Die Liebe war schon sehr früh da. Meine Eltern unterstützten verschiedene christliche Institutionen. Auf diese Weise kamen Missionszeitschriften ins Haus. Darin habe ich immer gern gelesen. Meine Vorstellung von Afrika wurde dadurch stark geprägt. Ich stellte mir ein Land vor, das absolut weitläufig war: einsame Gegenden, Urwald, große Flüsse. Irgendwie hatte meine Vorstellung auch immer etwas Geheimnisvolles und Unheimliches. Es reizte mich einfach, das zu ergründen. Ich wollte lange Zeit Missionsschwester im Kongo werden. Diese Liebe und Faszination hat sich auch gehalten, als ich erwachsen wurde. Ich habe alle Berichte in den Zeitungen verschlungen.
Sehr gut sogar. Wenn man zu den Hotels in Kenia will, muss man vom Flughafen aus durch eine sehr arme Gegend der Stadt. Meine Vorstellung von Kenia war plötzlich wie weggeblasen. In mir sträubte sich alles. Vor allem, als ich dann als Kontrast dazu in diese weitläufigen Hotelanlagen kam. Die Diskrepanz zwischen Realität und dem Schein, den die Reiseveranstalter einem vorspiegeln, ist enorm. Es war nicht einfach für mich, mit diesem Gedanken im Kopf dort Urlaub zu machen. Wohler habe ich mich erst gefühlt, als wir auf Safari gingen und das Hinterland bereisten. Diese unberührte Weite Kenias hat mich tief beeindruckt.
Das Gefühl, dass einem über die Werbung ständig suggeriert wird, was man haben muss. Diese Wucht der Werbung hat sich in den letzten Jahren so verstärkt, dass es mich richtig abstößt. Sie ist omnipräsent. Ich empfinde auch, dass bei den Werten eine Verschiebung stattgefunden hat. Ich liebe Deutschland und es ist meine Heimat, aber wie sich das Land entwickelt, ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Mit jedem Besuch bei meiner Familie oder Freunden fällt mir der Wertewandel immer negativer auf.
Die Samburu in der Gegend, in der wir leben sind alle Christen. Missioniert wurden sie von Italienern, die sich dort stark engagieren. Allerdings darf man ihren Glauben nicht mit dem vergleichen, was wir in Europa darunter verstehen. Sie nehmen sich vom Christentum das, was für sie verständlich ist. Beispielsweise ist die Polygamie weit verbreitet, die vom Christentum als Sünde angesehen wird. Ein sehr trauriges Kapitel ist auch die Beschneidung der Frauen. Das kann man nicht mit christlichen Maßstäben rechtfertigen. Die Samburu biegen sich vieles zurecht, wie es gerade passt. Ich habe den Eindruck, diese Menschen sind damit auch überfordert. Man kann nicht einfach nach Afrika kommen und den Stämmen etwas ganz Neues bringen, was mit ihrem Leben erst einmal überhaupt nichts zu tun hat. Man muss da sehr sensibel vorgehen, vor allem sollte man nicht ihre Weltanschauung völlig abtrennen.
Ja. Sie verehren die Natur, aber sie haben keine Götter. Wären die Missionare sensibler gewesen, hätten sie gemerkt, dass der Aufbau dieser Naturreligion Parallelen zum Christentum aufweist. Es gibt bei ihnen einen Schöpfer, den sie Ngai nennen, und dem haben sie zu dienen. Es ist keine Gottheit, von der es Abbildungen gibt. Sie beten keinen Regen- oder Erntegott an. Ngai ist etwas Übergeordnetes. Er lenkt die Geschicke der Samburu und ist auch für alles zuständig. In allen Zeremonien ist er Mittelpunkt. Wenn man mal niedergeschlagen ist, dann heißt es immer, Gott ist da. Mit anderen Worten: Er wird es schon richten. Meiner Meinung nach muss man ihnen bei diesem Glauben nicht noch aus christlicher Sicht etwas drauf setzen. Es hätte gereicht, ihre Vorstellungen zu bestärken.
Direktes Heimweh spüre ich nicht. Wenn es aber lange Zeit sehr trocken war, denke ich schon mal an schöne saftige Wiesen mit Margeriten, und ich sehne mich nach dem Geruch von feuchter Erde oder einem Buchenwald. Ich habe auch schon mal Sehnsucht nach den Kindern (Anmerk.: zwei inzwischen erwachsenen Söhnen). Aber nie so, dass ich darunter leide. Es sind kurze Momente, die durch eine Kleinigkeit ausgelöst werden können. Ich hänge dann meinen Gedanken nach. Aber Heimweh spüre ich nicht.
