Alles im Leben geschieht in einem Rhythmus. Wir sprechen vom Herz- und Atemrhythmus, vom Tag- und Nachtrhythmus, vom Rhythmus der Jahreszeiten. Oder vom „Rhythmus der Großstadt“. „Rhythmos“ ist Griechisch. Darin steckt als Wurzel „ziehen“ und „fließen“. („pantha rhei“ = alles fließt, Heraklit) Rhythmus zieht und fließt. Genau wie beim Tanzen zu Musik. Wissenschaftler untersuchen Rhythmus meist als Frequenz, indem sie messen, wie oft sich ein Ereignis in einer bestimmten Zeit wiederholt. Unsere Sinnesorgane zum Beispiel verarbeiten Schwingungen, die sehr schnell aufeinander folgen. Hörbare Töne und Geräusche liegen zwischen etwa 20 und 20.000 Hertz, d.h. Schwingungen pro Sekunde. Farben schwingen noch sehr viel schneller.
Bei den Tönen einer Melodie können wir nicht die einzelnen Schwingungen pro Sekunde unterscheiden, aber wir nehmen sie zusammengenommen als eine besondere Eigenschaft wahr, nämlich als Tonhöhe. Und aus aufeinander folgenden Tönen entsteht wiederum das, was wir ursprünglich als Rhythmus kennen. Einen musikalischen Rhythmus erleben wir als Einheit. Psychologen und Gehirnforscher sprechen vom Gegenwartsbewusstsein. Es umfasst 3-4 Sekunden. Das genügt, um den Rhythmus zu erfassen und zu jeder beliebigen Musik mitzutanzen. Wissenschaftler vieler Fachgebiete erforschen Rhythmen, von den ungeheuer schnellen Bewegungen der Atome bis zu den großen kosmischen Zyklen, die in Jahrmillionen gemessen werden. Ein erst wenige Jahrzehnte junger wissenschaftlicher Zweig, die Chronomedizin, befasst sich mit der Bedeutung der Rhythmen für unsere Gesundheit. Es hat sich sehr bald gezeigt, dass jede Zelle, jedes Organ, jeder Stoffwechsel, jeder Gehirnimpuls in ein komplexes Gesamtsystem von Rhythmen eingebunden ist. Alles läuft in Zyklen und in einem Takt ab, gesteuert von einer Art inneren Uhr.
Die Chronobiologie unterscheidet zwischen kurzen, mittleren und langen Wellen. Die kurzen Wellen, wie zum Beispiel Nervenimpulse, können nur von feinsten elektronischen Geräten registriert werden. Die mittleren können wir direkt wahrnehmen: Herz- und Pulsschlag, Atemrhythmus, Rhythmen eines Musikstücks. Sie liegen im Bereich des Gegenwartsbewusstseins. Die langen Wellen reichen über das Gegenwartsbewusstsein hinaus: Minuten-, Stunden-, Tag- und Nachtzyklen, Monats- und Jahreszyklen. Alle drei Wellenlängen sind für unsere Gesundheit wichtig.
