„Liebe wächst nicht auf Bäumen und man kann sie nicht im Laden kaufen“ – sie wird uns als Gottesgeschenk ins Herz gelegt. Wir müssen sie aber hegen und pflegen, um sie zur vollen Entfaltung zu bringen, damit sie uns und anderen zum Segen wird.
Gott ist Liebe, und auch der Weg zu Gott führt über die Liebe. Aber wie können wir diese Liebe in uns hervorrufen? Wie können wir sie empfangen und dann an andere weitergeben? In diesem Zusammenhang wird regelmäßig die Klage laut: „Ich möchte ja gern alle Menschen lieben, aber wenn ich dann sehe, wie sie sich verhalten, schaffe ich es einfach nicht.“ Woher kommt das? Wir wissen zwar, dass Gott uns alle nach seinem Ebenbild erschaffen hat und dass wir demnach alle ein Teil von Ihm sind – eine einzige große Familie von Brüdern und Schwestern, die alle Gott zum Vater haben. Dieses oftbeschworene Idealbild kennen wir zur Genüge, doch warum spüren wir im „real existierenden“ Leben nichts davon?
Weil wir Gott nicht aus eigener Anschauungkennen und deshalb auf die Logik unseres Verstandes angewiesen sind, die uns sagt, dass wir, wenn Gott unser Vater ist, untereinander Geschwister sein müssen. Das Gefühl, Gott wirklich näher zu kommen, beginnt erst dann in uns zu wachsen, wenn uns die Saat der göttlichen Liebe ins Herz gelegt wird. Das geschieht bei der Taufe oder Initiation auf den spirituellen Pfad. Das griechische Wort für „Taufe“ lautet baptisma und bedeutet wörtlich „die Saat in die Erde legen“. Die Initiation beschränkt sich also nicht nur auf die Vermittlung der fünf heiligen Namen Gottes, die uns Zugang zu den inneren Offenbarungen (s. Kasten) gewähren, durch die sich Gott der Seele mitteilt sondern schließt auch ein, dass uns die Liebe Gottes ins Herz gepflanzt wird. Und in dem Maße, wie diese Liebe in uns heranwächst und Gestalt annimmt, spüren wir auch ihre Wirkung. Und wie können wir dieses Pflänzchen zum Blühen bringen? Dazu gehört als allererstes, dass wir, statt weiter auf unseren Verstand zu bauen, der göttlichen Weisheit folgen, oder um es mit den Worten Christi zu sagen: „Wenn ihr mich liebt, dann haltet meine Gebote“ (vgl. Jh 14,15).
Liebe wächst nur dann, wenn wir sie auch zum Ausdruck bringen. Sonst wird sie immer nur ein Schattendasein fristen und keine rechten Früchte bringen.
Zweitens dürfen wir auch dann nicht von unserer liebevollen Grundhaltung abweichen, wenn andere sie nicht erwidern oder uns sogar Schaden zufügen. Dann denken wir vielleicht: „Dieser Mensch ist so gemein, den kann man gar nicht lieben“ und kommen leicht in Versuchung, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Alles, was sich Menschen gegenseitig antun, ist aber grundsätzlich karmisch bedingt. Wenn uns jemand schlecht behandelt, dann lag wahrscheinlich ein karmischer Anlass dazu vor, der mit diesem Vorfall eigentlich beendet ist. Wenn wir ihn jedoch dafür kritisieren und mit unserer Einschätzung auch nur im geringsten falsch liegen, erzeugen wir damit neues Karma, das irgendwann auf uns zurückfällt. Darum heißt es im Neuen Testament: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (vgl. Mt 7,1). Denn solche Urteile sind immer dem Irrtum unterworfen und bleiben nicht ungestraft. Die Bibel rät uns in solchen Fällen, „dem Bösen nicht zu widerstehen“ (vgl. Mt 5,39), indem wir das vermeintliche Unrecht, das uns geschehen ist, nicht weiter verfolgen. Vielmehr sollten wir uns sagen, dass es sicher einen guten Grund dafür gegeben hat, und die Sache damit als erledigt betrachten.