Oh ja! Dieses Nach-der-Uhr-Leben und Den- Tag-Einteilen spielt dort überhaupt keine Rolle. Ich trage schon sehr lange keine Uhr mehr. Interessanterweise habe ich dadurch ein sehr gutes Zeitgefühl. Ich habe auch gelernt, dass man sich selbst nicht wichtig nehmen soll. Mit den Jahren hat sich eine Gelassenheit eingestellt, die ich nie für möglich gehalten hätte. Sich über Dinge aufzuregen, die sich ohnehin nicht ändern lassen, bringt überhaupt nichts. Man lernt in Kenia, was lebenswichtig ist und was nicht. Es geht dabei mehr um existenzielle Fragen, wie: Was esse ich morgen? Wo kann ich schlafen? Wo bekommen wir Wasser her? Das sind wirkliche Probleme. Das, was hier in Deutschland wichtig zu sein scheint: Brauche ich die Schuhe oder nicht? muss ich noch dieses oder jenes haben, um in zu sein? – das ist so lächerlich wie überflüssig. Ich kann kaum verstehen, wie man sich mit solchen banalen Sorgen belasten kann. Man steht über Stress und Hektik. Ich muss zugeben, dass das ein wunderbares Gefühl ist.
Respekt und Zusammenhalt. Zwar werden nach wie vor die meisten Ehen der Samburu arrangiert, aber egal wie tief die Zuneigung am Ende ist, sie basieren ausnahmslos auf Respekt voreinander. Es ist völlig klar, dass die Höhen und Tiefen, die ein Liebespaar hat, natürlich nicht vorkommen. Aber das würde die Beziehungen auch anfällig machen. Die Samburu überleben, gerade weil sie Respekt voreinander haben. Der Zusammenhalt in Familie und Stamm ist vergleichbar mit Teamwork. Nur das kann sie weiterbringen.
Schön finde ich, dass bei den Samburu auch noch die Großfamilie existiert. Von der Uroma bis zum Baby gehören sie alle zusammen. Dabei wird das Verwandtschaftsverhältnis sehr großzügig ausgelegt. Es bezieht sich nicht nur auf die direkten Verwandten, sondern auch auf Freunde und Pflegekinder. Die Tendenz, wegzugehen und sich selbständig zu machen, ist bei den Samburu nicht ausgeprägt. Sie bleiben zusammen. Das ist ihr
oberstes Ziel. Das schafft Geborgenheit. So etwas wie Altenheime könnten sie nie begreifen. Keiner der Stammesmitglieder würde auf die Idee kommen, die Alten abzuschieben und sich nicht um sie zu kümmern. Die Kinder werden so erzogen, dass sie das Alter ehren. Die Kinder sind auch eine Art Lebensversicherung. Sie ernähren später Eltern und Großeltern. Es gibt eine Regelung, dass das jüngste Kind – gleich ob Junge oder Mädchen – verantwortlich für die Mutter ist, das älteste für den Vater. Aber alle fühlen sich irgendwie angesprochen, der Familie zu helfen. Vor allem den Eltern und Großeltern. Sie ehren die Eltern, weil die ihnen zum Leben verholfen haben.
Das Denken als Familienverband ist sehr ausgeprägt. Am Anfang hat mich das auch etwas verwirrt, weil plötzlich Kinder auftauchten, die von meinem Mann als Vater sprachen. Ich wunderte mich, weil ich dachte, dass er keinen Nachwuchs hat. Bis ich von den Riten erfuhr. Ich finde die Patenschaft eine sehr gute Sache. Die Kehrseite davon ist aus meiner Sicht, dass allen auch alles gehört. Wenn jemand etwas hat, dann ist es völlig normal, dass er es mit der Familie teilt. Eigenbesitz, wie wir ihn definieren, gibt es nicht. Das führt in der Konsequenz dazu, dass es keinen Ehrgeiz in Bezug darauf gibt, einen Job zu suchen und den auch zu behalten. Denn der Druck durch die Familie, alles abgeben zu müssen, wird so stark, dass keiner gern Energie in eine Arbeit investiert.
