DIE SPIRITUELLE KRISE

DIE SPIRITUELLE KRISE

Zwischen Wahnsinn und Erleuchtung:

Psychose oder Spirituelle Krise: Für welche psychischen Erkrankungen kann das Konzept der Spirituellen Krise eine Erklärungshilfe sein? Stellungnahme einer Betroffenen.

Genie und Wahnsinn wohnen in einem Haus, diesen Spruch kennt jedes Kind. Aber auch Erleuchtung und Wahn werden immer häufiger in Zusammenhang gebracht. Vor allem wenn es um die Suche nach Erklärungen geht. Sperrt man etwa Menschen ein, die ein spirituelles Erwachen erleben, und betäubt ihre Erleuchtung gleich wieder mit Medikamenten? Oder waren christliche Heilige in Wirklichkeit gar reihenweise psychotisch und schizophren? Wie ist das eine vom anderen zu trennen?

Sicher nicht jeder, der in einer geschlossenen Anstalt landet, ist ein potentiell Erleuchteter. Aber diese Schwierigkeit der Verortung ist kein Grund, den in manchen Kreisen gern behandelten Zustand der Spirituellen Krise ganz zu negieren. Der Wahn konnte bislang nicht abschließend erklärt werden. Er scheint sich einer eindeutigen Antwort zu entziehen: Es gibt so viele Antworten, wie es Menschen gibt, die sich an einer Erklärung versuchen. Vielleicht ist dieser Umstand ein Teil der Anziehungskraft der heute so genannten Psychischen Erkrankung.

Die Spirituelle Krise – eine Erleuchtungs- und Erweckungsphase?

Der Wahnsinn, die Geisteskrankheit, hat niemals aufgehört, die Menschen abzuschrecken und gleichzeitig zu faszinieren. Gleichermaßen ziehen Mystik und Erleuchtungserlebnisse immer mehr Menschen in ihren Bann. Heute, nach einer allgemeinen Verbreitung spiritueller Lehren und der wachsenden Einsicht vieler, dass es auf dieser Erde mit ihren Phänomenen noch ganz andere Erklärungsebenen gibt, wurde auch eine neue Perspektive in der Deutung der vermeintlich erklärten Geisteskrankheiten eröffnet. Die Bedeutung des Spirituellen, des über die Persönlichkeit Hinausgehenden, der Seele und ihrer Göttlichkeit wurde auch auf die Psychiatrie und die von ihr behandelten Krankheiten angewandt. So arbeitet etwa die Transpersonale Psychologie mit einem erweiterten Wahrnehmungsbild des Persönlichen und bezieht spirituelle Aspekte in Behandlung und Heilung ein, ebenso wie in Erklärung der Krankheit.

Denn, ganz ehrlich, nichts bewegt mehr als die Frage: Wie, als was haben wir den per se unverständlichen, der Logik nicht zugänglichen Wahn zu verstehen? Die Antwort der Spirituellen Krise, einer vorübergehenden Veränderung des Wahrnehmungs- und Bewusstseinszustandes, die als Erleuchtungs- und Erweckungsphase gesehen werden kann, ist nicht völlig neu. Seit Jahrhunderten gab es in den mystischen Schulen des Christentums und der Sufis Heilige, die Erleuchtungserlebnisse hatten, denen heute die Psychiatrie offen stehen würde. Noch verbreiteter finden und fanden sich solche Phänomene im hinduistischen und buddhistischen Raum, den yogischen Traditionen und vor allem bei den schamanischen Völkern.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab C. G. Jung der neu entstandenen Psychologie eine spirituelle Komponente, aber erst seit den 60er Jahren hat diese Sichtweise eine zunehmend breitere Basis und eine eigene Richtung innerhalb der Psychologie gefunden. Aber bringt das Konzept der Spirituellen Krise wirklich hilfreiche Klärung – kann nun nicht jeder Erkrank- KRISEN te sich billig als (verkannter) Heiliger fühlen?

„Die Betroffenen müssten aus eigener Anschauung am ehesten wissen, was sie da erlebt haben.