Drittens wächst jede Art von Liebe nur dann, wenn wir sie auch zum Ausdruck bringen: indem wir freundlich zu anderen sind oder uns um sie kümmern und gerne etwas für sie tun. Wenn wir es daran fehlen lassen, wird unsere Liebe immer nur ein Schattendasein fristen und keine rechten Früchte bringen.
Anderen zu dienen und für sie da zu sein trägt ganz wesentlich dazu bei, die Liebe in uns selbst zu vermehren. Es sollte aber viertens auf selbstlose Weise geschehen. Wenn wir es aus egoistischen Gründen tun, vermehren sich nur unsere Probleme. Menschen selbstlos zu dienen ist der beste Weg, Gott zu verehren. Wodurch wird Liebe selbstlos?
Wir müssen uns klar machen, dass Liebe kein Tauschmittel ist, für das wir eine gleichwertige Gegenleistung beanspruchen können. Sie ist kein 100-Euro-Scheck, der uns berechtigt, umgehend 100 Euro in bar ausbezahlt zu bekommen. Die allgemeine Selbstsucht ist in dieser Hinsicht schon so weit verbreitet, dass wir noch für jedes „Dankeschön“ ein „Gern geschehen“ oder „Danke auch“ zurückerwarten. Und wenn wir zu jemandem freundlich oder liebevoll sind und er unsere Gefühle nicht sofort erwidert, fühlen wir uns gleich verletzt und vor den Kopf gestoßen. Doch auch wenn er sie erwidert, sind wir unzufrieden und finden, dass er längst nicht so nett zu uns gewesen ist wie wir zu ihm. Erst wenn wir aufhören, ständig Gegenleistungen für die Wohltaten zu fordern, die wir anderen erweisen, hören auch all diese Empfindlichkeiten auf, und können unseren Frohmut nicht mehr trüben.
Als fünftes ist zu beachten, dass Liebe nicht auf Bäumen wächst, so dass sich jeder einfach davon nehmen kann, was er gerade braucht. Liebe gibt es nicht umsonst. Sie ist auch keine Ware, die man in jedem Laden kaufen kann. Wer Liebe will, muss auch bereit sein, Opfer zu bringen. Ein weiser Mensch hat einmal gesagt: „Wahre Liebe kostet dich den Kopf“. Das heißt, dass wir unser Ego aufgeben müssen, das vor allem durch den Verstand operiert. Denn das Ego steht der Liebe ganz besonders im Weg.
Wir alle kennen das Gefühl, jemanden zu lieben, der uns offenbar nicht wiederliebt. Dann glauben wir, dass unsere Liebe vergeblich war, und wenden uns voller Enttäuschung ab. Doch wahre Liebe ist unsterblich: sie erwartet keine Gegenliebe und vergeht nicht gleich, wenn sie unerwidert bleibt. Wenn das sogar für die weltliche Liebe zwischen zwei Menschen gilt, die niemals frei von Egoismus ist, dann trifft es erst recht auf die spirituelle Liebe zu, die keine Selbstsucht kennt. Und um diese wahre, unvergängliche Liebe zu finden, müssen wir unser Ego opfern, weil es nie bereit ist, mehr zu investieren, als es am Ende heraus bekommt, und seine Gunstbeweise nur dort verteilt, wo es sich „rechnet“ und „lohnt“.
Ein weiteres Hindernis, das unserer Liebe zu Gott im Wege steht, sind sechstens unsere weltlichen Wünsche. Ein Heiliger namens Tulsi Das hat das einmal so ausgedrückt: „In einem Herz voller Wünsche ist kein Platz für Gott.“ Wenn wir Gott von vorn herein nur aus egoistischen Gründen lieben, nämlich damit er uns unsere Wünsche erfüllt, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir leer ausgehen. Wenn wir neben unseren Wünschen auch Gott im Herzen haben, bekommen wir alles, was wir wollen – bloß nicht ihn. Erst wenn wir nur noch ihn lieben, schenkt er sich uns selbst – und alles, was wir uns wünschen, noch dazu: „Liebe, und alles wird dir dazu gegeben“.