In diesem Zusammenhang spielen Aberglaube und Hexerei auch noch eine sehr große Rolle. Mit der Angst, womöglich verhext oder verflucht zu werden, kann eine Familie oder ein Stamm großen Druck ausüben. Der, den es trifft, hat dann oft so große Angst, dass er schon das kleinste Missgeschick auf den Fluch zurückführen würde. Wie intensiv so etwas werden kann, habe ich selbst erfahren müssen. Das ist Afrika, und es ist nicht leicht zu verstehen. Ich bin überzeugt, dass auch keine Missionare oder die Entwicklungshilfe diesen Aberglauben völlig verdrängen werden.
Frauen, die man als Hexe bezeichnet, werden oft aus den Dörfern vertrieben. Selbst wenn es Zweifel gäbe, werden sie von dem Gedanken übertüncht, dass doch etwas an dem Gerücht dran sein könnte. Ich sollte diesen Glauben an Kräfte, die nicht zu fassen sind, vielleicht nicht in Bausch und Bogen verwerfen. Es kann doch Dinge geben, von denen wir zwar noch nie erfahren haben, die aber durchaus existent sind. Die Ablehnung, sich damit zu befassen, liegt oft auch in einer Angst vor dem Unbekannten begründet. Man will gar nicht so genau wissen, was zwischen Himmel und Erde passiert.
Ja. Aber ich musste lernen, dass ich nicht mit der Tür ins Haus fallen kann. Ich muss zuerst Vertrauen gewinnen und so viel wie möglich erfahren. Natürlich habe ich mich darüber aufgeregt. Aber damit habe ich nichts erreicht. Es hieß dann: Halt dich da raus, das verstehst du nicht. Oder mir wurde einfach nichts mehr gesagt. Man wird zu einer Beschneidung eingeladen. Das ist ein Fest, zu dem man Geschenke mitbringt. Ich wurde ausgegrenzt. Aber damit konnte ich ja auch nichts ändern. Ich habe inzwischen zwei Lehrer auf meiner Seite, und gemeinsam wollen wir einen kompetenten Arzt finden, der eine Art Seminar veranstaltet. Und zwar sollen zunächst junge Männer angesprochen werden.
Als Frau, vor allem als Europäerin, muss ich mich da raus halten. Ich kann nur hinter den Kulissen die Fäden ziehen. In Gesprächen wollen wir versuchen, den Männern klar zu machen, was mit einer Frau passiert, wenn sie beschnitten wird, und was für Folgen das auch in Bezug auf das Zusammenleben mit einem Mann haben kann. Ich bin mir nicht sicher, ob man die seelischen Qualen in Worte fassen kann, aber wenn wir schon auf die gesundheitlichen Folgen aufmerksam machen können, wäre das ein großer Schritt. Wenn ein Arzt als Respektsperson das vermitteln kann, lässt sich vielleicht auf lange Sicht etwas ändern.
Ich habe lange von einem kleinen Blockhaus und einem richtigen Bett geträumt. Beides habe ich inzwischen. Das habe ich lange vermisst. Eigene vier Wände und eben ein Bett. Das möchte ich von der Sicherheit her nicht mehr missen. Ich hatte verschiedentlich Schlangen im Haus. Sie haben da geschlafen und waren zum Teil auch nachts aktiv. Das kann schon sehr gefährlich werden, weil sie oft giftig sind. Aber irgendwann arrangiert man sich damit – muss man auch, denn wenn man nur in Angst vor den Tieren lebt, hat man in Afrika nichts verloren.
Strom habe ich seltsamerweise noch nie vermisst. Höchstens mal nachts, wenn man irgendwelche Stimmen hört und man nicht mal eben auf einen Schalter drücken kann, um nachzusehen. Man muss immer erst nach der Taschenlampe tasten und dann – o Schreck! ist die Batterie vielleicht nicht mehr die beste. (lacht) Ich lebe gern mit all den wilden Tieren um mich herum. Allerdings wurden die in den letzten Jahren durch die Besiedelung verdrängt. In meiner Anfangszeit in Kenia haben unsere Kühe zusammen mit Zebras, Impalas und Gazellen geweidet. In unserer Nähe leben auch viele Elefanten. Giraffen sieht man nicht so häufig. Dafür gibt es Wasserbüffel und Hyänen in großer Zahl. Es vergeht keine Nacht ohne ihr Geheul.
Ich danke Ihnen für das Gespräch.