„Ihr könnt nicht über mich bestimmen“, sagte die siebenjährige Kirsten plötzlich zu ihren irritierten Eltern, wann immer diese ihre Kooperation einforderten. Der neunjährige Sean, der ebenfalls immer aufsässiger wurde, hängte ein großes Schild an seine Tür: „Zutritt verboten“.
Diese Art von Gegenwillen ist ein instinktiver, automatischer Widerstand gegen jeden gefühlten Zwang. Er wird ausgelöst, wenn wir uns kontrolliert oder unter Druck gesetzt fühlen, jemand anderem zu gehorchen. Er hat seinen dramatischsten Auftritt im zweiten Lebensjahr, der „Trotzphase“. (Könnten sich Zweijährige solche Bezeichnungen überlegen, so würden sie vielleicht von der „Tyrannenphase“ ihrer Eltern sprechen.) Der Gegenwille kommt dann wieder kraftvoll während der Adoleszenz zum Vorschein, aber er kann in jedem Alter aktiviert werden – auch viele Erwachsene erfahren ihn.
Der scharfsinnige österreichische Psychologe Otto Rank bemerkte bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dass der Umgang mit dem Gegenwillen für Eltern die größte Herausforderung überhaupt darstellt.
Niemand wird gerne herumkommandiert, auch Kinder nicht – oder besser gesagt, besonders Kinder nicht. Obwohl uns diese instinktive Reaktion bei uns selbst weitgehend bewusst ist, übersehen wir sie im Umgang mit unseren Kindern irgendwie.
Im Idealfall erfährt das Kind den Gegenwillen als gesunden Unabhängigkeitsdrang. Es wehrt Hilfe ab, um seinen eigenen Weg zu finden.
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