Stellen wir uns vor, wir müssten Wochen-, ja Monatelang in einem Bunker unter der Erde leben, völlig abgeschirmt von der Außenwelt und natürlich auch vom Sonnenlicht! Würden wir weiterhin den Unterschied von Tag und Nacht spüren und „zur gewohnten Zeit“ zu Bett gehen und aufwachen? Genau dieser Frage ging bereits Anfang der 60er Jahre der Physiologe Prof. Jürgen Aschoff nach. Er setzte sich selbst und viele freiwillige Versuchspersonen einem Leben in Isolation aus, durchaus komfortabel, doch eben ohne jeglichen Reiz, der die Zeit „verraten“ könnte. Kein Fernseher, kein Radio, keine Zeitung, keine Uhr, nicht einmal Licht- oder Temperaturschwankungen. In Aschoffs später als „Andechser Bunkerexperimente“ berühmt gewordenen Versuchen stellte sich heraus, dass sich die meisten Probanden auf einen etwa 25-Stunden-Rhythmus einpegelten. Sie schliefen „morgens“ jeweils eine Stunde länger, sodass nach 12 Tagen die Nacht gleichsam zum Tage geworden war. Nach 24 Tagen schienen den Bunkerinsassen erst 23 Tage vergangen zu sein. Doch der ungefähre Tagesrhythmus wurde eingehalten, ohne äußere Zeitsignale. Inzwischen ist wissenschaftlich bestätigt: Alle Lebewesen, von Einzellern bis zum Mensch, orientieren sich an inneren, „biologischen“ Uhren. Irgendetwas sagt ihnen zum Beispiel, wann sie aufwachen oder einschlafen sollen, auch dann, wenn in einem Labor wochenlang künstliche Dunkelheit herrscht
oder ständig Licht brennt. Am Wechsel von hell und dunkel, Tag und Nacht scheint sich der Zyklus von Wachen und Schlafen also nicht zu orientieren, jedenfalls nicht nur. Im Organismus selbst muss eine Art Zeitgeber existieren. Tatsächlich wurden bereits einige Gene entdeckt, die dafür sorgen, dass bestimmte Prozesse im Körper zeitlich genau und richtig ablaufen. Das erste Zeit- oder Uhren-Gen wurde 1984 bei Mutanten der Fruchtfliege isoliert und bekam den Namen „period“. Weitere Gene wurden gefunden: Das Wachstumssteuernde Gen „Frequency“ des Schlauchpilzes und das „Clock“ genannte Gen, das sich in gleicher Funktion bei der Fruchtfliege und bei Mäusen fand. Wird es entfernt, ist die zeitliche Orientierung im Tagesablauf gestört. Das Prinzip der inneren biologischen Uhr ist so alt wie die Evolution. Selbst die einzelligen Cyano-Bakterien verfügen über eine Uhr, die unbeirrt von Licht- und Temperaturschwankungen läuft – und das seit über 3 Milliarden Jahren. Warum? Wozu? Sie dient der besseren Anpassung an die Wechsel in der Natur. Wodurch? Durch Vorbereitung. Wenn die Sonne aufgeht und der Tag mit seinen Anforderungen beginnt, hat sich der Körper bereits auf Aktivität eingestellt. Zwischen dem genetischen Zeit-Programm und den Zyklen der Natur besteht eine Resonanz. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Jetlag. Nach einem Flug von New York nach München muss sich der Reisende auf einen um sechs Stunden verschobenen Tagesrhythmus umstellen. Je nach Anfälligkeit ist das mit unangenehmen Begleiterscheinungen wie Schlaf- und Verdauungsstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Gereiztheit verbunden. Doch nach ein bis drei Tagen ist in der Regel alles wieder in Ordnung, das heißt, die auf 24-25 Stunden (zirkadian) geeichte biologische Uhr ist wieder in Resonanz, in Übereinstimmung mit der Zeitumstellung.
Der gesamte Organismus stellt sich stets zyklisch ein und um, auf die Erd- und Mondbewegungen, aber auch auf andere Wechsel in der Natur. Alle Lebewesen sind fähig, bestimmte zukunftsorientierte Körperprozesse einzuleiten. Pflanzen streben zum Licht oder zum Wasser. Oder denken wir nur an die lange Reise der Lachse zurück an ihren Geburtstort, wo sie ihre Eier ablegen und sterben werden. Große Schwärme von Vögeln sammeln sich, um gemeinsam Tausende von Kilometern zu reisen. Haben sie eine Idee, ein Bild? Wohl kaum. Etwas treibt sie voran – nicht so völlig anders als wie es uns Menschen ergeht. „Viele menschliche und tierische Körperfunktionen gehorchen zirkadianen 24-Stunden-Rhythmen“ erklärt der Chronobiologe Prof. Cramer. Morgens ist der Blutdruck etwas höher, beim Mann steigt der Testosteronspiegel, die Darmtätigkeit sorgt für den morgendlichen Stuhlgang. Den Zahnarzt sollte man nachmittags besuchen, denn zwischen 12 und 18 Uhr ist unser Schmerzempfinden um bis zu 50 Prozent geringer als etwa nachts. Betäubungsmittel sind morgens am wirksamsten, Blutdruck senkende Mittel tagsüber. Asthmaanfälle treten überwiegend nachts auf. Geburten und Sterbefälle sind nachts um 30% häufiger als zu anderen Zeiten. Unfälle aufgrund von Unachtsamkeit (Verkehrsunfälle ebenso wie die Katastrophe von Tschernobyl) passieren vor allem zwischen 24 und 5 Uhr. Viele dieser Zyklen sind seit Jahrtausenden bekannt. Doch die Chronobiologen, Chronomediziner und Chronopharmakologen entdecken stets neue Zusammenhänge. Die zentralen Schrittmacher liegen beim Menschen im Nucleus suprachiasmaticus (SCN), einem Hirnbereich direkt über der Kreuzung der Sehnerven (Chiasma optica). Zeitmesser sind allerdings in jeder Zelle, in jedem Organ zu finden. Alles in uns hat eine innere Uhr.
