Zunächst einmal können solche Verwundungen aber schwere Krisen auslösen. Das Wort Krise kommt aus dem Altgriechischen und heißt ursprünglich Urteil, Entscheidung, Wahl. Das chinesische Schriftzeichen dafür bringt ebenfalls die Ambivalenz der Situation zum Ausdruck, beinhaltet aber auch einen positiven Aspekt, denn es bedeutet gleichzeitig Gefahr und Chance. In unserer Sprache hat der Begriff eine ausschließlich negative, unheilsschwangere Bedeutung. Wer in einer Krise steckt, schwebt in Gefahr, hat einen schweren Misserfolg oder eine ernste Krankheit erlitten, und das womöglich aus eigener Schuld. Doch Krisen sind keine selbst verschuldete „Lebenspannen“, sondern ein Bestandteil unseres Lebens. Sie sind Sollbruchstellen in unserer Entwicklung, die uns zu der Persönlichkeit heranreifen lassen, als die wir angelegt sind.
Dazu ein Beispiel: Ein Apfelkern verbringt den Winter im Schoß der Erde, wo es zwar feucht und dunkel ist, aber auch sicher. Sobald mit den ersten Frühlingssonnenstrahlen die Wärme zurückkommt, spürt er, dass sich irgendetwas mit ihm verändert, doch ein Impuls drängt ihn, diesem unbekannten Neuen zu widerstehen. Denn dem Streben zur Sonne nachzugeben, bedeutet für ihn den Tod.
Dieser Zwiespalt zwischen dem Wunsch, lieber weiterhin in Sicherheit zu bleiben, und dem Mut, die Samenhaut an einer ganz bestimmten Stelle zu sprengen, ist eine Krise im Sinne einer Sollbruchstelle. Ohne sie wäre Leben überhaupt nicht möglich.
Von jetzt an hat dieser Apfelkern die Möglichkeit zu wachsen, oder auch nicht. Im ersteren Fall wird er im Laufe der Jahre und Jahreszeiten zahllose Wandlungsprozesse durchlaufen, bis er zu einem stattlichen Baum herangewachsen ist, und jede dieser Entwicklungsschritte wird wieder mit einer Krise verbunden sein – bis hin zur letzten Krise, dem scheinbaren Sterben.
So wie der Apfelkern die veränderten klimatischen Bedingungen, brauchen wir unsere Wunden als Wachstumsreize für die Entwicklung unserer Persönlichkeit. Wenn wir sie aus diesem Blickwinkel betrachten, können wir anders an sie heran gehen und uns fragen: „Welche Möglichkeiten zur Entwicklung meiner Persönlichkeit können in diesem Verlust liegen, dieser Enttäuschung, dieser Krankheit?“ Dann würde uns aufgehen, wie wir unsere Verletzungen zu unserem Vorteil nutzen können.
Der erste Schritt zur Heilung besteht also darin, die zerstörerische Sichtweise abzulegen, die uns zum bejammernswerten Opfer macht. Denn die Flucht in die Opferrolle ist nur scheinbar hilfreich. „Womit habe ich das verdient?“ oder „Warum gerade ich?“ sind keine Fragen, die einen Ausweg aus der Krise weisen, sondern Klagerufe, die in die Sackgasse der Hilflosigkeit führen.
Die Lösung besteht darin, trotz unserer beklagenswerten Lage die vom Schicksal gestellte Aufgabe zu meistern und daraus zu lernen. So entsteht eine neue Ehrlichkeit, die der Frage nach dem Sinn eine klärende Antwort gibt und uns innerlich für eine Zukunft empfänglich macht, die das bereit hält, was uns genau entspricht.
In unseren Lebenskrisen offenbart sich das Prinzip des ewigen Stirb und Werde. Wie ein Baum, der im Herbst die Blätter abwirft, um im Frühling neu zu grünen, dürfen wir immer wieder Ballast abwerfen, der unser Wachstum hemmt. Altes will sterben, und Neues will geboren werden.
Wir können die Krise als einen Auftrag begreifen, der uns von der Evolution erteilt wird, mit dem Ziel, uns besser für das Leben zu rüsten. Diese Aufträge haben alle Lebewesen zu erfüllen: eine Blume, die auf kargem Boden in einem unwirtlichen Klima wachsen muss, wird dennoch auf ihrem Platz erblühen. Sie wird ihren Auftrag erfüllen und ihr Wissen um die richtigen Überlebensstrategien als Erbinformation an ihre Nachkommen weitergeben.