Es gibt auch darauf keine Antwort. In einem Feld, in dem es keine eindeutigen Antworten gibt, aber viele Fragen gestellt werden, ist Wunschdenken und das Zurechtlegen dessen, was einem am besten, passt kein Wunder. Das gilt nicht nur für die teilweise verzweifelte Hilflosigkeit von Angehörigen und Betroffenen, die danach dürsten, zu erfahren, womit sie es zu tun haben. Das gilt genauso für die akademisch-klinische Diagnose und Definition der in der Psychiatrie Tätigen.

Es gibt jedoch andererseits keinen Grund, den Erklärungsansatz „Spirituelle Krise“ von vorn herein auszuschließen. Vielmehr kann er bei einem Teil der psychisch auffällig Gewordenen als Erklärung dienen. Und da liegt ein Weg, der viel eher die Realität abbildet: Vielleicht gibt es ja so viele Erklärungen, Ursachen und Bedeutungen von anderen Bewusstseinszuständen, wie davon Ereilte? Auch keine allzu gewagte These, aber eine, die für den Praxisalltag vollkommen untauglich ist. Denn dort kommt es auf Definition und Diagnose an, um dem Chaos einen Rahmen zu geben. Und was kommt dabei heraus? Weitere Verwirrung, vor allem bei den Betroffenen.

Den meisten Menschen bleibt die Verwirrung des Geistes – die psychische Erkrankung, die Psychose und der mit ihr einhergehende Realitätsverlust – ein Rätsel, den Experten auf dem Gebiet der Psychiatrie und Psychologie ebenso wie den interessierten Laien, den Angehörigen und selbst den Betroffenen. Dabei müssten diese aus eigener Anschauung noch am ehesten wissen, was sie da erlebt haben.

Hat jeder Fall eine eigene, individuelle Erklärung?

Natürlich werden alle eben so einfach ihrer Deutungshoheit Entthronten diese Behauptung schonungslos zurückweisen und mit ihren Erklärungsmodellen und Antworten aufwarten. Wir können uns dann etwas aussuchen zwischen genetisch bedingter Störung in der Gehirnchemie, den mehr oder weniger traumatischen Erlebnissen im Leben der Erkrankten oder eben der Spirituellen Krise. Vermutlich ist die individuelle Antwort komplex und vielschichtig, vielleicht ist eine eindeutige Klärung auch niemals möglich. Aber woran können wir uns dann festhalten, wie uns verorten – im Falle eigener Betroffenheit? Und wie können wir unsere Neugierde und unsere Faszination nähren – im Falle interessierter Laien?

Vielleicht gibt es noch eine andere Betrachtungsmöglichkeit. Sie erfordert eine individuelle Sicht und daher sehr viel mehr Zeit, als im Klinikalltag zur Verfügung steht. Und eine rigorose Offenheit für jede mögliche Denkrichtung als Mosaikstein einer individuellen Erklärungsannäherung, etwas das in einer Welt der festverankerten Heimat in Denkrichtungen, Schulen und sonstigen Zugehörigkeiten ein selten gewagtes Abenteuer ist. Aber geben wir uns dieser Vision für eine kurze Weile hin.

Wahnsinn und Erleuchtung – nahe beieinander

Wollten Sie nie ein wenig verrückt sein? Oder hatten Sie Angst davor? Träumten Sie nie vom Glamour des Wahns? Oder seiner Abscheulichkeit? Vielleicht wünschten Sie sich viel eher spirituelle Erleuchtung, Bewusstseinserweiterung und Erweckung der Seele, des Seins?

Nicht ungewöhnlich, aber was geschieht mit Ihnen, wenn dies tatsächlich eintritt? Da ist eine junge Frau, die in anscheinend schwerer psychotischer Verwirrung in eine Psychiatrie eingewiesen wird. Stimmen verfolgen sie, verlangen das Mitwirken an einer Weltrevolution von ihr. Medikamente und Betäubung folgen. Aber es meldet sich in der jungen Frau auch eine andere Stimme zu Wort. Die einer außerweltlich Erleuchteten: Maria Magdalena. Sie verhilft dem Mädchen zu Einblicken in andere Dimensionen unserer Welt und einer deutlich erweiterten Wahrnehmung. Das Mädchen hat das Glück, ohne Medikamente behandelt werden zu können – ein wissenschaftlich begleitetes Experiment der Reformpsychiatrie. So erlebt sie eine spirituelle Begegnung, die ihr ganzes Bewusstsein verändern wird. Später, wieder im Zustand „normaler“ (= beschränkter) Wahrnehmung, fällt es dem Mädchen nicht leicht, zu akzeptieren, dass sie diese erweiterte Sicht der Dinge verloren hat. Inmitten der Erkrankung hatte sie aber auch Kontakt zu einer anderen Seinsebene und hat von dort eine klare Veränderung ihres Bewusstseins erfahren.