Man kann die Rhythmen im Menschen nach vielen Gesichtspunkten studieren und einordnen: Hochleistungssportler wollen wissen, wann die besten Tageszeiten für das Intensivtraining sind, wie lange man was machen sollte, wann und wie lange Entspannung und Essen angesagt sind. Manager haben in ihrer psychologisch durchdachten Zeitplanung längst eine Übersicht über die auf- und absteigenden Leistungskurven. Wann lässt die Konzentration nach, wann sollte eine kreative Pause eingelegt werden? Dass sich Aktivität und Entspannung jeweils in einem bestimmten Zyklus – dem Basic Rest/Activity Cycle (BRAC) ablösen, ist bereits vielen bekannt. Innerhalb von ca. 90 Minuten gibt es eine 70-minütige Phase, wo die Konzentrationsfähigkeit gut ist, danach kommt eine rezeptive Phase der Regeneration. „Nur wenn wir im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf jene Erholungspausen einhalten, die uns biologisch vorgeschrieben sind, kann der Organismus seine Funktionen wie beim resetting eines Computers immer wieder synchronisieren und Abweichungen vom Sollzustand ausgleichen“, erklärt Wolfgang Kallus, Leiter des Arbeitsbereichs Arbeits-, Organisations- und Umweltpsychologie am Grazer Universitätsinstitut für Psychologie. „Ignorieren wir diese Bedürfnisse, werden die Abweichungen immer größer, und damit verliert auch der Organismus immer mehr die Fähigkeit, von selbst in seine Ordnung zurückzufinden.“ Wenn der Stress überhand nimmt und nicht mehr abgebaut wird, zeigt sich das deutlich daran, wie gut bzw. schlecht wir nachts schlafen. „Beim gesunden Menschen“, sagt der Chronomediziner Prof. Max Moser, „gibt es eine klare Abfolge zwischen längeren tief entspannten Ruhigschlafphasen, in denen der Atemrhythmus den Herzschlag ruhig und vorhersagbar moduliert, und den Traum- oder REM-Phasen, in denen, wie tagsüber, der chaotischere symphathikotone Zustand dominiert. Wenn diese Abfolge gestört ist, bedeutet das, dass der Organismus nicht in der Lage ist, mit der Beanspruchung fertig zu werden. Das am Tag berechtigte Chaos wird in die Nacht getragen, wo eigentlich Ordnung vorherrschen sollte.“ Prof. Moser entwickelte ein Gerät, den Heartman, der wie ein EKG mit drei Elektroden auf der Brust angeklebt wird. Er misst die Herzfrequenzvariabilität und zeigt über einen speziellen Algorhythmus den Gesundheitszustand der Testperson an. In gewisser Weise misst das Gerät, was das Herz „hört“. Das Herz achtet nämlich wie ein improvisierender Musiker in einer Jazzband auf die Mitspieler, auf andere Rhythmen im Körper wie Blutdruck und Atmung und integriert sie in seinen Beat. Nicht zuletzt auf der Grundlage dieses Geräts entstand unter Mosers Leitung eine ganz besondere „Rhythmus-Kur“ in der Kur- und Reha-Klinik Althofen (Österreich). Hier werden vor allem Menschen mit chronischen Rücken- und Gelenkproblemen und Schmerzen kuriert – und das nach neuesten chronomedizinischen Erkenntnissen!
