Aufrichtig kommunizieren

Aufrichtig kommunizieren

Aus dem Herzen sprechen

„Taten sagen mehr als Worte, doch Gedanken sind sogar noch stärker. Sie teilen sich allein durch Ausstrahlung mit: wenn wir liebevolle Gedanken haben, strahlen wir auch Liebe aus, selbst ohne ein Wort zu sagen. Genauso ist auch jedes Wort, das wir sprechen, mit dem aufgeladen, was wir im Herzen empfinden.“

Gedanken sagen mehr als Worte

Als erstes gilt: Taten sagen mehr als Worte, doch Gedanken sind sogar noch mächtiger. Ihr braucht niemandem zu erklären: „Ich bin eine wunderbar duftende Blume.“ Lasst die Blume ihren Duft verströmen und andere sagen, dass sie duftet. Euer Leben soll beweisen, dass ihr etwas Höheres habt. Man wird euch nach dem beurteilen, was ihr tut und was ihr sagt. Doch eure Gedanken sind sogar noch stärker – sie wirken allein durch ihre Ausstrahlung: wenn ihr liebevolle Gedanken habt, werdet ihr Liebe ausstrahlen.

Dazu gibt es eine Geschichte über den Sikh-Heiligen Guru Nanak. Einmal ruhte er meditierend unter einem Baum. Sein ganzer Körper war personifizierte Liebe, die er durch jede Pore verströmte. Während er so da lag, änderte sich der Stand der Sonne, und der Schatten, der auf seinem Kopf gewesen war, wanderte ebenfalls weiter. Nun fielen die Sonnenstrahlen auf sein Gesicht. Da kam eine Kobra herbei und richtete sich so vor der Sonne auf, dass sein Gesicht wieder im Schatten war. Als der Eigentümer des Landstücks vorüber kam und die Schlange und den ausgestreckten Heiligen sah, dachte er, Guru Nanak sei tot: die Schlange musste ihn gebissen haben. Als er sich ihm näherte, huschte die Schlange davon und er sah, dass Guru Nanak noch lebte. Was sagt uns dieses Beispiel? Die Liebe, die wir in uns haben, strahlt aus unserem Leben aus.

Wir haben einmal bei einer Versammlung in Delhi einen ähnlichen Vorfall erlebt. Es waren etwa zweitausend Leute da; und während ich einen Vortrag hielt, kam eine kleine Kobra und richtete sich auf dem Podium kerzengerade vor mir auf. Die Leute sagten: „Achtung, da kommt eine Kobra!“ Ich erwiderte: „Das macht nichts, lasst euch von ihr nicht stören. Sie kann ruhig kommen und hier bleiben.“ Und sie blieb tatsächlich eine volle Stunde, hörte den Vortrag und schaute mich dabei die ganze Zeit an. Als der Vortrag zu Ende war, schlängelte sie sich davon, und die Leute sagten: „Wir wollen sie unschädlich machen.“ „Warum?“, fragte ich. „Sie hat euch doch nichts getan. Warum wollt ihr sie also töten?“
Wenn ihr für alle Wesen Liebe empfindet, können euch nicht einmal Schlangen etwas anhaben. Es gibt das Sprichwort: „Seid klug wie die Schlangen.“ Schlangen sind sehr klug. Wenn ihr eine Schlange seht und denkt: „Sie ist gefährlich! Ich muss sie töten!“, verbreitet sich dieser Gedanke und sie schützt sich, indem sie euch angreift. Wenn ihr keinen schlechten Gedanken hegt, wird euch auch niemand verletzen. Gedanken sind also noch mächtiger als Worte.

Praktizieren statt predigen

Zweitens müssen eure Worte mit euren Handlungen übereinstimmen. Etwas zu wissen, bedeutet nicht, es auch zu können. Wissen heißt lediglich, in seinem Gehirn und Gedächtnis zu speichern, was in irgendwelchen Schriften geschrieben steht: „Die und die Schriften besagen dies und jenes, der und der Meister sagt dies und das.“ Aber das bringt euch nicht wirklich weiter, wenn ihr nicht danach lebt. Es heißt: „Ein Gramm Praxis ist mehr wert als eine Tonne Theorie.“ Wenn ihr jemanden ermahnt, die Wahrheit zu sagen und es selbst nicht tut; wenn ihr sagt: „Liebt alle, denkt nicht schlecht von anderen“, und euch selbst nicht daran haltet – was nützt es dann, solche Dinge zu wissen? Wir sollten lernen, auch danach zu leben.
Ein Experte ohne Praxis ist nicht besser als ein Esel, das einen Sack Bücher mit sich herumschleppt. Es ist also unendlich viel besser, sein Wissen zu praktizieren, statt es nur zu predigen. Lebt erst danach, dann sprecht darüber. Sonst bleiben eure Worte ohne Wirkung. Nur der Pfeil, der fest ans eigene Herz gezogen wird, trifft auch ins Ziel. Nur die Worte, die aus unserem Herzen kommen, strahlen auf die Herzen anderer aus.

