Der Buddha lehrte, dass es drei Grundcharakteristika der menschlichen Existenz gibt: Vergänglichkeit, Ich-losigkeit und Leiden oder Ungenügen. Nach Aussage Buddhas ist das Leben aller Wesen durch diese drei Eigenschaften gekennzeichnet. Wenn wir diese Eigenschaften in unserer eigenen Erfahrung als wirklich und wahr erfahren, dann hilft uns das, mit den Dingen, wie sie sind, im Reinen zu sein.
Als ich diese Lehre zum erstenmal hörte, erschien sie mir akademisch und abgehoben. Doch nachdem ich ermutigt worden war, näher hinzusehen – auf das neugierig zu sein, was in meinem Körper und meinem Geist vor sich geht –, schlug etwas um. Ich konnte aus eigener Erfahrung bestätigen, dass nichts statisch ist. Meine Stimmung verändert sich ständig, so wie das Wetter. Und ich habe unbestreitbar keine Kontrolle darüber, welche Gedanken oder Gefühle entstehen, noch kann ich ihren Fluss aufhalten. Auf Stille folgt Bewegung, und Bewegung fließt zurück in die Stille. Und wenn ich darauf achte, merke ich, dass selbst der hartnäckigste körperliche Schmerz kommt und geht wie Ebbe und Flut.
Dass nichts statisch oder fest ist, dass alles fließend und vergänglich ist, ist das erste Kennzeichen der Existenz. Das ist der ganz gewöhnliche Stand der Dinge. Alles ist im Fluss. Alles – jeder Baum, jeder Grashalm, alle Tiere, Insekten, Menschen, Gebäude, Belebtes und Unbelebtes – befindet sich in ständigem Wandel, von Augenblick zu Augenblick. Wir brauchen keine Mystiker oder Physiker zu sein, um das zu wissen. Und doch sträuben wir uns auf der Ebene unserer persönlichen Erfahrung, diese grundlegende Tatsache anzuerkennen. Das heißt nämlich, dass es nicht nur Gewinn, sondern auch Verlust gibt – und das mögen wir gar nicht.
Wir wissen, dass alles vergänglich ist; wir wissen, dass alles sich abnutzt. Auch wenn wir dieser Wahrheit intellektuell zustimmen mögen, haben wir doch emotional eine tief verwurzelte Abneigung dagegen. Wir wollen Dauer; wir erwarten Dauer. Unsere natürliche Tendenz ist, Sicherheit zu suchen; und wir glauben daran, dass wir sie finden können.
„Wir leiden aufgrund von drei tragischen Missverständnissen: wir halten für dauerhaft, was sich ständig wandelt; wir halten die Offenheit unseres Seins für ein solides Ich, und wir suchen immer an den falschen Stellen nach Glück.“
Auf der Ebene des Alltags erfahren wir Vergänglichkeit als Frustration. Wir benutzen unsere alltäglichen Aktivitäten als Schutzschild gegen die grundlegende Ungewissheit unserer Situation und verwenden unglaubliche Energie auf den Versuch, Vergänglichkeit und den Tod abzuwenden. Wir mögen es nicht, dass die Form unseres Körpers sich verändert. Es gefällt uns nicht, dass wir altern. Wir fürchten uns vor Falten und schlaffer Haut. Wir benutzen Nahrungsergänzungsmittel, als glaubten wir tatsächlich, dass gerade unsere Haut, unser Haar, unsere Augen und Zähne auf wundersame Weise der Wahrheit der Vergänglichkeit entgehen könnten.
Die buddhistischen Lehren zielen darauf ab, uns von dieser beschränkten Sicht der Dinge zu befreien. Sie ermutigen uns, uns allmählich und aus ganzem Herzen mit der gewöhnlichen und offenkundigen Wahrheit des Wandels anzufreunden. Diese Wahrheit anzuerkennen bedeutet nicht, dass wir schwarz sehen müssen. Es bedeutet nur, dass wir eines zu verstehen beginnen: Wir sind nicht die ein-
zigen, denen es nicht gelingt, alles so zu regeln, wie wir es uns wünschen. Wir glauben einfach nicht mehr daran, dass es irgendwo Menschen geben könnte, denen es gelingt, der Ungesichertheit zu entgehen.
