Advaita auf dem NIL

Advaita auf dem NIL

Millionen Touristen bestaunen alljährlich die über 4000 Jahre alten Zeugnisse der ägyptischen Kultur. In die Besucherströme mischen sich auch spirituelle Gruppen verschiedenster Richtungen. Unsere kleine Gruppe scharte sich um den Advaita-Lehrer Karl Renz.

Auf seiner Website hatte Karl Renz dazu eingeladen, ihn bei seiner Reise auf dem Nil zu begleiten. In Ägypten Tempel zu besichtigen ist eine Sache; mit Karl zu reisen eine ganz andere. Man kann und sollte beides voneinander trennen. Die Kombination Ägypten und Karl war nämlich einmalig. Sie ist nicht mehr im Angebot.

Luxor

Unser Bus hat sich an die Spitze des Fahrzeugkonvois vorgewagt und bewegt sich in gemächlichen Kurven ins grüne Nil-Tal hinab: Palmen, Wiesen und Getreidefelder, Bananenstauden, leuchtende Hibiskusbüsche. An trüben, grünen Kanälen warten Esel geduldig darauf, mit Getreideballen beladen zu werden. Ibisse verharren am Schilfufer, auf weiter entfernten Feldern treiben die Bauern Ochsen an – wie seit Tausenden von Jahren.

Die mehrstöckige Betonsilos, die sich nun an die Stelle der weiten, grünen Felder gesetzt haben, bieten dazu einen starken Kontrast. Der Bus schiebt sich im dichten Autoverkehr an Pferdedroschken vorbei. Wir sind in Luxor. Hier fahren die schwimmenden Fünf-Sterne-Hotels – insgesamt sollen es 300 sein – auf dem Nil nach Assuan, Richtung Süden ab.

Eine Stunde nach der Begrüßung auf dem Schiff streben wir Touristen über die schmale Holz-Gangway ans Betonufer, erneut hinein in die Busse. Jeder der drei ägyptischen Reiseleiter hat eine etwa dreißigköpfige Gruppe um oder hinter sich. Die Nachmittagssonne sorgt Ende Februar für angenehme 28 Grad – im Sommer soll es hier über 40 Grad heiß sein! Der klimatisierte Bus gleitet sanft durch den Straßenverkehr.

„Hallo“, sagt eine Stimme durchs Mikrophon, leicht verzerrt. „Schlafen Sie noch?“ Das ist Jimmy, unser sympathischer Reiseleiter. Ein paar müde Hallos signalisieren Empfangsbereitschaft. „Vor wenigen Jahrzehnten war Luxor noch ein Dorf. Jetzt hat die Stadt 400.000 Einwohner. Dank dem Tourismus. Vor über 4000 Jahren war hier die Hauptstadt von Unter- und Oberägypten. In Luxor und Umgebung befinden sich die meisten und besterhaltenen Altertümer unseres Landes.“

Nach kurzer Fahrt erreichen wir den Karnak- Tempel und folgen Jimmy. Er hält seine blaue Baseballmütze hoch, um sich von den vielen anderen Gruppen abzugrenzen. Wir erfahren in fließendem Deutsch, dass dieser braungraue Sandsteintempel vor 3.500 Jahren – vom inneren Heiligtum ausgehend – begonnen wurde. Im Lauf der Zeit vergrößerten spätere Dynastien den Tempel nach außen hin durch Säulenhallen und weitere, höhere Mauern und Tore. Zum innersten, engsten und dunkelsten Raum hatten nur der Pharao und der oberste Priester Zugang. Der Torbau mit den zwei Türmen vor uns – „erster Pylon“ genannt – entstand zur Zeit der griechischen Herrschaft, nachdem Alexander der Große um 330 v. Chr. Ägypten erobert hatte.

Altägyptisches Pantheon

In den nächsten Tagen sehen wir mehrere Tempel dieser Art. Sie sind zu Ehren unterschiedlicher Götter und Pharaonen erbaut. Deren Bilder prangen überlebensgroß auf den imposanten Sandsteintoren und an den Wänden im Inneren. Amun-Re, der höchste Gott, ist an einer lang gestreckten Doppelfeder auf dem Kopf zu erkennen. Von ihm erbittet der Pharao den Segen für sich und sein Volk. Horus, der Himmelsgott und Königsbeschützer, hat den Kopf eines Falken. „Das bedeutet Wachsamkeit“, erklärt mir Karl Renz. „Ein Hinweis auf das unpersönliche Gewahrsein.“

Die altägyptische Religion ist voller Götter. Gezählt hat sie wohl bisher niemand. Tierköpfe sind beliebt: Das Krokodil mit seinem Zähne zeigenden Grinsen finde ich besonders nett. Es war sicher ein gefürchteter Gott. Ein echtes wildes Krokodil haben wir auf unserer Nilfahrt nicht gesehen. Aber im Naturschutzgebiet bei Assuan sahen wir Warnschilder: Vorsicht, Krokodile! Wie die wohl über den 60 Meter hohen Staudamm gekommen sind?

