Vorerst ist zu bemerken, dass für die meisten Menschen ein wirklicher Unterricht auf diesem Gebiete nur zu erlangen ist durch einen persönlichen Lehrer.
Allein die Art und Weise, wie eine solche Anleitung ist, gibt eine genügende Garantie dafür, dass der Mensch keineswegs in eine irgendwie geartete Abhängigkeit von einem anderen gelangen kann. Die höchsten Lehrer auf diesen Gebieten gaben nichts anderes als Ratschläge und Anweisungen, und es hängt ganz von des Menschen eigenem Ermessen ab, inwiefern man sie befolgen will oder nicht. Unter diesem Vorbehalt muss alles aufgefasst werden, was auf diesem Gebiete nur irgendwie gesagt werden kann.
Es ist deshalb in der Regel untunlich, ohne persönliche Anleitung eine mystische Entwickelung zu suchen, weil fast für jeden Menschen der richtige Weg für diese Entwickelung ein anderer ist, und weil derjenige, der die Anleitung gibt, nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern im geistigen Sinne des Wortes seinen Schüler ganz genau kennen muss.
Nunmehr werden Sie fragen, wie man sich selbst ein Verständnis von den Grundlehren der Theosophie verschaffen kann, von der Lehre von der Reinkarnation und der Lehre von der ausgleichenden Gerechtigkeit, von Karma.
Es gibt nun eine goldene Regel, die man befolgen muss: Lebe so, wie wenn Reinkarnation und Karma Wahrheiten wären; dann werden sie für dich Wahrheiten werden.
Wie kann man das? Eines der großen Gesetze, die der Mensch aufstellt und intim bei sich selber erproben muss, ist das, was ausgesprochen ist in einer indischen Schrift mit den Worten: Was du heute denkst, das wirst du morgen. Derjenige, welcher an Reinkarnation glaubt, muss sich klar darüber sein, dass eine Eigenschaft, die er bei sich ausbildet, ein Gedanke, den er sich dadurch einprägt, dass er ihn immer und immer wieder hegt, zu etwas Bleibendem in seiner Seele wird und in dieser Seele immer wieder und wieder erscheinen muss. Das muss probiert werden genau ebenso, wie ein chemisches Experiment probiert werden muss.
Nun, in bezug auf Karma – wenn Sie getroffen werden von irgendeinem Unfall, von einem Schmerz oder dergleichen, dann versuchen Sie einmal, immer und immer wieder den Gedanken zu hegen: Dieser Schmerz, dieser Unfall steht nicht wie ein Wunder in der Welt da, sondern muss eine Ursache haben.
Das sind die zwei Vorbedingungen für jeden Geistesschüler, dass er das Leben so betrachtet. Er braucht sich nicht den Gedanken gleich so hinzugeben, als ob sie Wahrheiten wären. Er muss es frei und offen lassen: vielleicht sind sie wahr, vielleicht sind sie es nicht. Weder Zweifel noch Aberglauben soll er haben, denn diese sind die wichtigsten Hindernisse. Wenn jemand geeignet ist, das Leben in diesem Sinne zu beobachten, dann ist er eigentlich erst geeignet, einen mystischen Unterricht zu empfangen.
Wenn das eigene Innere die ewigen Wahrheiten zu schauen beginnt, ist plötzlich die Welt erleuchtet von vorher nicht gesehenen Farben. Es wird etwas hörbar, was man früher niemals hat ertönen hören. Diese Sphärenmusik ist nicht etwa ein Symbol, sondern eine Wirklichkeit
Nun bedenken wir, wie das Leben ist. Es ist nicht möglich, sich von den äußeren Eindrücken ganz frei zu machen. Daher ist es nötig, kurze Zeit jeden Tag auszusondern. Die kurze Zeit, die notwendig ist, ohne in Kollision mit seinen Pflichten zu kommen, die genügt – wenn es auch nur fünf Minuten sind, ja noch weniger, sie genügen. Aber dann muss der Mensch imstande sein, sich herauszureißen aus alledem, was die Sinneseindrücke ihm geboten haben, was er durch seine Augen, durch seine Ohren, durch seinen Tastsinn aufgenommen hat. Er muss für eine Weile blind und taub werden für seine ganze Umgebung. Alles, was von außen auf uns einströmt, das verbindet uns mit dem Sinnlichen, mit dem Alltag und dem Vergänglichen. Das muss für eine Weile schweigen. Eine vollständige innere Ruhe muss eintreten. Wenn für eine Weile das innere Schweigen eingetreten ist, dann fängt die Seele von selbst zu sprechen an.