Das zweite Kennzeichen der Existenz ist die Ichlosigkeit. Als menschliche Wesen sind wir so vergänglich wie alles andere auch. Jede Zelle in unserem Körper ist in ständigem Wandel. Gedanken und Emotionen steigen unablässig auf und vergehen wieder. Wenn wir glauben, Bescheid zu wissen oder ein hoffnungsloser Fall zu sein – worauf gründen wir diesen Glauben? Auf diesen flüchtigen Augenblick? Auf den Erfolg oder Misserfolg von gestern? Wir halten an einer fixen Idee fest von dem, was wir sind, und diese Vorstellung lähmt uns.
Unser Problem besteht darin, dass wir uns so fürchterlich ernst nehmen, dass wir in unserer eigenen Vorstellung so absurd wichtig sind. Wir glauben, das Recht zu haben, uns über alles und jeden aufzuregen. Wir halten es für gerechtfertigt, uns selbst schlecht zu machen oder zu meinen, wir seien klüger als andere Menschen. Damit, dass wir uns eine solche Wichtigkeit beimessen, schaden wir uns selbst – es beschränkt uns auf die enge Welt unserer persönlichen Vorlieben und Abneigungen. Das führt dann dazu, dass wir uns über uns selbst und die Welt zu Tode langweilen. Am Schluss sind wir niemals zufrieden.
Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder, wir stellen unsere Überzeugungen in Frage – oder wir tun es nicht. Entweder wir akzeptieren unsere festgelegten Versionen der Wirklichkeit – oder wir fangen an, sie zu hinterfragen. Nach der Ansicht Buddhas ist der beste Gebrauch, den wir von unserem menschlichen Leben machen können, der, uns darin zu schulen, offen und neugierig zu bleiben, unsere Annahmen und Überzeugungen aufzulösen.
Wenn wir uns darin schulen, Bodhichitta zu erwecken (vgl. Kasten), dann vergrößern wir die Flexibilität unseres Geistes. Um es einmal ganz einfach zu sagen: Ichlosigkeit ist eine flexible Identität. Sie manifestiert sich als Forschungsdrang, als Anpassungsfähigkeit, als Humor, als eine spielerische Einstellung. Wir sind tatsächlich fähig, uns mit der Tatsache anzufreunden, dass wir nichts wissen, dass wir nicht alles in unserem Sinne regeln können, dass wir einfach nicht sicher sein können, wer wir wirklich sind – und wer all die anderen sind.
Womit wollen wir dieses kurze Leben verbringen? Sollen wir unsere hoch entwickelte Fähigkeit, gegen die Ungesichertheit anzukämpfen, noch weiter stärken, oder sollen wir uns im Loslassen üben? Sollen wir stur am „Ich bin so, und du bist so“ festhalten? Oder wollen wir über diesen kleinen Geist hinausgehen?
Der Buddha war so großzügig, uns eine Alternative aufzuzeigen. Wir sind nicht in der Identität von Erfolg oder Misserfolg gefangen oder in irgendeiner anderen Identität – unabhängig davon, wie andere uns sehen oder wie wir selbst uns sehen. Jeder Augenblick ist einzigartig, unbekannt, völlig frisch. Für einen Menschen, der sich darin schult, ein Krieger zu werden (vgl. Kasten), ist die Ichlosigkeit Anlass zur Freude und nicht zur Furcht.
Das dritte Kennzeichen der Existenz ist Leiden, Unbefriedigtsein. Wie Suzuki Roshi einmal gesagt hat, kommen wir nur dadurch zu wahrer Stärke, dass wir im Verlauf einer ununterbrochenen Kette von angenehmen und unangenehmen Erfahrungen unbeirrt bei unserer Übung bleiben (vgl. Kasten „BeispielÜbung“). Wir schaffen die Ursachen und Umstände für unser Glück dadurch, dass wir akzeptieren, dass Schmerz zum Leben gehört, und unser Leben auf dieses Verständnis aufbauen.
