Der Stadtschamane aus Hawaii

Der Stadtschamane aus Hawaii

Serge Kahili King wurde von seinem Vater in die Huna-Tradition Hawaiis eingeführt. In Afrika arbeitete er sieben Jahre als Entwicklungshelfer. Reichlich Zeit, um die afrikanische Form des Schamanismus zu studieren, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken. Der Psychologe hat sich zur Aufgabe gemacht, die Prinzipien des Huna bekannt zu machen, die – wie er im nachstehenden Gespräch erklärt – einfach zu lernen und anzuwenden sind.

Sie haben mich mit „Aloha“ begrüßt. Der Begriff hat eine ganz bestimmte Bedeutung. Könnten Sie die für unsere Leser näher beschreiben?

Natürlich. Weltweit kennt man das Wort aus der hawaiischen Sprache als Begrüßung und Abschied. Die tatsächliche Bedeutung des Begriffs ist jedoch „Liebe“. Wenn wir jemandem Aloha sagen, dann segnen wir ihn mit Liebe für das Ankommen und für den Abschied. Wenn wir uns die Wurzeln des Wortes anschauen, hat es noch eine weit tiefer gehende Bedeutung. Denn mit Aloha teilt man die Lebensenergie mit anderen.

War Ihr Weg als Schamane von Anfang an vorgezeichnet oder war es mehr ein natürlicher Prozess, nachdem Sie sich so intensiv mit der Thematik beschäftigt hatten?

Mit 14 habe ich mich schon sehr für diese Dinge interessiert. In unserer Tradition ist es so, dass man diesen Weg angeboten bekommt, und als mein Vater das tat, ließ er mir die Wahl. Ich bin das mittlere von drei Kindern in unserer Familie. Ich habe keine Ahnung, ob mein Vater meinen Geschwistern ebenfalls dieses Angebot gemacht hat. Wir haben nie darüber gesprochen. Aber als er mich fragte, packte ich die Gelegenheit beim Schopf.

Welche Unterschiede gibt es zwischen der hawaiischen Variante des Schamanismus und anderen Formen?

Es gibt zwei Extreme, wenn man sich den Schamanismus weltweit anschaut: Der weitaus größere Teil gehört der Gruppe der Krieger-Schamanen an. Tatsächlich sind Schamanen jedoch Heiler – der Gemeinschaft, von Körper, Geist und Seele. Die Krieger-Schamanen sehen Krankheit, Angst und Disharmonien als Feinde an. Sie entwickelten Techniken, um dagegen anzukämpfen. In meiner Tradition – wir sprechen hier von Schamanen, die den Weg des Abenteurers anstatt des Kriegers gehen – verstehen wir Krankheiten als eine Form von Benehmen, anders ausgedrückt: wir behandeln Ängste und Krankheiten als Auswirkungen. und nicht als ein Ding. Wir können der Person Werkzeuge an die Hand geben, die ihr dabei helfen, ihr mentales oder spirituelles Benehmen zu verändern. Auf diese Art werden Krankheiten und Ängste sich auflösen. Beide Richtungen haben das gleiche Ziel, nur verschiedene Ansätze.

Die Zahl der Abenteurer unter den Schamanen wächst kontinuierlich. Einige der indianischen und afrikanischen Stämme arbeiten mit der Abenteurer-Tradition.

„Wenn wir unsere Erfahrungen im Traum zu einem bestimmten Zweck verändern, werden sich auch unsere Erfahrungen im Leben ändern.“

Sie haben über Jahre die afrikanische Variante des Schamanismus studiert. Wo sehen Sie Parallelen?

In der Art, wie sie handeln, und in den Grundideen. Die Unterschiede liegen mehr in der Kultur begründet. Allen Schamanen weltweit, wie übrigens auch vielen indigenen Völkern, ist die Vorstellung gemeinsam, dass alles belebt, bewusst und in der Lage zu kommunizieren ist. Gemeinsam ist ihnen ferner die Vorstellung, die Realität hätte die Qualität eines Traums. Der Schlüssel dazu gibt einem die Möglichkeit, den Traum zu verändern.