Nicht gleich; sondern es ist notwendig, dass der Mensch sie erst einmal zum Sprechen bringt, und dazu gibt es Mittel und Anleitungen, welche diese innere Sprache der Seele hervorrufen. Der Mensch muss sich hingeben solchen Gedanken, Vorstellungen und Empfindungen, welche nicht dem Zeitlichen, sondern dem Ewigen entstammen, welche nicht bloß heute, gestern und morgen, nicht bloß vor einem Jahrhundert wahr gewesen sind, sondern immer wahr sein werden. Solche Gedanken finden Sie in den verschiedensten religiösen Büchern aller Völker.
Es kommt nicht auf das intellektuelle Verstehen an, sondern auf das Lieben der geistigen Wahrheit. Je mehr Liebe uns durchströmt zu solchen inneren Wahrheiten, desto mehr Kraft des inneren Schauens erwächst uns. Ein solcher Satz muss uns nicht ein oder zwei Tage, sondern wochen-, monate- und jahrelang beschäftigen; dann erwachen in uns solche Kräfte der Seele. Und dann kommt ein ganz bestimmter Augenblick, wo noch eine andere Illumination eintritt.
Das ist der Moment, wo das eigene Innere die großen ewigen Wahrheiten zu schauen beginnt. Dann ist plötzlich die Welt um ihn herum erleuchtet von Farben, die er vorher nicht gesehen hat. Es wird für ihn etwas hörbar, was er früher niemals hat ertönen hören. Die Welt wird in einem neuen Lichte erglänzen; neue Töne und Worte werden wahrnehmbar werden. Dieses neue Licht und dieser Glanz leuchten ihm aus der Seelenwelt, und die neuen Töne, die er hört, kommen ihm aus dem Geisterlande zu. Die Seelenwelt sieht man, das Geisterland hört man. Das ist eine Charakteristik dieser Welten.
Es hängt noch davon ab, dass man, um bewusst zu werden in der Seelenwelt, für diese Seelenwelt Organe haben muss wie für die sinnliche Welt. Wie Sie im Leibe Augen und Ohren haben, so müssen Sie in der Seele und im Geiste Organe haben, um die Seelenlichter und die Geistestöne wahrnehmen zu können.
Diese Gebilde sind zart, sie müssen gehegt und gepflegt werden. Das seelische Auge muss dadurch gehegt werden, dass der Mensch alle negativen Empfindungen und Gefühle bei sich beherrscht. Ferner ist notwendig, dass der Mensch insbesondere das ablegt, was bei unserer Kultur außerordentlich schwer abzulegen ist, nämlich die Begierde, fortwährend das Neueste zu erfahren. Das hat einen großen Einfluss auf das Seelenauge. Ferner ist notwendig, dass der Mensch sich abgewöhnt hat, alles zu kritisieren, alles zu beurteilen.
Man darf auch nicht erwarten, dass die Seelenaugen schon morgen da sind. Bei dem einen dauert es wenige Monate, bei dem anderen längere Zeit. Geduld muss man haben.
Einmal kommt bei jedem der Augenblick, wo diese zarten Gebilde anfangen zu sehen, und dann, wenn der Mensch in entsprechender Weise diese Übungen fortsetzt, dann gibt es drei Tugenden, die er da noch entwickeln muss, und die ihn fast zum Seher machen. Sie müssen nur in gehöriger Stärke, mit Intensität geübt werden: Selbstvertrauen mit Demut, Selbstbeherrschung mit Milde und Geistesgegenwart gepaart mit Standhaftigkeit. Das sind die großen Hebel in der Entwickelung der geistigen Organe. Die drei Tugenden führen aber zu entsetzlichen Untugenden, wenn sie nicht gepaart sind mit den drei anderen Tugenden, mit Demut, Milde und Standhaftigkeit.
Das sind herausgegriffene Beispiele, wie sie der Geheimschüler durchmacht auf den drei Stufen, die man die Vorbereitung oder Katharsis, die Erleuchtung und die Einweihung nennt. Die Vorbereitung ist geeignet, den Menschen so auszurüsten, dass es den zarten Gebilden der Seele möglich wird, herauszukommen. Durch die Erleuchtung erlangt er die Möglichkeit, auf seelischem Gebiete zu sehen, und durch die Einweihung erlangt er die Fähigkeit, dass er sich im Geistesraum selber aussprechen kann. Und wenn der Mensch imstande ist, schweigsam zu sein und nicht mehr Worte als solche in die Welt hinaus zu senden, sondern Liebe zu leben – so dass das, was Leben sein soll, Gottesdienst wird, dann fängt die Welt für ihn an zu tönen. Das ist dasjenige, was man pythagoreische Sphärenmusik nennt. Das ist nicht etwa ein Symbol, sondern eine Wirklichkeit.
Nur Andeutungen konnte ich geben, welche den Weg zeigen zu dem Pfad, der zu einem engen Tor führt. Jeder kann zu dem engen Tor kommen, und wer Mittel und Mühe nicht scheut, dem wird es aufgetan, und er findet, was er in den großen Weltanschauungen der Menschheit mitgeteilt bekommen hat: Die urewige einzige Wahrheit und den Weg des Lebens.