Frage: Immer mehr Menschen glauben heute, dass wir angesichts der Bedrohungen unserer Zeit, die möglicherweise kurz vor der Selbstzerstörung der Menschheit steht, endlich aufwachen und uns auf die spirituellen Werte von Jesu Lehre besinnen sollten. Viele hoffen, dass angesichts drohender Katastrophen die Menschheit womöglich doch noch für Jesu Utopie von ei nem anderen, höheren Menschen empfänglich wird. Sie verstehen seine Worte „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18,36) als Aussage darüber, dass er einen edleren Menschen und eine vollkommenere Gesellschaft vor Augen gehabt hat, die mit der real um ihn her existierenden Welt nichts gemein hatte. Kann man das Reich Gottes nicht auch im diesseitigen Sinn verstehen und Nutzen daraus ziehen?
Antwort: Die Worte „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ spricht Jesus als Erwiderung auf die Frage des Pontius Pilatus: „Bist du der König der Juden?“ (Joh. 18,33), um auszudrücken, dass er kein König im weltlichen und politischen Sinne ist. Wenn Jesus sonst als Gottessohn von seinem Reich spricht, dann immer im spirituellen Sinn.
„Das Reich Gottes ist nur dem Einzelnen zugänglich, auch wenn es durch ihn auf andere aus strahlt.“
Zum ersten Mal geschieht dies im Zusammenhang mit seiner Nachfolge. Die Kirche sagt, Jesus habe einmal vor zweitausend Jahren gewirkt und werde irgendwann in ferner Zukunft wiederkehren. Dies ist eine Irrlehre. Denn die heutige Kirche ist nicht die Kirche Jesu Christi, sondern eine Kirche, die zunächst auf der von Jesu Lehre völlig abweichenden Dogmatik des Paulus begründet wurde und sich dann selbständig weiter entwickelte. Jesus selbst erklärte seinen Jungem, er werde bald wiederkommen (vgl. Off. 3,11): „Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht kosten werden, bis sie den Menschensohn mit seinem Reiche kommen sehen“ (Matth. 16,28) – also so bald, dass einige von denen, die ihm zuhörten, es noch zu ihren Lebzeiten erfahren würden. So wie Jesus selbst einen Meister hatte – Johannes den Täufer –, so hinterließ auch er einen Nachfolger, einen „Tröster“, der die Menschen weiter führte, und dieser Vorgang hat sich in der ganzen Menschheitsge schichte stets wiederholt.
Nach Jesu eigenen wiederholten Aussagen ist das Reich Gottes nicht die utopische Vorstellung von einer Gesellschaft in dieser Welt. Jesus blickte in die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft – er war so allwissend wie Gott. Er konnte daher unmöglich dem Traum nachhän gen, die Menschheit insgesamt könne irgendwann einmal bereit sein, sich seiner Lehre gemäß umzuwandeln.
Vielmehr betonte er: „Es sind einige unter denen, die hier stehen, die das Reich schauen werden“ (vgl. Luk. 9,27), und stellte weiter klar: „Das Reich kommt nicht in äußerlich wahrnehmbarer Weise; man wird auch nicht sagen: Seht, hier ist es, oder: Dort! Denn seht, das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Luk. 17,20-21). Das bedeutet zweierlei:
1. Wer damals wie heute die Meditation übt und mit der Seele nach innen geht, weiß, wo das Reich Gottes liegt. Das Reich Gottes ist nur dem Einzelnen zugänglich, auch wenn es durch ihn auf andere aus strahlt, die mit ihm in Berührung kommen.
2. Jesu direkter Einfluss beschränkte sich nur auf seine Lebenszeit, denn nur so lange war es seine Aufgabe, die Menschen nach innen zu führen, wie er auch selbst erklärte: „Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt“ (Joh. 9,5). Da die Aufgabe der Gottmenschen so klar definiert ist, ma chen sie auch keine Vorhersagen über die fernere Zukunft, sondern sie wissen, dass Gott zu allen Zeiten seine Boten schickt, die dann ihre jewei lige Aufgabe erfüllen.
Überdies bin ich nicht damit einverstanden, dass eine drohende, möglicherweise weltweite Katastrophe (etwa im Zuge des jetzt viel diskutierten Klimawandels) die Menschen für Jesu Botschaft reif machen könnte.