Wenn wir unser Leben mit seinen Verwundungen rückblickend in diesem konstruktiven Licht betrachten, offenbart sich darin ein immer wiederkehrendes Prinzip – das ewige Stirb und Werde, ein Muster, dem wir uns nicht entziehen können und das sich überall in der Natur nachweisen lässt. Immer wieder sehen wir uns einer bedrohlichen Lage ausgesetzt, vor der wir uns in Sicherheit bringen müssen; immer wieder werden wir verwundet, um wieder Heilung zu finden.
Doch nur auf diesem Weg reifen wir zu Persönlichkeiten heran. Wie ein Baum, der sich in jedem Herbst von seinen welken Blättern trennt, um im folgenden Frühling neu zu blühen und frische Früchte zu tragen, dürfen wir immer wieder Ballast abwerfen, der unser Wachstum behindert. Das Alte will sterben, und etwas Neues will geboren werden. Wir hemmen unser Vorwärtskommen nur dadurch, dass wir am Alten festhalten.
Unsere ganze Identität baut sich nach diesem Prinzip auf. Das beginnt schon mit der Geburt, einer Krise, auf die wir sofort mit der Taktik antworten: nur ja am Alten festhalten, nur ja nicht aus der mütterlichen Symbiose fallen. Da dies nicht möglich ist, entscheiden wir uns dafür, buchstäblich alles in uns aufzunehmen, was wir kriegen können. So hängen wir als Säuglinge wonnevoll an der Mutterbrust und trinken, als gelte es, uns wieder in den Körper der Mutter einzusaugen.
Nach etwa eineinhalb bis zwei Jahren kommen wir in die Phase der Verarbeitung: wir lernen, bewusst auszuscheiden und im übertragenen Sinne loszulassen. Inzwischen wissen wir auch, dass wir und unsere Mutter zwei verschiedene Wesen sind, und haben schmerzlich erfahren, dass wir im Grunde allein auf der Welt sind.
Dieses immer gleiche Strickmuster wiederholt sich ab jetzt bei jedem neuen Entwicklungsschritt: wir stillen uns zunächst am Neuen, um es anschließend zu verarbeiten und zu einem Teil von uns zu machen. Dieses Prinzip durchzieht alle Lebensbereiche und bestimmt alle kreativen Prozesse: Es gilt für eine Beziehung genauso wie für das Schreiben eines Buches oder den Aufbau eines Unternehmens. Und dabei entstehen jedes Mal wieder Wunden, die Krisen auslösen.
So verbirgt sich in allem, was entsteht, bereits der Keim zu einer Krise. Keiner ist davor gefeit. Keine der menschlichen Entwicklungsphasen läuft ohne Schwierigkeiten ab. Wenn diese Krisen nicht jedes Mal er- und gelöst werden, schleppen wir sie als Altlasten in die nächste Lebensphase mit.
Krisen sind also das ganz Normale. An ihnen können wir wachsen und reifen. Sie konfrontieren uns mit Gefühlen wie Bedrohung, Angst, Verunsicherung, Ohnmacht, Orientierungslosigkeit und Verzweiflung, oder mit einer schier unerträglichen Leere. Diese Erfahrungen werden bei jedem krisenhaften Zustand erlebt. Allerdings bleibt normalerweise ein Rest der eigenen Steuerungsfähigkeit erhalten. Mitunter müssen wir sie aber erst suchen und zurückgewinnen. Das bringt uns einem Neubeginn wieder ein Stückchen näher.
Eine der verblüffendsten Aufgaben, die ich krisengeschüttelten Menschen dann stelle, besteht darin, die Krise vor sich hinzustellen und zu befragen: „Wer bist du?“, „Was willst du mir zeigen?“, „Warum bist du gekommen?“ Diese Fragen geben uns die Möglichkeit, aus der passiven Opferhaltung herauszutreten und eine aktivere Haltung einzunehmen, aufrichtige Antworten vorausgesetzt. Der Anfang dieses Dialogs ist auch der Anfang vom Ende der Krise.
Auch die folgende Heilsame Übung hilft, für Ordnung zu sorgen, die Verhältnisse zu klären und so die verloren geglaubte eigene Steuerungsfähigkeit zurückzugewinnen. Notieren Sie auf einem Blatt Papier, was Ihnen spontan zu Ihrer Krise einfällt, z. B. Wörter wie „Mutlosigkeit“, „Trauer“ oder „Wut“. Versuchen Sie erst danach, eine Gewichtung vorzunehmen. Zeichnen Sie dafür drei konzentrische Kreise. In den äußeren schreiben Sie das, was Ihnen am wenigsten wichtig scheint, z. B. „Enttäuschung“. In den mittleren Kreis kommt alles, was Ihr Lebensgefühl direkt bedroht, etwa „Verlorenheit in der Welt“, „Ausgeliefertsein“ oder Ähnliches. Im innersten Kreis wird das stehen, was Sie als schrecklichste Botschaft hinter der aktuellen Krise sehen, z. B. „Existenzangst“ oder „nicht mehr gebraucht werden“.
