Wie viele gesellig lebende Säugetiere und Vögel kommen auch Menschenkinder mit einem ausgeprägten Bindungsinstinkt zur Welt: Sie suchen jemanden, von dem sie lernen können, wie das Leben auf diesem Planeten funktioniert. In zunächst völliger Abhängigkeit als Säugling und Tragling erweckt das kleine Menschlein mit seinem Lächeln, seinem anschmiegenden Vertrauen und dem großäugigen Blick auch unseren Bindungsinstinkt: Wir erhöhen unsere Stimmlage, reißen ebenfalls die Augen auf, heben und senken nickend den Kopf („Ja, wo ist er denn?!“) und halten dem Kind den Finger hin. Der Säugling bindet sich an uns, indem er z. B. unseren Finger fest umklammert oder später als Antwort auf unsere ausgebreiteten Arme ebenfalls die Ärmchen ausstreckt, um sich aufheben zu lassen.
All dies sind instinktive Verhaltensweisen, die seit Hunderttausenden von Jahren das Überleben sichern: Im steinzeitlichen Normalfall bindet sich das Kind an Mutter, Vater, ältere Geschwister und Verwandte. Wenn diese abhanden kommen, überträgt es den Bindungsinstinkt woandershin – so wie das frisch geschlüpfte Entenküken, wenn die Mutter fehlt, vertrauensvoll der Bäuerin, dem Hofhund oder einem Spielzeugauto nachläuft. Es fühlt sich in Gegenwart seines Bindungsobjektes beruhigt und sicher, auch wenn es auf diese Weise weder schwimmen noch fliegen lernt.
Auch Menschenkinder unterscheiden nicht, ob das Objekt, auf das sie ihren Bindungsinstinkt richten, überhaupt in der Lage und geeignet ist, für ihre gedeihliche Entwicklung zu sorgen. Dieser Umstand war in den letzten Jahrhunderttausenden lediglich eine Unschärfe, die es ermöglichte, dass Kinder sich notfalls auch in völlig fremder Umgebung wieder einleben und an völlig anderen Personen orientieren konnten. Doch in den letzten fünfzig bis sechzig Jahren haben sich die Lebensabläufe in den Industrieländern so rapide geändert, dass der uralte Bindungsinstinkt immer häufiger fatale Folgen hat.
Natürlich binden sich auch heute Kinder normalerweise an die Erwachsenen, die sie versorgen. Doch in Kita und Schule ist es derzeit meist dem Zufall überlassen, ob ein Kind zu dem betreuenden Erwachsenen eine Bindung aufbaut.
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