Ursachen und Erklärungen finden sich in der therapeutischen Arbeit im Krankenhaus viele: das Elternhaus, der Ehrgeiz und Arbeitswahn, das Abgeschnittensein von den Emotionen, von der Seele, oder das Schicksal, die Bestimmung, eine solche Erfahrung zu machen, eine Erfahrung, die auch spirituelle Einsichten mit einbezieht. In meinem nach meinem eigenen Psychiatrieaufenthalt entstandenen, jedoch nicht autobiographischen Roman Magdala – Zwischen Wahnsinn und Erleuchtung findet sich beides, zusammen in einer Person und doch klar zu trennen. Das eine schließt das andere nicht aus, wenn wir uns erlauben, genau genug hinzusehen. Am Ende stehen Wahnsinn und Erleuchtung nah beieinander und dürfen gemeinsam existieren, die ganz normale Krankheit und ein kleines mystisches Wunder. Würden wir etwa an Wunder glauben, wenn wir sie nicht hin und wieder erlebten? Oder zumindest von jemandem erzählt bekommen, der sie erlebt hat?

Eine Spirituelle Krise braucht besondere Begleitung

Aus eigener Erfahrung muss ich nüchterner berichten, dass nach dem Abklingen des veränderten Bewusstseinszustandes und einer mehr oder weniger sanften, meist durch Psychopharmaka beschleunigten Rückkehr in die Realität neben anderen Nachwirkungen vor allem Verwirrung zurückbleibt. Was war mit mir geschehen? Die Diagnose von offizieller Warte mag da nicht immer helfen, ich bin zum Beispiel vieles gewesen: paranoid und schizophren, polymorph psychotisch, am Ende hat man sich dann auf manisch-depressiv geeinigt. Damit habe ich mich gut arrangiert, es schien mir nachvollziehbar.

In einer Therapie habe ich weiterhin nach Ursachen und etwas gesucht, was mir eine Erklärung hätte geben können. Fündig geworden bin ich nicht. Noch heute beantworte ich die Frage nach der Ursache meiner Erkrankung, den Gründen und ob sie denn noch mal wiederkommen wird, mit einem etwas angestrengten Achselzucken. Irgendwann habe ich es einfach aufgegeben. Ich brauchte kein endgültiges Wissen mehr. Es ist, wie es ist.

Meine zweite Episode war stark von Elementen der Spirituellen Krise durchsetzt. Aber der Wahn war stärker und die Medikamente sowieso. Die Grenzen sind oft schwer zu ziehen, und eine Spirituelle Krise braucht besondere Begleitung und sichere Umgebung. Das ist in den seltensten Fällen zu haben. Und ohne Zweifel fließen psychotischer Realitätsverlust und Zustände spiritueller Bewusstseinserweiterung in vielen Fällen ineinander. Dennoch kann das Erleben des Erkrankten durchaus eindeutig in den letzteren Bereich gehen. Allein dies anzuerkennen, ganz abgesehen, ob es den eigenen Ansätzen entspricht oder nicht, kann dem Einzelnen bei der anstehenden Identitätsfindung nach der Erkrankung sehr helfen.

Nichts ist eindeutig, alles fließt ineinander, und jede Erkrankung ist stark individuell geprägt. Wenn Wahn und Spirituelle Krise nebeneinander und dann eben auch vermischt existieren dürfen, ist damit allen Betroffenen geholfen, und der Deutung stehen neue Wege offen. Und wer weiß, vielleicht findet der eine oder die andere auf ihren spirituellen Weg.

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