Historisch Belegbares über Jesus Christus passt auf ein bis zwei DIN A4 Seiten. Andere biblische Personen brauchen noch weniger Platz. Wenn es darum geht, die Figur Maria Magdalena zu skizzieren, reichen sich Spekulation und Legende gern die Hände. Die Spurensuche beginnt im Neuen Testament bei Matthäus, Lukas, Johannes und Markus, die alle Maria Magdalena in ihren Evangelien erwähnen.
Die Evangelisten berichten übereinstimmend, dass Jesus Maria Dämonen austrieb, von denen sie besessen gewesen sein soll. Sie war es auch, die ihm in seinen letzen Stunden am Kreuz beistand. Ihr erschien der Auferstandene, und sie trug seine Botschaft an seine Jünger weiter.
Marias Beiname geht wahrscheinlich auf ihren Heimatort Magdala zurück. Die Erklärung könnte sein, dass Maria nie über einen Mann als „Frau des …“ identifiziert wurde, weshalb man ihren Herkunftsort zur Identifizierung anhängte. Magdala war ein Fischerdorf am See Genezareth. Der Ort war bekannt für seine Prostituierten. Magdala wurde von vielen Handelsleuten frequentiert, die nach Damaskus unterwegs waren. Da Maria unverheiratet und offenbar recht wohlhabend war, folgerten die Kirchenoberen, sie müsse eine Hure gewesen sein. Einige Wissenschaftler vermuten hingegen, dass Maria in Magdala ein Haus besaß. Was für die Zeit sehr ungewöhnlich war, denn Frauen stand damals kein Eigentum zu.
Im Gegensatz zu anderen Frauen der jüdischen Gesellschaft war sie unabhängig, da sie keine familiären Verpflichtungen hatte. Frauen hatten nur wenige Freiheiten. Sie wurden im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren verheiratet und mussten sich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Das Leben wurde durch streng religiöse Regeln bestimmt, die von der Essenszubereitung bis zur Gestaltung des Alltags alles bestimmten. Nur weil Maria Magdalena offenbar ungebunden und wohlhabend war, konnte sie Jesus folgen.
Der Kreis der Jünger war sicher größer als die zwölf namentlich bekannten Männer. Dazu gehörten ebenso Frauen, unter denen Maria Magdalena eine besondere Stellung eingenommen haben muss. Nach Lukas sorgten die Frauen für den Unterhalt.
373 n. Chr. setzte der Kirchenlehrer Ephraim der Syrer (306-373) Maria mit einer namenlosen Sünderin gleich, die Jesu Füße salbte, und wie er schon einmal dabei war, identifizierte er sie auch gleich noch mit Maria von Bethanien. Einer Vorstellung, der Papst Gregor I. 591 gerne folgte, als er sie als Prostituierte bezeichnete. Seitdem ging diese Gleichsetzung in die Legendenbildung ein. Und obwohl die Evangelien dafür keine Anhaltspunkte liefern, ließen Bibelverfilmungen dieses Bild im kollektiven Unterbewusstsein Wurzeln schlagen. 1969 erklärte die katholische Kirche diese Verknüpfungen offiziell für falsch.
Die orthodoxen Christen und die Protestanten hingegen haben Maria Magdalena nie mit der unbekannten Sünderin oder Maria von Bethanien gleichgesetzt. Die orthodoxe Kirche kennt für jede der Frauen einen eigenen Gedenktag: 21. März für die Sünderin, 4. Juni für Maria von Bethanien und der 22. Juli für Maria Magdalena.
Nicht nur die offiziellen kanonischen Schriften nennen Maria Magdalena. Auch in den so genannten apokryphen Evangelien – Überlieferungen, die von der Kirche nicht als kanonisch anerkannt werden – kommt sie vor. So beschreibt Philippus sie als eine der drei Frauen (neben seiner Mutter Maria und seiner Schwester), die ständigen Umgang mit Jesus hatten. Jesus soll sie allen anderen Jüngern vorgezogen und oft auf den Mund geküsst haben. Maria und seine Mutter seien die ersten gewesen, die den Auferstandenen gesehen hätten. Thomas überlieferte, dass Petrus die Frau aus Magdala fortschicken wollte, denn Frauen seien des Lebens nicht würdig (Thomas-Evangelium, Vers 114).
