Die Königin Sitar

Die Königin Sitar

Wenn Anoushka Shankar in die Saiten ihrer Sitar greift, ist Sting so hin und weg, dass er sie gleich ins Studio einlädt. Die Tochter von Ravi Shankar ging beim Papa in die Lehre und tritt in punkto Virtuosität in seine Fußstapfen. Auf ihrer neuen CD “Rise” schlägt die 24-Jährige nach drei klassischen Alben eine Brücke zwischen Tradition und Moderne. Mit VISIONEN sprach Anoushka über ihre musikalischen Wurzeln, wie es ist, einen Meister als Vater zu haben, und darüber, was für sie die Faszination der Sitar ausmacht.

Ihre ersten CDs waren mehr traditionell klassisch ausgelegt. Die neue Platte hingegen bietet eine Mixtur aus verschiedensten Elementen. Was hat Sie dazu inspiriert?

interessanterweise war es keine bewusste entscheidung, die stile so zu mischen. aber es war die erste platte, die ich selbst als komponistin zusammenstellen konnte. auf den ersten beiden veröffentlichungen spiele ich die musik meines vaters. vielleicht habe ich hier und da etwas improvisiert, aber im grunde sind es seine kompositionen. bei rise wollte ich deshalb ganz anders vorgehen, wollte kreativ sein und selbst komponieren. das war eine große herausforderung. was nun die verschiedenen stile anbelangt, war es so, dass ich einfach herausfinden wollte, was dabei herauskommt, wenn ich mich nicht auf bestimmte dinge beschränken muss. das gab mir die freiheit, das zu kreieren, was mir durch den kopf ging und was mich im leben inspiriert.

Die Wurzeln der indischen Musik sind religiös. Spielt Spiritualität in Ihrem Leben eine Rolle?

Ja. Allerdings mag ich es nicht so gern, wenn die Musik zu klischeebehaftet ist. Häufig ist es nämlich so, dass man – konzentriert man sich zu sehr auf den spirituellen Aspekt – die Magie der Musik völlig aus den Augen verliert. Indische Musik macht nämlich auch Spaß, und sie hat eine ganz bestimmte Schönheit. Anders ausgedrückt, man muss nicht spirituell interessiert sein, um diese Musik zu mögen und zu genießen. Andererseits transportiert sie natürlich dieses religiöse Erbe, das so alt ist wie die Musik selbst. Kein Zweifel, sie ist sehr meditativ und spirituell. Das wiederum ist ein Aspekt, warum ich sie so sehr liebe. Es gibt mir eine tiefe Zufriedenheit, sie zu spielen und ihr zu lauschen. Ganz nebenbei hat mir gerade die Musik sehr viel darüber beigebracht, was Spiritualität im Leben bedeutet.

Sie sind in den USA aufgewachsen, haben in London gelebt und sind schließlich nach Indien gezogen. Von der spirituellen Seite aus betrachtet, macht es einen Unterscheid für Sie, wenn Sie in westlichen Ländern leben oder in Indien?

(überlegt einen Moment) Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Mein Leben ist so eine wilde Mixtur. Als ich von den Vereinigten Staaten zurück nach Indien kam, ging ich bei meinem Vater in die Lehre, und wir arbeiteten jeden Tag zusammen. Dabei ging alles sehr diszipliniert zu. Andererseits bin ich gerade in Indien viel abends ausgegangen und habe das Nachtleben sehr genossen. In Indien liegen definitiv meine Wurzeln, kulturell, spirituell und natürlich auch in Bezug auf meine Musik. Aber das Schöne daran ist, dass ich dieses Wissen um meine Wurzeln im Herzen trage und deshalb nicht zwangsläufig in Indien sein muss, um das zu fühlen.

Sie haben schon im frühen Alter von 13 professionell Musik gemacht. War es eine natürliche Entwicklung oder mehr aus der Tatsache heraus, dass Sie Teil einer Künstlerfamilie sind?

Beides wahrscheinlich. Ich bin da irgendwie rein gewachsen. Mein erster Auftritt war auf einem Geburtstagskonzert für meinen Vater als er 75 wurde. Es war toll für mich, dabei sein zu können. Ich war also Teil von dieser einen Show und wollte mehr davon. Die Leute fragten nach mir, und ich begann weitere Konzerte mit meinem Vater zu geben. Ich fürchte, ich habe erst im Nachhinein wirklich realisiert, was da passierte (lacht).

Für mich war es immer wichtig, dass weder meine Mutter noch mein Vater mich drängten, Musik zu machen. Ganz gleich, wie sehr sie beide ihre Arbeit lieben, sie wollten, dass ich glücklich bin und das, was ich mache, auch gern tue. Deshalb gaben sie mir alle Unterstützung, die nötig war, um mir die Möglichkeit zu geben, selbst herauszufinden, was ich gerne machen wollte.

Sitar ist ja nun kein Instrument, was einfach zu erlernen ist…

Nein, ganz bestimmt nicht (lacht).

… besonders nicht für ein kleines Mädchen. Was macht die Sitar zu Ihrem Instrument, was fasziniert Sie daran?

