Archäologie: GEHEIMNISVOLLES TEOTIHUACÁN

Oktober 2008

Die Stadt war so groß wie das antike Rom. Sie hatte mindestens 125.000, vielleicht sogar 200.000 Einwohner. Aber wir kennen noch nicht einmal ihren richtigen Namen. Die Azteken, die diesen Ort bei ihrer Ankunft in der Mitte Mexikos im 13. Jahrhundert menschenleer vorfanden, woben um ihn nur ihre eigenen Legenden. Sie glaubten, dass sich hier die Götter in epochalen Zyklen trafen, um dem Kosmos neue Kräfte zu verleihen. So schufen die Azteken die Bezeichnung „Teotihuacán“ – und das bedeutete in ihrer Sprache: „Wo Menschen Götter wurden“.

Die Straßen und die 2.000 Wohnkomplexe, die das Stadtbild in der Blütezeit prägten, waren wie mit dem Lineal gezogen. Sie waren schachbrettartig und symmetrisch geplant, mit geradezu militärischer Präzision gebaut, die Wände mit Stuck verkleidet und mit Fresken verziert. In den Überresten dieser Gebäude haben die Forscher jedoch keine einzige Spur eines Palasts gefunden, kein Bild und keine Statue einer Herrscherfigur, die Aufschluss geben könnte über das Regierungssystem. War Teotihuacán, wie manche Forscher spekulieren, die erste Republik auf dem amerikanischen Kontinent? Geheimnisumwittert ist die Sonnenpyramide, mit 226m Seitenlänge und 68m Höhe die drittgrößte heute bekannte Pyramide der Welt. Erstaunlich auch: die Entfernungen zwischen markanten Orten der Stadt entsprechen in den Maßeinheiten bestimmten astronomischen Größen wie z.B. dem Umlaufjahr der Venus.

„Offenbar wurde diese Stadt so angelegt, dass sie bestimmte Dimensionen von Raum und Zeit symbolisierte“, resümiert der japanische Archäologe Saburo Sugiyama seine jahrelangen Forschungen in Teotihuacán. Die Stadt sei als Zentrum des Kosmos konzipiert worden. Das „außergewöhnliche Kosmogramm“ habe „gesellschaftliche Macht“ demonstriert und sei „von Staats wegen für politische Zwecke genutzt worden“.

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