Die Gnosis und die Rosenkreuzer-Mystik machen Maria Magdalena zur Gefährtin von Jesus, und die beiden haben nach diesen Überlieferungen ein gemeinsames Kind gehabt.
„Ich nehme an, dass Jesus ein attraktiver Mann war, und so wäre es ungewöhnlich, wenn keine seiner Anhängerinnen eine größere Zuneigung entwickelt hätte“, meint die Romanautorin Margaret George. Schließlich käme so etwas oft vor zwischen Mentor und Student, Lehrer und Schüler oder Meister und Jünger.
Ähnlichen Überlegungen folgte Gerald Messadié, der seinem Roman gleich den Titel Die Geliebte des Herrn gab, um letzte Zweifel über den Inhalt auszuräumen. Der Autor Dan Brown findet gar: „Weil Jesus und Maria Magdalena sich liebten, wird doch nicht die Botschaft Jesu hinfällig. Das untergräbt nicht seine Göttlichkeit, es besagt nichts über den christlichen Glauben.“ Im Gegenteil, meint der Verfasser des Da Vinci Code: „In gewisser Hinsicht kann es den Glauben stärken, weil Jesus ein Mensch wie jeder andere war. Er war jemand, den eine Frau liebte.“
Über Marias Schicksal ist viel spekuliert worden. Die orthodoxen Christen behaupten, sie hätte ihre letzten Lebensjahre in Ephesus verbracht und sei dort auch beigesetzt. Nachweisbar ist die Verehrung der Maria Magdalena dort seit dem 6. Jahrhundert. 899 sollen Reliquien von Ephesus ins damalige Konstantinopel – dem heutigen Istanbul – überführt worden sein.
Einer anderen Legende zufolge soll sie mit ihren Geschwistern Lazarus und Martha in einem Boot ohne Segel auf dem Meer ausgesetzt worden sein. Die drei kamen angeblich bis Marseille. Die folgenden Jahre soll Maria Magdalena als Einsiedlerin in einer Höhle in der Nähe von Baume – dem heutigen Saint- Maximin-la-Sainte-Baume – bis zu ihrem Tod verbracht haben. Im 9. Jahrhundert kamen ihre Reliquien ins Kloster Vézelay, das im 11. Jahrhundert zum Wallfahrtsort für Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela wurde.
In Paris, Exeter und Halberstadt verehrt man ebenfalls ihre Reliquien.
Man nimmt an, dass das ihr zugeschriebene Evangelium der Maria, das Dialoge zwischen dem auferstandenen Jesus und seinen Jüngern enthält, um 160 n. Chr. entstand. Das Maria-Evangelium ist Teil des so genannten Berliner Papyrus, das seit Ende des 19. Jahrhunderts im Ägyptischen Museum Berlin (Teil der „Staatlichen Museen zu Berlin“) aufbewahrt wird und bereits 1955 veröffentlicht wurde.
Der französische Geheimbund Prieuré de Sion (ob er wirklich existiert, ist strittig) verbindet zwei Legenden um Maria und behauptet, sie sei mit Unterstützung des Joseph von Arimathäa nach Frankreich geflohen, um dort das Kind von Jesus, eine Tochter namens Sarah, zur Welt zu bringen. Diese Sarah soll die Stammmutter der Merowinger gewesen sein. Die inzwischen als Fälschung enttarnten Dokumente bringen Jesu Gefährtin mit dem heiligen Gral in Verbindung. Dabei findet der Begriff „San Greal“ (beziehungsweise „Sang Real“) Verwendung, was auf Katalanisch „königliches Blut“ bedeutet. – Diese These wird von mehreren Autoren aufgegriffen, darunter Louis Pauwels, Jacques Bergier, Michael Baigent und Richard Leigh und schließlich von Dan Brown, der sie zum Thriller Sakrileg verarbeitet hat.
Ganz gleich, ob man nun in Maria Magdalena die von Jesus bekehrte Sünderin, seine Gefährtin oder sie als Heilige sieht, die eine wichtige Rolle für das Ur-Christentum übernahm (Margret E. Arminger erkennt in ihr gar die verhinderte Päpstin): nach wie vor sorgt Maria Magdalena für reichlich Diskussionsstoff und inspiriert Künstler, Literaten und Filmemacher.