DER NEUE PAPST – BENEDIKT XVI.

DER NEUE PAPST – BENEDIKT XVI.

Endlich Abschied von der Inquisition?

Millionen trauerten um Papst Paul Johannes II. Millionen begrüßten den neuen Papst Benedikt XVI. Was lässt die Menschen heute so für Papst und Kirche schwärmen? Was ist überhaupt ein Papst? Was für ein Mensch ist der neue Papst? Christian Salvesen hat für VISIONEN einige Antworten zusammengetragen

Wann haben wir je derart viele Menschen, und so viele junge Menschen, in Gefühlsaufwallungen für einen Papst gesehen? Allein in Rom bezeugten etwa vier Millionen – sicher nicht alle Katholiken – ihre Anteilnahme am Tod von Johannes Paul II. Die gesamte Menschheit, so schien es, trauerte, betete, war ergriffen.

Ein solches Medienspektakel hatte es nie zuvor um einen Papst – um sein Ableben und die Neuwahl – gegeben. Warum jetzt, 2005? Erleben wir etwa einen Tsunami des katholischen Glaubens?

Die Medien haben die Stimmung angeheizt, auf allen Kanälen, keine Frage. Doch die würden nicht so pusten, wäre da kein Funke mit großem Potential. Die Menschen haben Angst und suchen Halt: in einem Vorbild, in einer klaren Richtlinie. Johannes Paul II war ein Vorbild, gerade für Jugendliche. Sein Engagement für den Frieden, seine Menschlichkeit – und auch seine klare Abgrenzung zu „modernen“ Strömungen – das zog Millionen in den Bann.

Nun, wir haben einen neuen Papst. Ich schreibe diese Zeilen am 20. April 2005. In den nächsten Wochen und Monaten werden die Medien alle auch nur denkbaren Einzelheiten präsentieren. Gerade sah ich in der Johannes B.-Kerner-Show den älteren Bruder von Benedikt XVI. Was soll er sagen, was „enthüllen“? „Niemand weiß, wie sich das weiter entwickelt“. Weise gesprochen.

Einige sehen Benedikt mit seinen 78 Jahren als „Übergangspapst“, der eben das Geschäft so weiter führt wie sein Vorgänger. Immerhin war er dessen engster Berater. Andere befürchten vom ehemaligen Chef der Inquisition eine Verhärtung innerhalb der Kirche. Wieder andere weisen darauf hin, dass der vormalige Kardinal Ratzinger als Vorsitzender der „Glaubenskongregation“ nur seinen Job gemacht habe und nun, als Papst, einen ganz anderen Job ausfüllen werde. Und in seiner ersten lateinischen Messe sprach er ja tatsächlich von der Einheit der Christen und vom ernsthaften, unvoreingenommenen Dialog mit den anderen Religionen.

“Er muss die Kirche zusammenhalten und versöhnen.” (Kardinal Kasper)

Das Papsttum und seine Geschichte

Der Papst ist nach katholischer Tradition und nach Auffassung einiger anderer christlicher Kirchen Nachfolger des Apostels Petrus, der als erster Bischof von Rom angesehen wird und vermutlich um das Jahr 67 in Rom den Märtyrertod erlitten hat. Begründet wird dieser Anspruch mit einer Stelle aus dem Matthäus- Evangelium (Kapitel 16, Vers 18-19):

Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Und dir will ich geben die Schlüssel über das Himmelreich. Was du auf Erden bindest, soll im Himmel gebunden sein. Und was du auf Erden lösest, soll im Himmel gelöst sein.

Bischof Siricius von Rom (385–399) bezeichnete sich als erster amtlich als papa. Als ausschließliche Amtsbezeichnung für den Bischof von Rom wurde der Begriff von Gregor I. (590-604) gesetzlich festgeschrieben.

Eine Eigenschaft, die dem Papst erst relativ spät in der Kirchengeschichte zugeschrieben wurde und immer wieder für Kopfschütteln sorgt, ist die „Unfehlbarkeit“. Die Irrtumsfreiheit des Papstes in Fragen des Glaubens und der Moral wurde auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870 zum Dogma erhoben - gegen den Widerstand einer starken Minderheit, darunter die meisten deutschen und österreichischen Bischöfe. Allerdings gilt diese Unfehlbarkeit nur unter bestimmten Bedingungen, nämlich wenn der Papst “ex cathedra” einen Lehrsatz verkündet, der die Gesamtkirche auf dessen Anerkennung verpflichtet. Der Papst gilt nicht als unfehlbar in seinen persönlichen Ansichten. Nach 1870 wurde in der römisch-katholischen Kirche lediglich ein Lehrsatz ex cathedra verkündet: das Dogma der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel (1950).