Fragen Sie sich jetzt, was Sie tun wollen. Schreiben Sie dann die praktischen Schritte auf, die Sie in dieser Richtung unternehmen müssen. Das macht es Ihnen einfacher, in der Realität anzukommen. Mit Träumen und Hoffen allein hat noch keiner eine Krise überwunden, nur mit Taten, und seien sie noch so schlicht wie die, sich Notizen zu machen.
Ein entlassener Informatiker wagte auf diese Weise die ersten Schritte in die Selbstständigkeit. Sein Fazit aus dem Dialog mit der Krise lautete: „Jetzt kann ich wenigstens einmal das probieren, was ich schon immer machen wollte, auch wenn ich weniger Geld verdiene. Dann soll es wenigstens Spaß machen.“ Innerhalb weniger Tage tauschte er so mit Unterstützung der zuständigen Ämter seine unfreiwillige Arbeitslosigkeit gegen seinen Traumberuf ein: Er fing an, für Motorradzeitschriften zu schreiben.
Er reagierte auf die Krise nicht mit permanenter Resignation, sondern mit Kreativität und Aktivität. Jetzt richteten sich seine Sorgen auf weitere konkrete Fragen: wie künftig an Aufträge heranzukommen war, über welche Themen er schreiben sollte, usf. So hatte er sich in einer fast ausweglosen Lage selbst eine Aufgabe gestellt, die ihn ausfüllte und ihm Freude machte: Er war ein Krisen-Regisseur geworden.
Das Überwinden einer Krise ist deswegen so lohnend, weil sie uns mit beiden Seelenpolen in Kontakt gebracht hat: mit der Nähe zum Versagen, zum Untergang, zum Schmerz, zur Verzweiflung, zum Tod – aber auch mit unserer inneren Stärke und Macht. Wir wissen jetzt, welche Fähigkeiten in uns stecken und welche Kräfte wir mobilisieren können. Die Krise hat uns an unsere Grenzen geführt – und darüber hinaus – und uns gelehrt, mit der damit verbundenen Angst umzugehen. Dadurch sind wir für unser neues Leben gereift.
Im Rückblick auf diese Erfahrung wird sich Vieles relativieren. Gesundheit, Freude und Frieden bekommen einen ganz neuen Stellenwert, den wir nun, nachdem wir wissen, wie zerbrechlich diese Güter sind, nicht mehr so schnell aufs Spiel setzen wollen. Deshalb werden wir ihnen Priorität vor dem blinden Streben nach Karriere, Geld und Anerkennung einräumen.
Nach schweren Lebensphasen können wir auch unser Selbstbild korrigieren und einen neuen, tieferen Selbstwert finden. In der höchsten Not erwarteten wir von unseren Mitmenschen uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Hilfe, so als stünden wir im Zentrum des Weltgeschehens. Stattdessen drehte die Welt sich einfach weiter, ohne sich um uns zu kümmern. Diese Erfahrung tut weh, gibt uns aber auch die Chance, in eine neue Form der Geborgenheit einzutreten. Auf uns selbst gestellt, entwickeln wir innere Standfestigkeit; wir brauchen dann nicht mehr außen nach Halt zu suchen, sondern finden ihn in uns selbst, in unserer eigenen Mitte.
In seiner Mitte ist, wer sein richtiges Maß zwischen Altem und Neuen, Erhalten und Erschaffen gefunden hat. Bei jedem Menschen sind die Prioritäten anders gesetzt. Für jeden wird es aber darum gehen, das ihm Wesensgemäße zu finden und sein Leben danach auszurichten, so dass er dieses Wesentliche in allen wichtigen Lebensbereichen wiederfindet: in der Familie, im Beruf, in der Freizeit und so weiter. Wenn ihm das glückt, dann lebt er seinem Wesen gemäß – er ist wieder wesen-t-lich geworden.
Dieses Glück ist kein Ziel, das man sich einmal erarbeitet und dann für immer sicher hat. Es will stets aufs Neue angestrebt sein, denn nichts bleibt im Leben so, wie es ist. Aber dieses Glück ist möglich. So gesehen gewinnen unsere Krisen eine neue Bedeutung: Die Wunden, die uns in sie hinein führen, wecken in uns auch die Ahnung, wie es sein kann, in der eigenen inneren Ordnung aufgehoben zu sein. Denn jeder Schmerz trägt bereits den Keim zur Genesung in sich, und damit das Versprechen auf Heilung.