Die sechstägige Nilfahrt endet in Luxor mit einem Besuch im „Tal der Könige.“ Dort – in diesen schroffen Felsen der Wüste – ließen sich die Pharaonen begraben, nachdem sich erwiesen hatte, dass die ausgeklügelten Pyramiden kein sicherer Schutz vor Grabräubern waren. Die alten Ägypter wollten eine Lebensversicherung über den Tod hinaus. Wer es sich leisten konnte, wurde mumifiziert und mit Grabbeigaben für ein Leben versorgt, das dem auf der Erde entsprechen sollte.

Ich habe die Mischung aus informativen Besichtigungstouren und geruhsamem Dahingleiten auf dem „Strom des Lebens“ sehr genossen und hätte gerne noch ein paar Tage angehängt. Doch das Salz in der Suppe war für mich – und wohl auch für die anderen elf unserer Gruppe – der tägliche zweistündige „Talk“ mit Karl Renz.

Gespräche mit Karl

„Scheiße ist mir genauso viel wert wie Gott!“ Das sagt er, ohne mit der Wimper zu zucken. Nicht zynisch oder prophetisch beschwörend. Oder wenn, dann gespielt. Und muss gleich darauf lachen. Witze erzählt er nicht nach. Sie entstehen spontan durch verrückte Wortspiele und Situationskomik. Unsere Gruppe ist auf dem Schiff aufgefallen – nicht zuletzt durch die Lachsalven.

„Ich rede nicht zu Geistern, Gespenstern und Leichnamen. Ich rede zu dem, was undefinierbar und unveränderlich ist, nie geboren, unsterblich, vor Zeit und Raum. Wer glaubt, er sei geboren, hat schon verloren.“ Was sagt der 50-jährige Bauern- und Gastwirtssohn aus dem Weserbergland da? „Keine Ahnung, woher das kommt. Ich bin die Ahnungslosigkeit, die Hilflosigkeit selbst.“ Na, da gibt es doch wohl Spuren in die Vergangenheit! Hatte er nicht in den 70er Jahren monatelang in Mexiko vom psychotropen Peyote-Kaktus gegessen und unzählige innere Tode und Auferstehungen durchlebt? Was war mit der All-Einheits- und Lichterfahrung am Arunachala, dem heiligsten Berg Indiens?

„Das sind alles vorübergehende Erfahrungen – auch das Bewusstsein der Einheit, was oft als Erleuchtung oder Erwachen bezeichnet wird. Wenn ich das schon höre oder lese: ‘Es (das Erwachen) geschah am 12.12.19…, an einem Donnerstag.’ Jemand hat sich als eins mit allem oder als Licht erlebt, na und? Da sind immer noch zwei: Einheit, Licht oder was auch immer – und das, was es wahrnimmt.“

Im Klar- bzw. Karltext: Was immer wir erfahren – sei es Erleuchtung oder Tod, die große Liebe oder das große Leid, es kann nicht DAS sein, was wir wirklich sind. „DAS“, der Urgrund, die Quelle unseres Seins, „das Auge Gottes“, entzieht sich unserer Erkenntnis. „Zum Glück“, meint Karl. „Stellt euch mal vor, jemand hätte das Sein erkannt und wäre damit in Kontrolle über das Leben. Das wäre wirklich die Hölle!“

Was Karl sagt, hält uns in Bann, im Bannstrahl dessen, was gerade jetzt ist. Meist sitzen wir ab 18 Uhr auf dem Deck, in Decken gehüllt, denn der Wind von der Wüste her kann nach Sonnenuntergang sehr kalt werden. Bei der Abfahrt vom direkt am Nil gelegenen Tempel von Kom Ombo dreht sich das Schiff immer wieder um sich selbst. In der lauen dunklen Abendluft flimmern die Lichter der Stadt und der Nilschiffe wie sich stets wiederholende Botschaften – wie Hieroglyphen. Es könnte ewig so weiter gehen. Dies – jetzt – ist mehr als genug.

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