Gedanken strahlen aus

Ein Luftzug, der über ein brennendes Feuer weht, bringt den Leuten, die gegenüber sitzen, einen Hauch warme Luft. Und was spüren sie, wenn ein Luftzug über Eis streicht – ein Kilo, Tonnen, ganze Berge von Eis? Eiseskälte.
Genauso sind alle unsere Gedanken und jedes Wort, das wir aussprechen, von dem aufgeladen, was wir im Herzen haben. Wenn jemand nach außen hin einen sehr gütigen Eindruck macht und sich selbst als eine Seele von Mensch darstellt, sein Herz aber voller Leidenschaften ist und er nicht nach dem lebt, was die Schriften sagen, werden natürlich alle Worte, die er äußert – auch wenn sie vielleicht sehr freundlich klingen –, ein Gefühl von Hitze in sich tragen. Wenn ihr eine mollig warme Decke über einen Eisblock legt, empfindet trotzdem jeder, der das Eis berührt, ein Gefühl von Kälte.
Ein Löffel, den man in eine Süßspeise taucht, empfindet nichts von ihrem Geschmack. Genauso ist es mit Leuten, die auf der intellektuellen Ebene alles Mögliche wissen, aber nicht danach leben.
Darum ist ein Gramm Praxis mehr wert als eine Tonne Theorie. Was macht einen Heiligen aus? Er ist ein Mensch wie ihr, aber er hat sich von einem gewöhnlichen zu einem wahrhaftigen Menschen entwickelt. Ein einziges Wort von ihm richtet mehr aus als Hunderte von Vorträgen. An allen möglichen religiösen Andachtsorten wird so viel gepredigt. Und – ändert das die Menschen? Keine Spur.

“Schweigen ist Gold“

Was sagen die Meister als drittes? „Schweigen ist Gold.“ Das bedeutet zweierlei. Erstens: Haltet eure Zunge im Zaum. Überlegt euch, was ihr sagt. Und wenn ihr es sagt, dann tut es so freundlich und höflich wie möglich. Verliert nicht bei jeder Kleinigkeit die Geduld. Ein Messerstich heilt in gut einem Monat – eine Verletzung durch Worte im ganzen Leben nicht. Jedes Mal, wenn man daran denkt, wird sie von neuem aufgerissen.
Versucht daher, nie die Gefühle anderer zu verletzen. Wenn ihr einen Blinden fragt: „He, warum sehen Sie eigentlich nichts?“, fühlt er sich schmerzlich berührt. Wenn ihr euch dagegen freundlich zu ihm setzt und ihn anteilnehmend fragt: „Wie kommt es, dass Sie Ihr Augenlicht verloren haben?“, hat das die gleiche Bedeutung, aber einen völlig anderen Effekt. Kleine Worte haben also eine große Wirkung. Sie können, je nachdem, wie sie geäußert werden, Trost spenden oder Schmerz bereiten.
Zweitens bedeutet „Schweigen ist Gold“: Nehmt euch täglich eine Zeit der Stille, am besten in der Nacht. Die Menschen, die ihre Nächte zum Meditieren nutzten, wurden zu Heiligen oder Göttern. Wie sollen wir spirituell vorankommen, wenn wir die Nächte durchfeiern oder uns allein oder mit anderen amüsieren? Ein Student, der noch um Mitternacht im Schein seiner Lampe über den Büchern sitzt, wird schließlich zum Gelehrten. Und ein Gottliebender, der seine Nächte in stiller Abgeschiedenheit und beständiger Andacht verbracht hat, reift zu einem Heiligen heran.

Lieben üben

Wie oft schlagen wir die Zeit nur zum Vergnügen tot. Und dann beklagen wir uns, dass wir keine Zeit haben. Von den 24 Stunden eines Tages braucht ihr zur Sicherung eures Lebensunterhalts vielleicht acht bis zehn, höchstens zwölf Stunden. Dann habt ihr noch zwölf Stunden zu eurer Verfügung. Wenn ihr fürs Schlafen fünf bis sechs Stunden rechnet (sechs Stunden sind genug) und für Essen, Trinken und dergleichen zwei weitere Stunden, dann bleiben euch immer noch vier Stunden. Wenn die Leute sagen: „Wir haben keine Zeit“, dann müssen sie sich eben entsprechend einrichten. Die Zeit braucht nicht erst von irgendwoher zu kommen – sie ist bereits da. Wir müssen sie nur geschickt nutzen.
Wenn ihr euch für ein Ziel entschieden habt, dann müsst ihr auch genügend Zeit dafür einsetzen, ganz gleich, was ihr erreichen wollt. Dann werdet ihr es auch zu etwas bringen: entweder wird aus euch ein kluger Gelehrter, ein tüchtiger Wissenschaftler – oder ein großer Gottliebender.
Seht also zu, dass ihr neben euren weltlichen Beschäftigungen morgens und abends regelmäßig Zeit für eure spirituellen Übungen findet – und seid dann mit ganzem Herzen bei der Sache, wie ein Kind, das ohne Wenn und Aber, sondern ganz einfach aus Liebe in die Arme seines Vaters oder seiner Mutter sinkt. Lasst von eurer ganzen Klugheit ab, schiebt alles andere beiseite und dann geht voller Liebe nach innen.

eZ Publish™ copyright © 1999-2012 eZ Systems AS