Was ist Geschichte?

Was ist Geschichte?

Das Gedächtnis der Menschheit

Nach den Mythen (s. März-Heft) geht es nun im 2. Teil der „Was ist…?“-Serie von Christian Salvesen um Geschichte. Wir lesen von der Geschichte des Universums, der Menschheit oder gar der Briefmarke. Aber was ist das eigentlich – Geschichte? Und wie ordnen wir uns darin ein?

Vom Mythos zur Historie
Geschichten

Solange der Mensch sprechen kann, hat er Geschichten erzählt. Anderen laut, etwa vor einem Feuer, um das der Stamm, die Sippe oder die Familie herumsaß, und auch sich selbst, leise vor sich hinmurmelnd oder unhörbar, innerlich. Manche Geschichten, vor allem die öffentlich vorgetragenen, wurden schon lange erzählt, von Generation zu Generation weitergegeben. Sie begannen meist mit Worten wie: „Vor langer, langer Zeit lebte ein Held…“ Oder: „Als die Götter noch unter den Menschen weilten…“

Was da erzählt wurde, hatte natürlich eine Form, eine Struktur. Die Geschichte war spannend, da passierte etwas. Sie entwickelte sich. Doch sie wurde nicht in eine Zeitskala eingeordnet, wie wir das aus dem Geschichtsunterricht kennen: „Alexander der Große besiegte die Perser 333 v. Chr. …“ Sie repräsentierte vielmehr das menschliche Schicksal, wie es immer wieder jedem widerfahren kann. Der erste kompakte Ratgeber, wo sich Religion und Kampfkunst, Liebeszauber und Kochrezept zu einem unauflösbaren Ganzen verbanden. Seit der griechischen Antike wird diese Form der Vermittlung als Mythos bezeichnet.

Kultur

Im 6. und 5. Jahrhundert vor Chr. ereignete sich in Griechenland eine geistige Wende, die unsere heutige Kultur, unsere Art zu denken und zu leben, entscheidend beeinflusst hat. Der Mythos wurde analysiert, reflektiert und unterteilt. Für das Dramatische, menschlich Berührende, die Gefühle waren fortan die Künste zuständig: Theater, Bildende Kunst, Poesie, Musik. Den moralischen Halt, die Zuversicht, den Glauben zu erhalten, das übernahmen zum Teil die Künste, vor allem aber die Religion – Tempelpriester und Orakel. Die geistige Essenz, die unveränderliche Wahrheit, beanspruchten Philosophen wie Platon und Aristoteles für sich. Und die Vergangenheit genau zu beschreiben – wann und wo hat wer was getan? –, das wurde Aufgabe der Historiker.

Die Geschichtsschreibung ist eine Waschanstalt, aus der die Wäsche meist schmutziger zurückkommt, als sie hingebracht worden ist.
(Edith Sitwell, 1887-1964)

Diese Aufgabe hat sich immer weiter differenziert. Für alles gibt es eine Geschichte: Kultur (Religion, Philosophie, Literatur, Musik, Kunst, Architektur, Film), Politik (Kriege, Herrscher, Gesellschaftsformen), Wissenschaft und Technik (bis hin zur Geschichte der Eisenbahn usw.). Wir haben alles in Geschichte – mit exakten Daten. Das ist ein Merkmal unserer westlichen Kultur: Informationen horten. Hand in Hand mit der technologischen Entwicklung (Speicherung aller Daten im Internet) werden zukünftige Generationen über eine schier unendliche Flut von Informationen über unsere Zeit verfügen.

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