Sie gehen sehr offen mit Ihrem Wissen um, sagen sogar, jeder kann ein Stadtschamane sein und die Huna-Techniken erlernen. Gab es Reaktionen von anderen Schamanen, die mit ihrer Tradition nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen?

Nicht in dem Sinne, dass sie es verurteilen würden. Im Gegenteil, glücklicherweise begannen schon vor meiner Zeit als Schamane ein weltweites Erwachen und ein Umdenken in Bezug auf die traditionellen Denkweisen der Naturvölker. In den 1960ern ging es los. Damals steckte ich gerade mitten in meiner Arbeit in Afrika, hatte mich aber noch nicht dazu entschlossen zu lehren. Es waren noch nicht viele, die sich weltweit öffneten, um ihr Wissen anderen weiterzugeben.

Einer meiner besten Freunde, mit dem ich viel zusammen gearbeitet habe, war Sun Dance, ein indianischer Medizinmann. Als er sein Wissen öffentlich machte, schlug ihm viel Widerstand von Medizinmännern anderer Stämme entgegen. Aber er war überzeugt davon, dass es wichtig ist, diesen Weg zu gehen. Dem schlossen sich weitere Medizinmänner nordamerikanischer Stämme ebenso an wie Schamanen aus Sibirien und einigen anderen Traditionen, beispielsweise aus Polynesien. Nach wie vor ist ihre Zahl verschwindend gering, aber es werden immer mehr.

Nicht nur aus hawaiischer Sicht sind Stress und Spannungen die Hauptursachen für Krankheiten. Heißt das, schließe ich diese Risikofaktoren völlig aus, fördert das meine Gesundheit?

Moment, lassen Sie mich vorab etwas erklären: Gemeint ist hier nicht der Stress von außen, den wir alle kennen. Der eigentliche Punkt, an dem wir ansetzen müssen, ist nicht der Stress an sich, sondern unsere Reaktionen darauf. Unsere Reaktionen lösen erst den inneren Stress aus, der sich mental, körperlich und emotional äußert. Wenn wir einen Weg finden, diesen Stress zu minimieren, tritt der natürliche Heilungsprozess im Körper ganz automatisch ein.

Sie sagen, die Energie im Körper folgt unserer Aufmerksamkeit. Denken wir uns krank?

Aber ja! Unsere Gedanken können einen starken Effekt haben. Es ist zwar nicht so, dass die Gedanken allein uns krank machen, aber sie verursachen Spannungen im Körper, die den natürlichen Ablauf stark beeinträchtigen können. Heilung und Krankheit kommen vom Körper. Und wie reagieren wir darauf? Einerseits können wir eben in die Krankheit hineingehen und ihr auf den Grund gehen, oder wir reagieren wie bei einer Vergiftung oder einer äußerlichen Verletzung.

Dass Zellen ein Gedächtnis haben, wird inzwischen vielfach thematisiert. Sie sagen, auch die Muskeln haben eine Erinnerung, die in Form von Schwingungen gespeichert ist. Muskeln bestehen auch aus Zellen, ist es also nicht das gleiche?

Sie haben natürlich Recht, es gibt keinen großen Unterschied. Es geht nur um die Gruppe. Muskeln erinnern unmittelbar vorausgegangene Aktivitäten. Sie werden durch unsere Bewegungen stimuliert. Die einzelnen kleinen Momente dieser Bewegung werden in den Muskeln gespeichert und erinnert. Je stärker die Erfahrung in diesen Augenblicken ist, desto intensiver auch die Erinnerung daran.

