Sukh Dev war der Sohn eines Heiligen. Eines Tages fragte er seinen Vater: „Ich möchte gerne in die Wissenschaft der Seele initiiert werden – an welchen Meister wende ich mich da am Besten?“ Sein Vater riet ihm, zu König Janaka zu gehen, der gleichzeitig ein spiritueller Meister war.
Der junge Sukh Dev war ein kluger Bursche. Auf dem Weg zum König beschlich ihn schon bald der Gedanke: „Janaka ist ein König, also muss er doch auch das Leben eines Monarchen führen und sich viel mit weltlichen Angelegenheiten befassen. Wie kann er dann ein spiritueller Meister sein?“ Und er kehrte sogleich unverrichteter Dinge wieder um.
Am Abend fragte ihn sein Vater: „Und, mein Sohn – warst du beim König und hast du von ihm die Initiation auf den Pfad erhalten?“ Der Junge erwiderte: „Nein, heute hatte ich noch keine Zeit. Ich gehe morgen hin.“
So brach er am nächsten Tag von Neuem auf. Doch auf halbem Wege kroch der Gedanke in ihm hoch: „Als König ist Janaka doch auch der Oberbefehlshaber der Armee. Was, wenn er nun seinen Soldaten befiehlt, ein anderes Land zu überfallen, wo sie dann ganz viel Unheil anrichten? Und da das alles auf seinen Befehl hin geschehen würde, wäre er dafür verantwortlich. Womöglich ist er also ein großer Sünder.“ Bei diesem Gedanken kehrte Sukh Dev abermals um.
Wir sind nicht unentschlossen, weil wir zweifeln, sondern zweifeln, weil wir unentschlossen sind.
Und als ihn der Vater am Abend wiederum fragte: „Nun, mein Junge, hast du heute die Initiation erhalten?“, erwiderte er ein zweites Mal: „Nein, ich hatte noch keine Zeit, aber morgen schaffe ich es ganz bestimmt.“
So brach Sukh Dev Tags darauf ein drittes Mal zum Meister auf. Er war schon ziemlich weit gekommen, als ihn der Gedanke überfiel: „Was soll ich eigentlich bei einem Meister, den ich gar nicht für kompetent halte?“
Da erblickte er einen alten Mann, der gerade dabei war, mit beiden Händen Erde in einen Bach zu werfen, um damit einen Wall aufzuschütten. Der Bach floss aber so schnell dahin, dass er die ganze Erde sogleich wieder weg spülte. Dennoch nahm der Mann weiter Erdklumpen vom Boden auf und warf sie ins Wasser, das sie im Nu wieder mit sich fort riss. Dem Mann rann schon der Schweiß von der Stirn, so sehr strengte er sich bei seiner Arbeit an.
Als Sukh Dev ihn beobach tete, sagte er zu ihm: „Du Dummkopf. Warum tust du das? Siehst du denn nicht, dass all deine Mühe umsonst ist?“ Der alte Mann entgegnete: „Ich bin kein Dummkopf – wohl aber Sukh Dev, denn er denkt fortwährend schlecht von König Janaka und hat auf diese Weise bereits den ganzen Schatz seines guten Karmas ver loren, der ihn zur Initiation berechtigt hätte.“
Als der Junge das hörte, erschrak er zutiefst und ging, sobald er sich wieder gefasst hatte, in aller Bescheidenheit zum König. Doch gleich als er den Palast betrat, sah er Janaka auf einem prunkvollen Sessel sitzen, und schon geriet er wieder ins Zweifeln: „Der König führt offenbar ein sehr luxuriöses Leben. Wie kann er da ein vollendeter Meister sein?“
Der König wusste aber um seine Gedanken und fragte ihn: „Nun, mein Freund, was führt dich zu mir?“ Sukh Dev erwiderte: „Ich bin gekommen, um die Initiation zu erhal ten.“ Der König erwiderte: „Ich habe jetzt keine Zeit. Komm in sechs Stunden wieder. Aber bis dahin sollst du eine Aufgabe erfüllen.“ Der Junge nickte: „Gut, was soll ich tun?“
Da gab ihm Janaka eine Schale in die Hand, die randvoll mit Öl gefüllt war, und trug ihm auf: „Lauf damit quer durch die Stadt und achte darauf, keinen einzigen Tropfen zu verschütten.“ Sukh Dev machte sich weisungsgemäß auf den Weg und achtete die ganze Zeit darauf, kein Öl zu vergießen. Davon war er so in Anspruch genommen, dass er keinen Blick mehr für seine Umgebung hatte.