Eine faszinierende Entdeckung der Chronomedizin ist auch, dass die verschiedenen körpereigenen Rhythmen in einem harmonikalen Verhältnis zueinander stehen – ganz im Sinne des griechischen Philosophen Pythagoras, auf den die Lehre von den idealen Maßverhältnissen („Goldener Schnitt“) zurückgehen. Gunther Hildebrand, einer der Begründer des neuen Forschungszweiges, fand heraus: „Bei 70 Prozent aller Menschen nimmt die Pulsfrequenz im Tiefschlaf das Vierfache der Atemfrequenz, die Atemfrequenz das Vierfache der Schwingung des Blutdrucks und die Schwingung des Blutdrucks das Vierfache der Durchblutung der peripheren Blutgefäße an.“ Diese Zahlenverhältnisse stehen nicht nur rein theoretisch für den Goldenen Schnitt und seine Ästhetik. Sie zeigen vor allem ganz konkret Gesundheit an. Je besser die verschiedenen körpereigenen Rhythmen aufeinander und auf die äußeren Abläufe abgestimmt sind, desto besser funktioniert der Gesamtorganismus, die Einheit von Körper, Geist und Seele. Diese Übereinstimmung oder Resonanz, die jeder selbst durch seinen Tagesablauf mitbestimmt, nennen Chronomediziner auch „Rhythmusgeber“. Umgekehrt die „Rhythmusräuber“: Wer mit seiner Arbeit oder seinen Gewohnheiten entgegen dem natürlichen Rhythmusgefüge lebt, riskiert seine Gesundheit. Etliche Studien belegen eine höhere Krebsrate bei Schicht- und Nachtarbeitern sowie Flugpersonal, das häufig extremem Jetlag ausgesetzt ist
Doch jeder Mensch tickt etwas anders. Chronobiologen unterscheiden zum Beispiel zwischen „Lerchen“ und „Eulen“. Die Lerchen gehen abends früh schlafen und stehen morgens früh auf. Eulen bleiben gerne einige Stunden länger wach und kommen morgens nicht so leicht aus den Federn. Angenommen eine allgemeine Leistungskurve zeigt an: Morgens zwischen 8 und 10 Uhr beste Konzentrationsfähigkeit. Da liegt der Langschläfer womöglich noch im Bett! Hat er nun die beste Chance für konzentriertes Arbeiten verpasst? Oder hat sich bei ihm etliches verschoben und er kommt (seiner Natur gemäß) erst über Mittag richtig in Schwung? Das ist etwas, was jeder zunächst einmal über Selbstbeobachtung herausfinden kann und sollte. Gerade das Thema „Frühes Aufstehen“ hat nicht zuletzt durch die Erkenntnisse der Chronobiologen und Mediziner eine allgemeine Diskussion in Gang gebracht. Müssen unsere Kinder zu früh zur Schule? Zahlreiche neuere Studien belegen, dass die Leistungs- und Aufmerksamkeitsfähigkeit der meisten Kinder in der ersten Schulstunde (8.00 – 8.45 Uhr, in manchen Bundesländern sogar früher) weit unter dem Schnitt liegt. Das hat auch, aber nicht nur damit zu tun, dass viele Kinder abends zu lange vor dem Bildschirm hocken. Kinder und Jugendliche brauchen wenigstens 9 Stunden Schlaf. Doch auch bei denen, die vor 22 Uhr zu Bett gehen, erwachten die Lebensgeister morgens erst so gegen 9 Uhr. Inzwischen befürworten etliche Politiker einen späteren Schulbeginn. Die Erkenntnis, dass jedes Lebewesen, ja jede Zelle von den vielen verschiedenen Rhythmen beeinflusst ist, hat Tradition. Im Ayurveda oder in der Traditionellen Chinesischen Medizin hat jedes der fünf Elemente und jedes Organ seine Zeit, in der es besonders aktiv ist, und eine andere, in der es ruht. Das gilt auch für die Ernährung und die Medikamente. Die Chronomedizin knüpft (meist unwissentlich) an diese Tradition an und findet immer neue, erstaunliche usammenhänge. Unser Körper-Geist-Seele-Organismus wächst und entwickelt sich von Anfang an bis zum Ende nach einem inneren zeitlichen Programm, das wiederum auf alle Rhythmen und Zyklen der Natur und des Kosmos abgestimmt ist. Da gibt es unendlich viel zu entdecken und zu erforschen. Und die Ergebnisse betreffen ganz konkret unser Leben.