Erinnerungen allein lösen keine Krankheiten aus. Es ist vielmehr unsere Reaktion darauf. In vielen Fällen ist die Reaktion der Menschen so stark, dass sie Auswirkungen auf Psyche und Körper haben oder die Gefühlswelt belasten. Wenn wir lernen, mit diesen Reaktionen umzugehen, können wir die Erinnerungen loslassen, und wenn wir keine Erinnerung mehr haben, gibt es auch keinen Grund, darauf zu reagieren.

In diesem Zusammenhang sprechen Sie in Ihren Büchern den Einfluss unserer Vorstellungskraft auf zukünftige Ereignisse an.

Ihre Einstellung auf Zukünftiges hat direkten Einfluss auf Ihr Verhalten in diesem Moment. Ihr Körper versucht dem auszuweichen. In Ihrer Vorstellung ist ein zukünftiges Ereignis real, und ihr Körper wappnet sich dagegen. Er spannt sich so an, dass Ihre Befürchtungen in dieser Situation auch eintreffen.

Träume sind wirklich, sagten Sie vorhin. Die Wirklichkeit ist ein Traum. Gibt es Parallelen zur Traumzeit der Aborigines?

Es gibt Unterschiede. Viele Leute verstehen nicht, was die Aborigines mit Traumzeit meinen. Für sie bedeutet die Traumzeit eine Zeit in der Vergangenheit, in der die Götter die Realität erschufen. Der Begriff bezeichnet nicht ihre Sichtweise auf die Welt in diesem Moment. Auch wenn manche Sicht auf die Welt einem Traum vergleichbar ist. In unserer Tradition ist es anders, da ist die Wirklichkeit der Traum.

Wenn wir dieser Vorstellung folgen, was passiert dann mit uns, wenn wir sterben? Gehen wir dann in einen anderen Traum oder gar in eine andere Realität über?

Das ist zumindest die Theorie. Ich benutze diesen Begriff bewusst, denn es handelt sich nicht um etwas, das wir beweisen können. Wir wurden trainiert, diese Welt zu betreten, um mit ihr vertraut zu werden. Natürlich verhalten wir uns dabei wie bei einer wirklichen Erfahrung. Die, die damit nicht vertraut sind, oder auch Psychologen, die sich mit Träumen beschäftigen, folgen dieser Vorstellung nicht.

Welche Rolle spielen die Träume beim ­Heilungsprozess?

Eine sehr wichtige. Wenn wir träumen, benutzen wir unseren Körper, Geist und Seele. Alles ist miteinander verbunden, Teil des gleichen Konzepts. Wenn wir unsere Erfahrungen im Traum zu einem bestimmten Zweck verändern, werden sich auch unsere Erfahrungen im Leben ändern. Nicht punktgenau, aber diese Veränderungen werden passieren, in Abhängigkeit unserer Handlungen. Andererseits haben unsere Aktivitäten im Alltag, was wir denken und essen, wie wir handeln oder mit unseren Mitmenschen umgehen, Auswirkungen auf unsere Träume. Wenn wir einen Traum verändern, ändern wir nachfolgende Träume. Manchmal erscheint es daher einfacher, in – wie wir es normalerweise nennen – die Traumwelt zu gehen, um Veränderungen herbeizuführen. In anderen Fällen ist es leichter, es im Alltag zu tun.

Kann man Ihre Traumarbeit mit der schamanischen Form des Vision Quest vergleichen?

Ja, es ist eine Form des Reisens. Viele Schamanen, vor allem die sibirischen und mongolischen Schamanen, arbeiten mit diesen Visionsreisen. Von einer modernen Betrachtungsweise aus wirkt es, als fallen sie in Trance. Dabei befinden sie sich auf einer Visionsreise, um dort einiges zu veranlassen, was sein Resultat in der realen Welt haben wird.

Welche Rolle spielt die Intuition bei einem Veränderungsprozess?

