Aini wacht auf und blinzelt verschlafen in das Licht der Morgendämmerung. Ihre acht Angehörigen, drei Töchter mit ihren Männern und zwei Enkelkindern, schlafen noch. Ihr Mann Hula wurde von einem Mammut überrannt und ehrenvoll begraben. Seufzend blickt sie auf das leere Bärenfell neben sich. Alle wissen, dass sie in Trauer ist, auch die Männer des Clans am Fluss. Sie ist immer noch begehrenswert. Soll sie einen – er ist ihr schon aufgefallen – fragen, darum bitten, sich um das Feuer zu kümmern? Was würde Hula dazu sagen? Sie lauscht auf die Stimmen der Vögel. Ein Rabe krächzt. Er sagt Ja. Aini wird einen neuen Mann suchen. Ihr Klagelied beim nächsten Vollmond wird in den Silben wa-ho darum werben.
So könnte eine Frau vor hunderttausend Jahren gedacht und empfunden haben. Das Klischee vom stupiden Frühzeit- oder Steinzeitmenschen, der nur ums Überleben kämpft, wird von der neueren Forschung widerlegt. So bescheinigt der Prähistoriker Prof. Müller-Karpe unseren frühen menschlichen Vorfahren durchaus einen Sinn für Höheres. Es gibt ein Bewusstsein des Todes, und diese Einsicht in die Vergänglichkeit war möglicherweise viel tiefer und unmittelbarer als für die meisten von uns heute. Die Steinzeit wird über die Alt- und Jungsteinzeit auf etwa 100.000 Jahre bis ca. 6.000 v. Chr. angesetzt. Ich beschränke mich hier auf die Geschichte des Menschen, wie sie heute wissenschaftlich belegt ist, gehe also nicht auf Lemuria oder Atlantis ein, wo es laut etlichen medialen Autoren bereits sehr hoch entwickelte Kulturen gab.
„Der Schlüssel der Geschichte ist nicht in der Geschichte; er ist im Menschen.“ Théodore Jouffroy
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