EIN HAUS VOLLER ERINNERUNGEN

EIN HAUS VOLLER ERINNERUNGEN

In ihrem viel beachteten Debütroman “Das Kairohaus” verwebt Samira Serageldin ihre Familiengeschichte mit dem außergewöhnlichen Schicksal einer jungen Frau, die wie Samira die Kulturen Ägyptens, Saudi Arabiens, Westeuropas und der Vereinigten Staaten kennen lernt. In ihrem Buch gibt Samira Serageldin auch erstmals einen Einblick in das Trauma einer Gesellschaft, die sich einst als privilegiert empfand und durch die politischen Umwälzungen in Ägypten fast alles verlor. Nur eins ist bis heute im Familienbesitz: Das Kairohaus.

Samira, warum haben Sie anstelle einer Autobiografie die Romanform gewählt?

Ehrlich gesagt, jeder hat mich gedrängt, eine Autobiografie zu schreiben. Aber ich hätte mich zu eingeengt gefühlt. Denn ich wollte niemanden in meiner Familie verletzen, und ich musste auch sehr sensibel mit meinen politischen Äußerungen umgehen. Das Buch ist noch nicht ins Arabische übersetzt worden. Und obwohl meine Familie weiß, dass es sich um einen Roman handelt, erkennt sie sich doch darin wieder. Meine Mutter war beispielsweise sehr entsetzt, als sie las, wie viel ich als kleines Mädchen von den Ereignissen um meine Familie mitbekommen hatte.

Aber die Geschichte dieser Zeit ist einfach noch nicht erzählt worden, vor allem nicht aus der Perspektive der oberen muslimischen Gesellschaftsschicht Ägyptens, die sich sehr von dem unterscheidet, was sich die Menschen im Westen darunter so vorstellen. Mir ist bewusst, dass meine Sicht auf die Ereignisse sehr persönlich und durchaus kontrovers ist.

Ihr Buch umfasst eine ganze Dekade der ägyptischen Geschichte.

Ja – ich habe einen Rückblick eingebaut, in dem ich über die Generation meiner Eltern schrieb. Die eigentliche Geschichte fängt 1961 an. In einer Zeit, an die ich mich selbst noch gut erinnern kann, ich war damals acht oder neun Jahre alt. Die Revolution war zwar erst 1962, aber ein Jahr davor kamen mein Vater und mein Onkel in politische Gefangenschaft, und unser Besitz wurde konfisziert.

War es mehr die strenge Familientradition, die einzelne Personen zu ihrem Handeln zwang, oder war es die Religion?

Ich glaube, es war mehr die Tradition und das Kastensystem. Allerdings lassen sich diese beiden Bereiche auch nicht so leicht auseinander dividieren. Die ägyptische Gesellschaft, besonders zur damaligen Zeit, war und ist bis heute sehr konservativ, vielleicht nicht mehr so säkularisiert. Es war immer eine sensible Gratwanderung zwischen dem westlichen Lebensstil und den Regeln, die einfach nicht gebrochen werden durften. Beispielsweise kam eine Heirat mit jemandem, der nicht der gleichen Schicht angehörte, nicht infrage. Außerdem mussten feste Regeln bei der Wahl des Ehepartners eingehalten werden. Dabei spielten die Wünsche der Eltern eine sehr wichtige Rolle. Ich denke, die Mädchen heute sind etwas freier in ihrer Wahl, als es meine Generation war.

Ihre Familie legte den Glauben nicht so streng aus, wie beispielsweise die Herrscherfamilie Saudi Arabiens, die Sie als junge Frau besuchten.

Das ist überhaupt nicht zu vergleichen! Dort wird der Islam sehr streng ausgelegt. Das ist in Ägypten anders. Die ägyptischen Kopten sind fast so konservativ wie die Muslime. Was erst mal nicht so viel mit dem Glauben an sich zu tun hat, sondern vielmehr mit den Traditionen. Es geht vor allem darum, die Erwartungen der Familie, des Clans oder der jeweiligen Gesellschaftsschicht zu erfüllen. Die soziale Stellung ist ungeheuer wichtig. Wenn man sich da nicht anpasst, wird man bald geschnitten. Tabubrüche bedeuten den sofortigen Ausschluss. Man fällt einfach durch das soziale Netz.

Sie leben inzwischen in den USA. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie nach Ägypten reisen?

Ganz ehrlich? Als ich mich hinsetzte, um Das Kairohaus zu schreiben, stellte ich mir die Frage: Wohin gehöre ich eigentlich, nach Amerika oder nach Ägypten? Das Ägypten von heute ist nicht mit dem Land zu vergleichen, in dem ich aufwuchs. Ich glaube, ich bin in beiden Ländern zuhause – und auch wieder nicht.

Das Gespräch führte Claudia Hötzendorfer

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