still 30 Minuten. Die Stille ist wunderbar. Nach dem Gong leitet Willigis zur Kontemplation an. Wir stehen. „Einfach nur stehen. An einer Bushaltestelle oder an der Kasse im Supermarkt. Das ist Gott in dieser Form, stehend. Wir lassen die Dinge geschehen, sind ganz wach und präsent – im Stehen.“ Nach einem Lied gehen wir nach draußen und begrüßen gemeinsam die Sonne. Ich fühle mich sehr erfrischt und lebendig, obwohl ich im Hotel nur vier Stunden schlafen konnte und die Nacht davor auch nicht viel mehr.
Im Buffetzelt wartet ein reichhaltiges Frühstück. Nur wer auf Wurst und Fleisch steht, wird enttäuscht. Die drei täglichen Mahlzeiten sind als Gelegenheit zur Begegnung gedacht („Miteinander sprechen und geniessen“). Wer möchte, kann hier ganz ungezwungen mit Willigis Jäger, Michael von Brück oder Paul Kohtes plaudern. Nach dem Frühstück (8.30-9.30 Uhr) beginnt das Vormittagsprogramm um 10 Uhr und dauert bis ca. 12.30 Uhr. Sechs Veranstaltungen laufen parallel:
Werkstatt Oberton
Werkstatt Körper in der östlichen Spiritualität
Werkstatt Philosophie und Spiritualität
Werkstatt Aus dem Nichts heraus
Erfahrungsraum Körper, Shiatsu
Schwerpunkt Erde
Wofür hätten Sie sich entschieden?
Ich entscheide mich für Michael von Brück und werde überraschend belohnt. Seit über 25 Jahren befasse ich mich mit dem Thema, habe unzählige Artikel und einige Bücher dazu geschrieben. Und dann erscheint plötzlich etwas scheinbar Bekanntes in ganz neuem, hellem Licht. Achtsamkeit, Gewahrsein, das wird oft fast krampfhaft auf ein punktuelles Jetzt begrenzt, unter Ausschluss von Vergangenheit und Zukunft. Dabei enthält doch jeder Moment das Vorangegangene und potentiell das Zukünftige. Das gibt dem Augenblick überhaupt erst Sinn! Achtsamkeit, so erläutert von Brück, umfasst diese Ganzheit der Gegenwart. Während ich die allmähliche Gewichtsverlagerung vom rechten zum linken Fuß spüre, wird mir das Prinzip klar, ganz natürlich, so wunderbar einfach!
Nach dem Mittagessen laufen von 15 bis 18 Uhr acht Veranstaltungen parallel: Musik und Spiritualität (Christoph Staude), Tanz der vier Himmelsrichtungen (Paul J. Kohtes), Psychosophie (Alexander Poraj und Edda Gottschaldt), Kyodo (Bogenschiessen, Barbara Lemke), Pantomime (Karl Metzler), Kunst und Spiritualität (Moderation: Barbara Mettler-v. Meibom), Erfahrungsraum Seele (Monika Keim und Claudia Leudesdorff) und die dritte geomantische Führung von Sabine Sagel mit dem Schwerpunkt Wasser. Bei letzterer werde ich über verschlungene Pfade an eine lieblich rauschende Birke geführt, betrachte die Adern von Blättern und schleiche mich nach einer Stunde davon, um zu schlafen.
Danach bin ich fit für einen Abend mit Clemens Kuby. Mitreißend schilderte der berühmte Filmemacher seine Spontanheilung von der Querschnittslähmung. Sein Film über die schamanischen Heiler („Unterwegs in die nächste Dimension“) treibt mir mehrmals die Tränen in die Augen. Natürlich gibt es wieder etliche Parallelveranstaltungen. Ich könnte noch bis acht Uhr morgens an Willigis Jägers „Lange Nacht der Unbehausten“ teilnehmen, fahr aber doch um Mitternacht mit dem Bus zum Hotel. Dafür bin ich dann um 7.30 bereit für die Zenmeditation mit Paul J. Kohtes. Nach dem stillen Sitzen ein Koan von Meister Sosan: „Begegnest du einem Mann des Tao, begrüße ihn weder mit Worten noch mit Schweigen“. Kohtes, Begründer der größten PR-Agentur Deutschlands, löst das Rätsel freundlich lachend. „Ganz einfach. Wir grüssen wie üblich, zum Beispiel mit ‘guten Morgen’. Wer meint, sich hier irgendeine ausgefallene, besonders ‘spontane’ Form der Begrüßung ausdenken zu müssen, tappt in die Falle dieses Koan. Jede Alternative bleibt in der Dualität. Begrüßung geschieht, entsprechend unseren Konventionen. Ich bin dabei nur Beobachter. Befreien wir uns doch endlich mal von all diesem ‘Soll ich so oder so’?“ In jedem Moment geschieht das jeweils Richtige.“
Die Performance der Schauspielerin Petra Kopf, die am Vormittag Gedichte von Ingeborg Bachmann mit ihrem ganzen Körper vermittelt, bestätigt die Einsicht: Nicht an Worten und Gedanken kleben bleiben, sondern sie als Pfeile nutzen, die weit hinaus zielen.
Im abschließenden Plenum wird allen Beteiligten gedankt: den Veranstaltern, Referenten, dem Personal und freiwilligen Helfern und den Teilnehmern. Dankbarkeit ist auch der Tenor beim Abschlussritual, wo sich jeder aus dem Mandala der vier Elemente eine Blume, einen Stein, eine Wasserschale, ein Räucherstäbchen oder etwas Kampfer als Erinnerung mitnehmen kann. Ich sehe, wie einige weinen. Die zweite Spirituelle Sommerakademie wird im Juli 2006 stattfinden. Titel: „Es gibt keinen Tod“.
Ein Erfahrungsbericht von Christian Salvesen