Wahrscheinlich hätte ich mich nie dafür interessiert, wenn mein Vater nicht Sitar gespielt hätte. Aber dieses Instrument war immer um mich herum, ich hörte es, sah es und hatte die Möglichkeit, es für mich zu entdecken. Es ist sehr schwer, es zu lernen, aber es hat so viel Magie. Man fühlt sich reich beschenkt, wenn man Sitar spielen kann, ganz besonders, wenn man noch ein kleines Mädchen ist. Je weiter ich einstieg und je besser ich die kompliziertesten Läufe spielen konnte, desto faszinierter war ich.

Als Saiteninstrument hat die Sitar eine ganz eigene charakteristische Stimme, die sanft und kraftvoll zugleich sein kann. Hinzu kommt der kulturelle Hintergrund. Sie ist ein indisches Instrument, dem ich mit meiner Seele verbunden bin. Ich fürchte, besser kann ich meine Faszination gar nicht ausdrücken, weil die Sitar mir so nahe ist.

Sie werden häufig mit Ihrem Vater verglichen. Ist es ein Segen oder mehr Druck, ständig als die Tochter von Ravi Shankar zu gelten?

Alles hat zwei Seiten. Seine Tochter zu sein hat mich sehr weit gebracht. Er ist ja nicht nur mein Vater, sondern auch mein Lehrer. Das hat mir viele Türen für meine Karriere geöffnet. Ganz abgesehen davon, dass er der beste Sitar-Lehrer weltweit ist, er ist ein Meister auf seinem Instrument. Ich bin sehr privilegiert und glücklich, dass ich von ihm lernen konnte, und zwar von Beginn meiner Beziehung zur indischen Musik an. Andererseits bin ich mir schon bewusst, dass genau dies eine verzwickte Sache sein kann. Denn alle heben auf die Verbindung zwischen uns ab und kritteln daran herum. Tja – ich habe mich nun mal für diesen Weg entschieden. Ich wurde nicht gezwungen, Sitar zu spielen. Es war meine alleinige bewusste Entscheidung. Ich habe sie nie bereut, denn ich liebe was ich tue.

Jeder spricht immer nur von Ihrem Vater. Ihre Mutter hatte einen ebenso großen Einfluss in Ihrem Leben.

Absolut. Ihre Rolle in meinem Leben ist tatsächlich viel aktiver als die meines Vaters. Schließlich hat sie mich großgezogen. Sie hat mir viel beigebracht, und als ich anfing, Musik zu machen, hat sie mich immer unterstützt und bestärkt. Gerade als die ganze Geschichte ins Rollen kam und sich Plattenfirmen für mich interessierten, übernahm sie die Gespräche, suchte nach dem passenden Manager usw., weil ich einfach noch zu jung war.

Ravi Shankar hat den Traum eines Kunst- und Kulturzentrums in Indien verwirklichen können. Was ist die Idee dahinter?

Wir haben es vor rund fünf Jahren in Neu Delhi eröffnet. Anfangs gestaltete sich die Arbeit sehr schwierig, weil wir beide ständig auf Tournee waren. Aber mit der Zeit wird es einfacher. Wir fördern dort junge indische Künstler in verschiedensten traditionellen Richtungen, geben Konzerte, vermitteln Hintergrundwissen. Wir bieten Workshops und Seminare an. Mein Vater hält Masterkurse ab, und wir bilden junge Studenten aus, die später für uns unterrichten. Außerdem haben wir ein großes Archiv. Dort findet man alles, was mit indischer Musik zu tun hat, ebenso wie die alten Aufnahmen meines Vaters. Ich hoffe, dass wir demnächst auch die Aufnahmen anderer Künstler archivieren können.

Ihr Vater hat Sie damals als einzige Schülerin unterrichtet. Könnten Sie sich vorstellen, selbst Studenten auszubilden?

Ja klar, auch wenn ich zugeben muss, dass ich manchmal schon die Hosen voll hab’, wenn ich nur dran denke (lacht). Ich habe schon mal eine Klasse für Design übernommen. Aber wenn es um die Musik geht, dann reden wir hier von einem sehr intensiven, tief gehenden Training, und das ist schon etwas ganz anderes. Wenn ich daran denke, wie mein Vater mich unterrichtet hat und wie viel Disziplin dafür nötig war, dann wird mir klar, wie schwer dieser Schritt sein wird. Schließlich trägt man als Lehrer eine große Verantwortung. Besonders, wenn sich ein Student tatsächlich dazu durchgerungen hat, diesen Weg zu gehen.

Ihr Vater hat Sie damals als einzige Schülerin unterrichtet. Könnten Sie sich vorstellen, selbst Studenten auszubilden? Ja klar, auch wenn ich zugeben muss, dass ich manchmal schon die Hosen voll hab’, wenn ich nur dran denke (lacht). Ich habe schon mal eine Klasse für Design übernommen. Aber wenn es um die Musik geht, dann reden wir hier von einem sehr intensiven, tief gehenden Training, und das ist schon etwas ganz anderes. Wenn ich daran denke, wie mein Vater mich unterrichtet hat und wie viel Disziplin dafür nötig war, dann wird mir klar, wie schwer dieser Schritt sein wird. Schließlich trägt man als Lehrer eine große Verantwortung. Besonders, wenn sich ein Student tatsächlich dazu durchgerungen hat, diesen Weg zu gehen.

Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Das Interview führte Claudia Hötzendorfer

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