Als er am Abend wieder beim König eintraf, war er sehr erleichtert und dachte: „Gott sei Dank, jetzt brauche ich nicht mehr so höllisch aufzupassen – ich konnte ja an nichts anderes mehr denken!“ Der König erkundigte sich: „Nun, mein Junge, hast du auch gut dafür gesorgt, dass Dir kein Tropfen Öl verloren ging?“ Sukh Dev antwortete: „O ja, das habe ich.“ Dann wollte der König wissen: „Du bist doch über den Markt gegangen, wo es immer so verlockend riecht. Wonach hat es denn da geduftet?“ Sukh Dev erklärte: „Keine Ahnung. Ich habe nur auf mein Öl geachtet.“ Der König fuhr fort: „Auf dem Basar gibt es doch immer so schöne Auslagen. Was hat dir denn besonders gut gefallen?“ „Ich habe nichts gesehen“, sagte der Junge, „ich habe ja die ganze Zeit nur auf mein Öl geachtet.“
Da sagte der König zu ihm: „Mein Junge, du warst so sehr in deine Aufgabe vertieft, dass du die vielen schönen Dinge um dich her überhaupt nicht wahrgenommen hast. Wie konntest du dann ernsthaft annehmen, dass ein Mensch, der immer in Gott versunken ist, sich um irgendwelche weltlichen Dinge kümmern kann? Er mag so vieles tun, aber seine Aufmerksamkeit ist währenddessen immer ganz bei Gott.“ Da endlich verstand Sukh Dev und erhielt vom König die Initiation.
Wenn wir es endlich geschafft haben, einen Meister zu finden, erliegen wir nicht selten demselben Irrtum. Wir betrachten ihn nur mit äußeren Augen und fragen uns: „Er tut das Gleiche wie wir. Wo ist da eigentlich der Unterschied zwischen ihm und uns?“ Der entscheidende Unterschied liegt aber darin, dass er bei allem, was er tut, ausschließlich in Gott vertieft ist, während wir uns vor allem von weltlichen Dingen vereinnahmen lassen. Erst wenn wir die Richtung unseres Denken umkehren, unsere Aufmerksamkeit nach innen wenden und unser inneres Auge öffnen lassen, können wir Liebe zu Gott entwickeln, und dann wird uns alles, was wir in dieser Welt tun, dabei helfen, Gott zu erkennen.
Je besser wir dann in der Meditation und im täglichen Leben unsere Aufmerksamkeit schulen, desto größer wird unsere Unterscheidungskraft, und desto klarer erkennen wir in ihrem Licht, wie die Dinge wirklich zusammenhängen. Oft ist es nämlich ganz anders herum, als wir denken: Wir sind nicht unentschlossen, weil wir zweifeln, sondern zweifeln, weil wir unentschlossen sind.
Wahre Meister raten uns niemals, ihnen blind zu folgen, sondern ihre Worte an unseren inneren Erkenntnissen zu messen. Wenn wir dann zu der Überzeugung gelangt sind, dass unser Meister der richtige für uns ist, dann sollten wir ihm und seinen Weisungen vertrauen. Er kennt den Weg zu unserem Ziel aus eigener Erfahrung und wird auch uns sicher dorthin geleiten.