Bevor Chronometer allgegenwärtig waren, richteten sich die Menschen nach dem Jahreskreis, folgten Sonne und Mond und damit einem natürlichen Rhythmus. Der Zeitfaktor bestimmt im 21. Jahrhundert unser Dasein, ob wir es nun wollen oder nicht. Mit dem allmorgendlichen Weckergeklingel geht es schon los. Wir müssen den Bus erwischen, um pünktlich im Büro zu sein. Den Termin beim Chef sollten wir besser nicht versäumen, und die Verabredung mit Freunden steht auch schon seit Wochen im Terminkalender. Die Zeit mogelt sich in unseren Sprachgebrauch. Sätze wie: Ich habe keine Zeit, In einer Stunde kann ich vorbeikommen, Wie schnell das Jahr vergangen ist! oder Es geht überhaupt nicht voran! hören wir tagein und tagaus. Sie gehören zum Leben und banalisieren etwas, das doch so großen Einfluss auf uns hat.
Der Lebensrhythmus von Mensch, Tier und Pflanze richtet sich nach dem Tageslicht. Der Tübinger Biologe Erwin Bünning (1906 – 1990) fragte sich, was passiert, wenn man einem Lebewesen diesen natürlichen Taktgeber entzieht. Dazu stellte der Wissenschaftler eine Mimose, die jeden Abend ihre Blätter zusammenfaltet, über einen längeren Zeitraum in einen dunklen Raum. Er fand heraus, dass die Pflanze auch unter diesen Bedingungen ihren Lebensrhythmus im 24-Stunden-Takt beibehält. Ein weiteres Experiment mit Soldatenkrabben bestätigte Bünnings Annahme einer inneren Uhr. Die Wanderungen der Krabben sind ein spektakuläres Naturschauspiel. Myriaden von ihnen belagern blitzschnell bei Ebbe die Strände an Australiens Küsten, um Nahrung aufzunehmen. Kurz bevor die Flut einsetzt, bewegen sie sich wie auf ein geheimes Signal hin rückwärts und verlassen die Sandbänke. Dieses Verhalten zeigen Soldatenkrabben auch, wenn man sie in einem Eimer auf den Strand setzt, so dass sie keinen direkten Kontakt zum Wasser haben.
In den 50er Jahren ging Erwin Bünning diesem Phänomen systematisch auf den Grund. Durch seine Laborversuche begründete er die Chronobiologie. Der Wissenschaftler konnte nachweisen, dass sogar einzellige Algen eine innere Uhr besitzen, die unabhängig von Umwelteinflüssen den Takt vorgibt.
Was bei Algen, Krabben und Mimosen funktioniert, müsste auf den Menschen übertragbar sein, überlegte der Biologe. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Aschoff isolierte er eine Studentengruppe über mehrere Wochen hinweg in einem Bunker bei Andechs. Sie trugen weder Uhren, noch konnten sie die Tageszeit am Lichteinfall durch Fenster bestimmen. Das Experiment wies schließlich nach, dass auch der Mensch einem inneren Rhythmus folgt, der einen 24- bis 25-Stunden-Takt hat.
Eine gute Nachricht für alle Morgenmuffel: Die Veranlagung zum Morgen- bzw. Nachtmenschen ist genetisch bedingt. In den dunklen Stunden soll der Körper eigentlich ruhen und sich regenerieren. Nachtaktive Menschen bekommen häufig vor zwei der drei Uhr früh kein Auge zu und haben folglich am Morgen erhebliche Probleme, aus dem Bett zu finden. Frühaufsteher hingegen haben kein Problem, beim ersten Hahnenschrei aus den Federn zu springen und gut gelaunt in den Tag zu starten. Sie sind am frühen Abend reif für den Matratzenhorchdienst und schaffen es nur mit Mühe, bis nach Mitternacht wach zu bleiben. Die Wissenschaft teilt diese Veranlagungen in die Gruppe der „Eulen“ (Nachtschwärmer) und „Lerchen“ (Frühaufsteher).
Zu welchem Typ man gehört, ist aber nicht allein von den Genen bestimmt. Alter und Gewohnheiten spielen ebenfalls eine Rolle. Mit zunehmendem Alter entwickeln sich viele Menschen vom Abend- zum Morgenmenschen. Schichtdienst und Ernährungsgewohnheiten spielen eine weitere wichtige Rolle. Nachteulen, die regelmäßig früh aufstehen müssen und damit das Tageslicht ausnutzen, können ihren Körper mit der Zeit an diesen Rhythmus gewöhnen.
„Denke am Morgen, handle am Nachmittag. Iß am Abend, schlafe in der Nacht.“
(William Blake)
Um zehn Uhr vormittags sind wir ein anderer Mensch, als um zehn Uhr abends. Die Unterschiede können so erheblich sein, dass eine bestimmte Tätigkeit, morgens oder abends ausgeführt, völlig andere Ergebnisse liefern kann. Hormone und andere Substanzen, die unsere Gehirntätigkeit und Bewegungsfähigkeit beeinflussen, verändern sich im Laufe eines Tages, sinken oder steigen an. Im Verlauf von 24 Stunden sind beispielsweise Geruchs- und Geschmackssinn unterschiedlich stark ausgeprägt, ebenso schwankt der Grad von Müdigkeit und des Sich-wach-Fühlens.
Neben der Körperzeit, die einer inneren Uhr folgt, gibt es eine mentale Zeit, die durch subjektives Empfinden gesteuert wird.
Chronobiologen konnten feststellen, dass die meisten Menschen um die Mittagszeit den Höhepunkt des Wachseins erreichen. Wer um 12 Uhr zu Mittag isst, muss sich daher nicht wundern, wenn er danach in ein Leistungsloch fällt. Die Wissenschaftler empfehlen, die Mahlzeit auf einen etwas späteren Termin zu verlegen, und die Mittagsstunden lieber für die Arbeit einzuplanen. Am Nachmittag lässt die Aufmerksamkeit in der Regel nach. Knifflige Dinge, die viel Fingerspitzengefühl erfordern, sollten besser am Vormittag erledigt werden. Der Nachmittag eignet sich dafür hervorragend für einfache und monotone Aufgaben, wie das Ordnen und die Ablage von Unterlagen, Aufräumen, Putzen aber auch kurze Besorgungen. Wer für Prüfungen lernen muss, sollte das in den Morgenstunden einplanen, denn dann ist das Kurzzeitgedächtnis besonders aufnahmefähig. Es lohnt sich also, noch mal schnell in die Bücher zu schauen.
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