Wenn Sie in diesem Bereich arbeiten wollen, ist es sehr wichtig, sich vor Augen zu halten, dass Sie Ihre Wahrnehmung und das Talent dafür schulen. Um mit der Intuition zu arbeiten, müssen Sie auf eine innere Reise gehen. Im Grunde ist es ähnlich wie bei der Traumarbeit bzw. bei angeleiteten Fantasiereisen. Außerdem spielt die Frage der Wahrnehmung von Energien und der Welt um Sie herum eine wichtige Rolle. Es gibt Geschichten von Wissenschaftlern, die über einem Problem eingeschlafen sind, und als sie aufwachten, konnten sie sich an einen Traum erinnern, der ihnen die Lösung gezeigt hat. Ein völlig normaler Prozess läuft dabei ab. Im Schamanismus arbeiten wir mit diesem Wissen und entwickeln es weiter.

Was genau hat es mit der kreativen Intuition, die Sie „Hailona“ nennen, auf sich?

„Hailona“ hat zwei Bedeutungen. Gemeint ist einmal das Heilen mit Symbolen und zum anderen durch Wahrsagen als Hilfsmittel, um die Intuition zu entwickeln. Zum Wahrsagen verwenden wir dabei ähnliche Münzen, wie man sie vom I Ging kennt. Ein System, das allein auf Intuition aufbaut und sehr gut als Training genutzt werden kann.
Schamanen weltweit arbeiten mit Divination. Die mongolischen Schamanen benutzen dazu die Nackenknochen von Schafen, die vor sehr langer Zeit auch Grundlage für ein Spiel waren. Tarot-Karten erfüllen einen ähnlichen Zweck, in Afrika wie auf Hawaii nutzen wir Steine oder Muscheln.

Sie erwähnten auch Symbole?

Richtig. Die können innerlich wie äußerlich genutzt werden. Äußerlich angewandte Symbole können die Muscheln, Steine oder Knochen sein, die wir auswerfen, um Informationen aus dem Unterbewussten zu empfanden. Wir arbeiten häufig mit meditativer Versenkung und auf dieser Ebene kann man mit innerlichen Symbolen an Probleme herangehen.

Zum Schluss unseres Gesprächs möchte ich Sie bitten, kurz die sieben Prinzipien des Huna unseren Lesern vorzustellen.
1. Die Welt ist das, wofür wir sie halten.

Unser Denken hat einen Effekt auf die Welt.

2. Es gibt keine Grenzen. Praktisch kann alles geheilt werden.

Die einzige Frage, die sich stellt, ist die nach der richtigen Methode.

3. Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Die Art der Gedankenkonzentration und Aktivitäten haben Auswirkungen auf den Heilungsprozess. Je positiver wir eingestellt sind, desto besser ist es für unsere Gesundheit.

4. Jetzt ist der Moment der Kraft.

Nicht die Vergangenheit ist verantwortlich für Probleme. Vielmehr sind es die Erinnerungen an diese Vergangenheit und unsere Reaktionen jetzt darauf, die Probleme auslösen.

5. Freude und Liebe

sind in diesem Zusammenhang die wirksamsten Werkzeuge, die wir haben.

6. Alle Kraft kommt aus uns selbst.

Damit ist nichts anderes gemeint, als dass die Person, die geheilt wird, auch der Heiler ist. Andere Menschen, ganz gleich wie hilfreich und machtvoll sie sein mögen, sind dabei nur zur Unterstützung da.

7. Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit.

Auf die Heilung bezogen heißt das: Wichtig ist die Heilung selbst, nicht die Methode. Schamanische Methoden (Anmerk.: Visionssuche etc.) sind sehr gut, aber manchmal ist eine Operation die beste Art zu heilen und der schulmedizinische Weg ist angezeigt. In alter Zeit hat der Schamane all diese Bereiche abgedeckt. Heute funktioniert das nicht mehr. Deshalb nutzen wir alles, was den Heilungsprozess begünstigt und sich harmonisierend auf den Körper auswirkt.

Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

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