Genauso sollen wir siebtens auch andere Menschen nicht um äußerer Dinge willen lieben, etwa wegen der materiellen Vorteile, die sie uns verschaffen können, oder wegen ihrer körperlichen Vorzüge. Mein Meister sagte immer: „Liebt den Kern und nicht die Schale.“ Unsere Liebe sollte nicht davon abhängen, wie attraktiv jemand aussieht, wie formvollendet er sich benimmt oder wie gut er sich ausdrücken kann. Statt auf solche Äußerlichkeiten sollten wir vielmehr auf sein Herz und seine Seele schauen und unsere Liebe darauf richten. Diese Art von Liebe ist spiritueller Natur. Sie nährt und stärkt unsere Seele und trägt dazu bei, sie von all den weltlichen Eindrücken zu befreien, die sie im Laufe zahlloser Lebensläufe aufgenommen hat.
Diese spirituelle Liebe lässt sich nicht auf bestimmte Beziehungsmuster festlegen. Sie ist weder väterlich noch brüderlich noch freundschaftlich, sondern schlicht und einfach grenzenlos. Zwar heißt es in den Veden sinngemäß: „Gott, die Quelle allen Reichtums und aller Tugend, ist unser größter Schatz. Er ist unser Vater und unsere Mutter, unser Bruder und Freund, unser Herr und Gemahl, unser höchster Gebieter.“ Wie sollen wir ihn also nennen: Vater oder Mutter? Bruder oder Freund? Schatz oder Eheliebster? All diese Umschreibungen sollen lediglich ausdrücken, dass es nichts Höheres gibt als ihn, dass er unser Ein und Alles ist und dass wir ohne ihn nicht sein können.
Zum Einmaleins des Liebens gehört achtens noch eine ganz besonders wichtige Regel. Der Dichter Rahim hat sie einmal so umschrieben: „Liebe ist das Band, das zwei Herzen zusammen hält – darum überspannt es nicht, sonst reißt es entzwei und wird nie wieder ganz.“ Bei dem Versuch, eine durchgerissene Schnur zu reparieren, bleibt immer ein störender Knoten zurück. Wenn man sich gegenseitig verletzt hat, sollte man den Vorfall am besten gleich vergeben und vergessen. Wenn einer dem anderen nicht verzeihen kann, bekommt die Liebe zwischen ihnen einen unwiderruflichen „Knacks“ und wird trotz aller Versöhnungsversuche nie mehr so innig, wie sie einmal war.
Ein Freund von mir zitierte mir dazu einmal einen wunderschönen Satz aus einem Gedicht. Er kam eigens zu mir ins Büro, um ihn mir vorzulesen. Dort hieß es: „Eine Freundschaft zu zerbrechen, dauert nur einen Augenblick, darum überlege lieber fünfzig Jahre lang, ob du das wirklich willst.“ Ehe wir eine Freundschaft aufs Spiel setzen, wollten wir lieber hundert Mal abwägen, ob wir dem anderen nicht doch vergeben können.
Um das Einmaleins des Liebens von Grund auf zu erlernen und zur Vollendung zu bringen, legte uns mein Meister Sant Kirpal Singh neuntens folgenden guten Rat ans Herz: „Tut Gutes, seid gut, werdet eins.“ Gutes zu tun bedeutet, anderen selbstlos zu dienen. Gut zu sein bedeutet, seinem spirituellen Vorbild nachzueifern, bis man es erreicht hat, und beides führt schließlich dazu, dass man eins wird mit Gott.
Dieser Weg zur Erlösung lässt sich auch in dem folgenden Ein-Punkte-Programm zusammenfassen: „Liebe Gott mit allen deinen Kräften, von ganzem Herzen und aus ganzer Seele“ (vgl. Mk 12,30). „Mit allen deinen Kräften“ heißt: körperlich, indem wir anderen selbstlos dienen, „von ganzem Herzen“ heißt: mental, indem wir in Gedanken immer bei ihm sind, und „aus ganzer Seele“ heißt: spirituell, indem wir seine Offenbarungsformen Licht und Klang (s. Kasten) als „Himmels-“ oder „Lebensbrot“ (vgl. Jh 6,31ff) in uns aufnehmen, uns mit Kraft und Stärke erfüllt.
So beginnt und endet das Einmaleins des Liebens bei Gott. Und wenn es uns gelingt, diese Liebe in uns zu entwickeln, werden wir von allem Leid und Schmerz befreit und finden dauerhaften Frieden.