VOM SEGEN DER VERGESSLICHKEIT

VOM SEGEN DER VERGESSLICHKEIT

Deutschland wird besinnlich. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen ins Renten-Alter. Das Leben wird langsam und heiter, bestimmt von der Mehrheit der Vergesslichen. (Unser Autor Dietmar Bittrich gehört dazu.)

„Die Erinnerung“, notierte Arthur Schnitzler, „ist das einzige Gefängnis, aus dem man nicht entlassen werden kann.“ Der Dichter irrte. Die Generation der 68er tritt gerade Schritt für Schritt ins Freie. Meine Generation. Wir, die wir unsere Eltern unablässig ermahnten, sich ja der Vergangenheit zu erinnern, uns kommt allmählich das eigene Gedächtnis abhanden. Wir driften in die Vergesslichkeit.

Das ist schön. Das ist segensreich. Und es ist unausweichlich. Gehirnjogging, Kreuzworträtsel, Sudokus nutzen nichts. Philosophen wie Diogenes, Epikur, Immanuel Kant, Ralph Waldo Emerson, Carl Friedrich von Weizsäcker, Walter Jens sind bereits zu Lebzeiten ins vollkommene Vergessen gedriftet. Ausgerechnet diejenigen, die ihr Gehirn wie kaum sonst jemand trainiert haben. Sie, die komplexe Welterklärungen konstruierten, waren am Ende mit schlichtesten Dingen zufrieden, mit einer Tasse Tee und einem Platz an der Sonne.

Unser ganzes Land ist auf diesem Weg. Und ich bin stolz, sagen zu können: Ich bin dabei. Die ersten hoffnungsvollen Anzeichen können zum Glück schon bei einem Fünfzigjährigen sichtbar werden. Ich stehe plötzlich im Wohnzimmer und rätsele, weshalb ich hingegangen bin. Doch nicht nur, um ein paar Schritte zu tun? Sonderbar. So ein verwundertes Innehalten ist seit einiger Zeit typisch für mich. Und was mache ich nun im Wohnzimmer? Mal sehen. Ich nehme die Überraschung als Geschenk.

Wir werden geschlossen zu „Spleenagern“. Dietmar Bittrich

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