Um es ganz kurz zu sagen: Wir leiden, wenn wir uns gegen die edle und unwiderlegbare Wahrheit von Vergänglichkeit und Tod sträuben. Wir leiden nicht, weil wir im Grunde sündig sind und Strafe verdienen, sondern aufgrund von drei tragischen Missverständnissen.
Zuerst einmal erwarten wir, dass das ständig in Veränderung Befindliche greifbar und vorhersehbar sein sollte. Wir sind mit einem Verlangen nach Lösungen und nach Sicherheit geboren, das unser Denken, unsere Rede und unser Handeln beherrscht. Wir sind wie Menschen in einem auseinanderfallenden Boot, die sich am Wasser festhalten wollen. Das dynamische, energische und natürliche Fließen des Universums ist für den konventionellen Geist nicht akzeptabel. Unsere Vorurteile und unser Anhaften sind Muster, die aus der Furcht vor einer fließenden Welt entstehen. Weil wir das für dauerhaft halten, was sich ständig wandelt, leiden wir.
Zweitens verhalten wir uns, als seien wir von allem anderen getrennt, als hätten wir eine feste Identität – wo unsere wahre Situation doch ichlos ist. Wir insistieren darauf, Jemand zu sein ... mit großem „J“. Wir gewinnen Sicherheit daraus, dass wir uns als wertlos oder wertvoll, überlegen oder unterlegen definieren. Wir vergeuden wertvolle Zeit damit, uns selbst aufzublasen oder romantisch zu überhöhen oder uns schlecht zu machen, mit der selbstzufriedenen Sicherheit, dass wir genau so sind. Wir halten die Offenheit unseres Seins – das jedem Augenblick innewohnende Wunder und Überraschungsmoment – für ein solides, unbestreitbares Ich oder Selbst. Aufgrund dieses Missverständnisses leiden wir.
Drittens suchen wir immer an den falschen Stellen nach Glück. Der Buddha nannte diese Gewohnheit „Leiden fälschlich für Glück halten“ – wie eine Motte, die in die Flamme fliegt. Wie wir wissen, sind Motten nicht die einzigen, die sich selbst zerstören, um eine kurzfristige Befriedigung zu finden. Was unsere Suche nach Glück angeht, sind wir wie der Alkoholiker, der trinkt, um der Depression Einhalt zu gebieten, die doch mit jedem Glas schlimmer wird, oder wie der Junkie, der sich einen Schuss setzt, um Linderung jenes Leidens zu finden, das mit jedem Schuss noch zunimmt.
So fällt es uns zunehmend schwerer, auch nur einmal bei einer flüchtigen Empfindung des Unwohlseins zu verweilen. Wir gewöhnen uns daran, sofort nach etwas zu greifen, das der Situation den Stachel nehmen kann. Was als kleiner Umschwung der Energie beginnt – ein kaum merkliches Zusammenziehen unseres Magens, ein vages, undefinierbares Gefühl, dass irgend etwas Unangenehmes passieren könnte –, schaukelt sich zu einer Sucht hoch. Auf diese Weise versuchen wir, das Leben vorhersehbar zu machen. Weil wir etwas, das immer nur zu Leiden führt, fälschlich für etwas halten, das uns Glück bescheren wird, bleiben wir in Gewohnheitsmustern der Eskalation unseres Unbefriedigtseins stecken. Im Buddhismus wird dieser Teufelskreis Samsara genannt.
Die Lehre über die drei Kennzeichen der Existenz kann uns motivieren, nicht länger gegen die Natur der Wirklichkeit anzukämpfen. Wir können damit aufhören, uns selbst und anderen dadurch zu schaden, dass wir ständig dem Wechsel von Freude und Schmerz entfliehen wollen. Wir können uns entspannen und einfach in jedem Augenblick unseres Lebens voll gegenwärtig sein.