Es gibt die Auffassung, nach der man die Menschheitsgeschichte in das goldene, das silberne, das kupferne und das eiserne Zeitalter einteilt (vgl. VISIONEN, September 2007 ), um damit den jeweiligen moralischen oder spirituellen Stand der Menschheit zu be zeichnen. Wir haben jedoch Zeugnisse vom Wirken spiritueller Meister aus all diesen Zeitaltern, aus denen hervorgeht, dass es in guten wie in schlechten Zeiten Menschen gibt, die sich nach der Erlösung sehnen. Wer glaubt, Religion habe nur in Zeiten der Not ihre Berechtigung im Leben der Menschen, müsste daraus den Schluss ziehen, Gott brauche den Menschen nur ständig schlimme Katastrophen herabzusenden, um sie zu sich zu führen. In Wahrheit sind es auch in solchen Zeiten nur wenige, die sich aufrichtig Gott zuwenden und ihn nicht nur aus Angst heraus um Schutz vor äußeren Katastrophen anrufen.
Hier muss einmal mehr betont werden, dass Jesu „Reich Gottes“ nichts mit der äußeren Welt zu tun hatte. Wenn er sagte, er sei nicht von dieser Welt, so hieß das nicht, die Menschheit habe den von ihm erwünschten Idealzustand des Zusammenlebens miteinander nur noch nicht erreicht, sondern es bedeutete, dass Gottes Reich im Innern, in der Welt des Geistes, zu finden sei. Dies galt zu seiner Zeit genauso wie zu jeder anderen, und so ist auch Jesu Botschaft vom Reich Gottes stets dieselbe geblieben. Zu seiner Zeit waren nur wenige Menschen dafür bereit, und dies wird sich im Wesentlichen niemals ändern.
Antwort: Auch hier müssen die Worte des Evangeliums wieder ohne die durch die Auslegung der Kirche entstandenen Vorurteile genau betrachtet werden. „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe“ heißt nicht etwa, wie es die kirchliche Lehre erklärt, Johannes habe das nahe Ende der Welt beschworen und unter diesem Eindruck die Menschen zur Umkehr bewe - gen wollen. Das „Himmelreich“ ist für alle die Menschen nahe, die einem vollendeten Meister wie Jesus be gegnen und von ihm die Taufe oder Initiation auf den inneren Weg empfangen, denn wenn sie sich unter sei ner Führung vom Körperbewusstsein zurückziehen und im Innern göttliche Offen barungen (s. Infos) empfangen, sind sie mit ihrem Bewusstsein im „Himmelreich“. Um für diese Erfahrung bereit zu sein, ist es jedoch notwendig „umzukehren“, das heißt sich von der Bindung an weltliche Dinge zu lösen und die Freude im Innern zu suchen – das ist Umkehr. Hierin unter scheidet sich Johannes überhaupt nicht von Jesu Aussage.
Und was das Jesaja-Wort betrifft, so bedeutet „dem Herrn die Wege zu ebnen“, sich mit der Auf merksamkeit nach innen zu wenden, sich nach den Worten der Bibel ins eigene „Kämmerlein“ (vgl. Matth. 6,6), zum „Einzelauge“ (vgl. Matth. 6,22), zur „Himmelstür“ (vgl. Off. 4,1) zurückzu ziehen – oder zum „Zehnten Tor“, wie es in den indischen Schriften heißt –, um dort Gottes Offen barung zu empfangen. Gott kann sich nur demjenigen offenbaren, der sich zunächst oberhalb der Sinne bis zu diesem Punkt zurückgezogen hat. Auch diese Aussage gilt universal für die Lehre aller spirituellen Meister.
Einfluss nehmen? Antwort: Es wird tatsächlich zu allen Zeiten nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Menschen geben, die Meditation üben und dabei di rekte Botschaften von Gott empfangen. Aber wenn wir uns von diesen Botschaften die Rettung der Welt erhoffen, sind wir dabei, Gottes Probleme lösen zu wollen. Wenn er entsprechend seinem Plan die Menschheit zu einem bestimmten, weiseren Verhalten führen will, besitzt er dafür vielerlei Mittel.
Die berechtig ten Rufe der Menschen im Westen nach mehr Vernunft im Umgang mit der Natur sollten sich stärker mit dem Vertrauen in Gottes Allmacht ver binden. Ein solches Vertrauen würde den Menschen viel Angst ersparen. Die gütige Gotteskraft wacht stets über die Menschen. Wenn sie durch Leid aus ihren Fehlern gelernt ha ben, werden sie zum Umdenken fähig. Wenn sie sich dann an Gott erinnern und sich seiner Führung öff nen, werden sie auch zu weiserem Handeln und damit zur Erhaltung dieser Welt inspiriert.