Das Leben ist ein Film

Das Leben ist ein Film

Teil 1: Die Dramaturgie

Philosophen und Mystiker haben das Leben immer wieder mit dem Traum, dem Theater und neuerdings auch mit dem Film verglichen. Welche Einsichten können wir aus diesem Vergleich gewinnen? Im ersten Teil seiner Serie beleuchtet Christian Salvesen die Frage von der Seite des Dramas her.

Die Leinwand als Bewusstsein

Ramana Maharshi (1879-1950), nicht nur in Indien als bedeutender Mystiker verehrt, brachte den Vergleich: So wie das auf die Leinwand projizierte farbige Licht den Eindruck von Figuren und Handlung erzeugt, so werden unsere Sinneseindrücke (auf der Leinwand des Bewusstseins) als unsere Lebensgeschichte erlebt. Beides sind Illusionen, wenn auch auf verschiedenen Ebenen der „Wirklichkeit“.

Wenn spirituelle Lehrer wie Ramana Maharshi, Jiddhu Krishnamurti, Osho und viele andere die Film-Metapher verwenden, dann soll sie zu der Erkenntnis führen: Was immer da „draußen“ (und auch „hier drinnen“) geschieht – es ist nicht wirklich. Denn alle Ereignisse kommen und gehen. Wirklich kann nur sein, was immer da war, ist und bleibt: Der (nicht eigens wahrgenommene) Hintergrund der Projektion. Was auf der Leinwand geschieht, ist eigentlich unwichtig. Wichtig ist: Der Film ist irgendwann einmal zu Ende. Und was kommt dann? Das ist eine Grundfrage jedes Menschen. Doch bleiben wir zunächst einmal beim Film, beim Drama.

Die Story

Die Frage nach der Handlung stellt sich auf einer anderen Ebene. Zum Beispiel: Was muss jemand tun oder durchleiden, um die „Erleuchtung“ zu erlangen? Das könnte Thema eines spirituellen Spielfilms (Drehbuchs oder Romans) sein. Jetzt geht es darum, eine spannende Geschichte zu erzählen. Ein Held oder eine Heldin sucht nach der Wahrheit. Wodurch wird die Suche ausgelöst? Welche Widerstände tauchen auf? Welche Lösungen sind in Sicht?
Hinweise darauf, dass da ja „in Wirklichkeit“ nur eine Leinwand existiert, würden die Glaubhaftigkeit der Story und damit des ganzen Films erheblich stören. Die Story muss im Gegenteil so sehr in ihren Bann ziehen, dass der Gedanke an Leinwand, Illusion etc. gar nicht erst aufkommt.
Könnte es sein, dass unser Leben nach einer Art Dramaturgie verläuft, die geradezu darauf aus ist, uns nicht merken zu lassen, dass wir in einer Art Kino sitzen? Um das herauszufinden, sollten wir uns zunächst einmal einige Grundregeln der Dramaturgie ansehen.

„Beim Film ist es wie im Leben: Man beginnt als jugendlicher Liebhaber, dann wird man Charakterdarsteller und endet als komischer Alter.“
( Jean Gabin)

Die Form

Die meisten der weltbekannten Dramen (Roman, Theater, Spielfilme) orientieren sich an Aristoteles, der schon vor über 2.500 in seiner „Poetik“ die Grundregeln des Dramas festschrieb.

1. Die Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende ...

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