Die 264 bisherigen Pontifices waren keineswegs nur fromme Geistliche. Mord, Inzest und Mätressen prägten die Geschichte des frühen Papsttums. Auch Laien, Einsiedler und eine Frau sollen auf dem Stuhl Petri Platz genommen haben.

Der erste deutsche Papst war Gregor V. (996 bis 999). Der Sohn des Kärntner Herzogs Otto wurde im Alter von nur 24 Jahren gewählt. Er war ein Vetter von Kaiser Otto III, den er 996 krönte. Nach einem Aufstand wurde Gregor V. nackt und mittellos aus Rom gejagt. Er starb an Malaria.

Benedikt XVI, der Skeptische

Er ist der erste deutsche Papst nach über 480 Jahren, insgesamt der neunte Deutsche. Sohn eines Polizisten aus Marktl am Inn. Auf den ersten Blick wirkt er eher verschlossen, in sich gekehrt. Doch die Stadt München verlieh ihm, als er noch der Kardinal Ratzinger war, den Karl-Valentin-Orden für Humor. Und Wortwitz hat er allemal. Intellektuell kann ihm, dem Verfasser von über hundert theologischen Schriften, kaum jemand das Wasser reichen.

Fast 25 Jahre leitete er jene Behörde, die früher „Heilige Inquisition“ genannt wurde. Er erklärte engagierte Theologen wie seinen Freund Hans Küng oder Pater Willigis Jäger gleichsam zu Ketzern. Selbst Kardinäle wie Kasper oder Lehmann erfuhren Zurechtweisungen, etwa in Fragen der Schwangerschaftsberatung. Doch sie äußern sich heute positiv.

Kasper: “Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte er die Aufgabe, den Glauben zu verteidigen, also Grenzen zu setzen. Im Petrusamt hat er eine ganz andere Aufgabe. Er muss die Kirche zusammenhalten und versöhnen.” Lehmann: „Er ist ein bescheidener Mensch und akademisch ein großer Kommunikator.“

Bei aller Kritik an der bisherigen strengen Dogmatik von Ratzinger: Headlines wie die von der britischen Tageszeitung „The Sun“ (entspricht in etwa unserer „Bild“) „Von der Hitler-Jugend zu Papa Ratzi“ sind schlicht falsch und gemein. Die Schule hatte den Jungen bei der Hitlerjugend angemeldet, er ging nur selten hin. Joseph Ratzingers Familie war katholisch – „gottesfürchtig, aber heiter und herzlich“ (Spiegel) und lehnte Hitler ab.

Schon während seines Theologiestudiums nach dem Krieg steigt Ratzinger zum Star auf. “Der hat die Dinge wieder zum Leuchten gebracht, an ihm war ein neuer Klang”, sagt ein Schüler. Professor Wolfgang Beinert preist in einer Laudatio die “klassische Strahlkraft” seiner Sprache. Mit solchen Prädikaten und Erwartungen überhäuft, wird er offizieller theologischer Berater beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Damals klagte Ratzinger, die Kirche habe zu “straffe Zügel, zu viele Gesetze, von denen viele dazu beigetragen haben, das Jahrhundert des Unglaubens im Stich zu lassen, anstatt ihm zur Erlösung zu helfen”. Man nennt ihn den “Teenager des Konzils”.

Mit 30 Jahren wird Ratzinger Professor für Dogmatik, erst in Bonn, dann in Münster, dann in Tübingen. Er begegnet der revoltierenden Jugend der 68er. Als die Studenten rufen: „Verflucht sei Jesus!“, wendet er sich erschrocken ab. Seitdem beargwöhnt er die „unkritische Öffnung der Kirche zur Welt und zum Zeitgeist“ (Spiegelinterview 1983).

Ratzinger, der über den Kirchenvater Augustinus promovierte, war – so Kardinal Kasper „von dem Gedanken beherrscht, dass mitten in der Welt ein ständiges Ringen herrscht zwischen dem Gottesstaat und der Gesellschaft.“

Der neue Papst ist sicher kein Medienstar wie Johannes Paul II. Er sieht die Welt mit den Augen eines weisen Skeptikers. Die Versöhnung der Kirchen und Religionen wird er ernsthaft vorantreiben. Denn da geht es um den Kern jeder Theologie. Ein Gott, eine Wahrheit, Einheit, Einssein. Abtreibung, Priesterehe, Frauen im Priesteramt, Schwulenehe – all das wird Benedikt eher wegschieben. Drängende soziale Probleme, die Frage nach Gerechtigkeit und Frieden in der Welt, wird er jedoch ebenso couragiert angehen wie sein Vorgänger. Bei seiner Inaugurationsmesse rief Papst Benedikt XVI. den begeisterten Katholiken zu: “Die Kirche lebt. Und die Kirche ist jung.” Wir werden sehen.

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